Osnabrück Für Kliniken, Hospiz und ein Pflegeheim werden Bombenräumungen zur (teuren) Routine
In Osnabrück steht die nächste Bombenräumung an. Wieder liegen zwei Krankenhäuser, ein Pflegeheim und das Hospiz im Evakuierungsgebiet. Die Mitarbeiter gewinnen langsam Routine im Ausnahmezustand.
Sie nennen ihre Runden noch „Krisenstab“: die Sitzungen, in denen sich das Personal des Marienhospitals (MHO) auf die Bombenräumung am kommenden Sonntag vorbereitet. Inzwischen könnte das Gremium aber auch Routinestab heißen, sagt Ute Laumann, Sprecherin der Niels-Stensen-Kliniken.
Das fünfte Mal innerhalb eines Jahres liegt das Marienhospital im Evakuierungsgebiet einer Bombenräumung im Osnabrücker Lokviertel. Es teilt damit das Leid mit dem benachbarten Christlichen Kinderhospital (CKO) und dem Hospiz an der Johannisfreiheit. Auch das Pflegeheim Haus Schinkel der Diakonie liegt im Radius von einem Kilometer rund um die vier potenziellen Fundstellen und muss evakuiert werden – das inzwischen sogar sechste Mal. Der Ausnahmezustand wird hier langsam zur Regel.
Um die Belastung für die 84 Bewohnerinnen und Bewohner möglichst gering zu halten, lässt die Diakonie das Haus Schinkel schon am Freitag räumen, wie Sprecherin Karina Eggers berichtet. Bis Montag ziehen die alten Menschen ins Küpper-Menke-Stift, eine Altenpflegeeinrichtung der Diakonie, in der ausreichend Zimmer zur Verfügung stehen.
„So haben sie mehr Zeit, sich auf den Umzug einzustellen und müssen nicht am späten Abend noch zurück. Wir wollen den Transport und den Aufenthalt so entspannt wie möglich gestalten“, erklärt Eggers. Viele der Bewohner sind dement. Die Spontanräumung im Februar und eine Evakuierung bei großer Hitze im Juli hatten die alten Menschen emotional und körperlich an Grenzen gebracht.
Anders als das Pflegeheim müssen die beiden Krankenhäuser im Evakuierungsgebiet nicht geräumt werden. Unter strikten Sicherheitsvorkehrungen bleiben dort Patienten in den Gebäuden: All jene, die bis Sonntag, 7 Uhr, aus gesundheitlichen Gründen nicht entlassen werden können.
Auch im Hospiz kläre sich im Laufe der Woche, welche Gäste am Sonntag „ins häusliche Umfeld“ ziehen können, sagt Hospiz-Geschäftsführerin Doris Homölle. Einige der sterbenskranken Gäste sind nicht mehr transportfähig. Sie werden während der Bombenräumung in Räumlichkeiten des Hospizes betreut, die von den Fundstellen abgewandt liegen. Fenster des Gebäudes sind mit Splitterschutzfolie beklebt.
Diese spezielle Folierung hat auch das MHO an weiten Teilen seiner Fenster anbringen lassen. Zuletzt kamen noch mal Fensterflächen hinzu. „Oberste Priorität hat dabei für uns die maximale Mitarbeiter- und Patientensicherheit”, wird MHO-Krankenhausdirektor Carsten Oberpenning in einer Mitteilung zitiert.
Die neuerlichen Investitionen in die Sicherheit schlugen mit einer fünfstelligen Summe zu Buche, erklärt Sprecherin Laumann. Wirtschaftlich ungünstig für das MHO sei zudem, dass die Räumung nach mehreren abgesagten Terminen nun ausgerechnet wieder in den November fällt – wie schon die erste vor einem Jahr.
„Das ist unser belegungsstärkster Monat“, erklärt sie. Die Krankenhäuser seien wegen der Bombenräumung angehalten, möglichst wenig Patienten im Haus zu haben. Einige geplante Eingriffe müssten deshalb verschoben werden. Insgesamt seien am Sonntag rund ein Viertel weniger Betten belegt als an einem üblichen Novembersonntag. Die Räumung bedeute für das MHO insgesamt einen Verlust in sechsstelliger Höhe.
Ab 7 Uhr morgens darf das MHO nicht mehr betreten oder verlassen werden. Die Notaufnahme ist von diesem Zeitpunkt an abgemeldet. Rettungswagen steuern das Klinikum oder umliegende Krankenhäuser an. Therapien an Patienten im MHO würden aber fortgeführt. Auch ungeplante operative Eingriffe seien möglich, erklärt die Sprecherin.
Schwangere und ihre Begleitpersonen würden bis zum Evakuierungsbeginn im MHO aufgenommen und dort auch während der Räumung familiär betreut.
Auch das CKO ist ab 7 Uhr morgens geschlossen. Für Notfälle bleibt das einzige Kinderkrankenhaus in Stadt und Landkreis Osnabrück aber erreichbar. „Wir sind da für alle Kinder, die uns brauchen. Wir melden uns nicht aus der Notfallversorgung ab“, erklärt Geschäftsführer Michael Richter.
Geplante Eingriffe in den Tagen vor der Räumung musste das CKO nicht verschieben oder absagen, so Richter weiter. Kommen in Osnabrück extreme Frühchen zur Welt, werden sie normalerweise in MHO und CKO versorgt. Diese Versorgung stellt das CKO am Sonntag während der Bombenräumung am Klinikum sicher.
Weil die Notaufnahme des MHO vom Netz geht, bereiten sich das Klinikum Osnabrück und das Franziskus-Hospital am Harderberg auf deutlich mehr Notfallpatienten vor. Der Kreißsaal im Klinikum rechnet mit mehr Geburten.
Bei den vergangenen Räumungssonntagen sei in der Notaufnahme zwar deutlich weniger los gewesen, als zunächst befürchtet, schildert Dieter Lüttje, Krisenkoordinator des Klinikums. „Darauf können wir uns aber nicht verlassen.“ Im November stellten sich beispielsweise mehr Infektpatienten vor.
Viele Mitarbeitende leisten für die Bombenräumung einen zusätzlichen Sonntagsdienst, betont Lüttje. „Langsam gehen einige echt auf dem Zahnfleisch.“ In ihrem Namen wolle er deshalb einen dringenden Appell an die Bevölkerung loswerden: „Es würde unsere Arbeit unendlich erleichtern, wenn alle den Sperrbezirk zeitnah morgens verlassen.“