Pogromnacht Gedenken in Aurich – „Darf sich nicht wiederholen“
In Aurich findet die jährliche Gedenkveranstaltung zum 9. November statt. Es wird an die Reichspogromnacht erinnert. Organisator Ulrich Kötting spannt auch einen Borgen in die Gegenwart.
Aurich - Vor 87 Jahren fand in Deutschland in der Nacht vom 9. auf den 10. November die Reichspogromnacht statt. Bundesweit brannten über eintausend Synagogen, jüdische Wohnungen und Geschäfte wurden zerstört und viele Juden starben oder wurden verschleppt. Die Reichspogromnacht 1938 gilt als das offizielle Signal zum bisher größten Völkermord in Europa.
In Aurich wird auch dieses Jahr am Sonntag, 9. November 2025, an diese Nacht erinnert. Ab 18 Uhr beginnt am Platz der ehemaligen Synagoge eine Gedenkveranstaltung. Anschließend findet ein Konzert in der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Aurich statt.
Gedenken wird musikalisch begleitet
Organisiert wird die Veranstaltung seit rund 20 Jahren unter anderem von Ulrich Kötting. Er ist der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Ostfriesland. Kötting organisiert das Gedenken gemeinsam mit der Ökumene in Aurich. „Das ist jedes Jahr ein fester Termin im Kalender“, sagt Kötting.
Bei der Gedenkveranstaltung wird es auch wieder musikalische Begleitung geben. Wolfgang Neiweiser wird, wie auch im vergangenen Jahr, hebräische Lieder singen. Stadtsprecher Cord Cordes bestätigt, dass die Stadt Aurich die Veranstaltung bei der Ausleuchtung und der Beschallung unterstützt. „Danach werden wir wieder einen Kranz aufhängen an dem Ort, an dem früher die jüdische Volksschule stand“, so der Vorsitzende der ostfriesischen DIG. Das ist in der Kirchstraße 13. An dem heutigen Bürogebäude sei extra ein Eisenhaken befestigt. „Der Kranz wird nicht zu übersehen sein“, sagt Kötting.
Bei solchen Gedenkveranstaltungen würden Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. Es wird an die Vergangenheit gedacht und gleichzeitig deutlich gemacht, in welchen Zeiten wir uns aktuell bewegen. „Das sind schlimme Tendenzen. Ich will nicht wissen, wo das endet“, sagt Kötting.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“
In der Zeit vor der NS-Zeit hätten in Aurich viele Kulturen friedlich zusammengelebt. So wurde laut Kötting sogar ein dritter Tag für den Wochenmarkt eingeführt – der Freitag. „Freitagabend beginnt der Sabbat, das heißt, dass Juden am Samstag nicht arbeiten können“, sagt Kötting. So wäre es beispielsweise einem jüdischen Fleischer nicht möglich gewesen, an einem Samstag sein Fleisch zu verkaufen. „Das zeigt doch, wie gut das Zusammenleben funktioniert hat“, sagt der Vorsitzende der ostfriesischen DIG. „Aber das war schlagartig vorbei.“
Kinder, die einst zusammen gespielt hatten, sahen sich nicht mehr. „Dass Juden völlig entrechtet wurden, ist innerhalb weniger Jahre passiert“, mahnt Kötting. Gerade mit Blick auf die aktuellen politischen Tendenzen und das Erstarken rechter Politik sei das Gedenken am 9. November sehr wichtig.
„Es ist wichtig, an dem Willen zu arbeiten, dass sich so etwas nicht wiederholt“, sagt Kötting.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zitiert Kötting den ersten Artikel des Deutschen Grundgesetzes. Es sei wichtig, diesen Satz auch zu verteidigen. „Und wer diese Würde nicht achtet, mit dem kann ich politisch nicht diskutieren“, sagt Kötting. „An der Aussage ‚Auf dem rechten Auge sind die Deutschen blind‘ ist schon etwas dran und das ist ein Problem“, so der Vorsitzende der ostfriesischen DIG.
NS-Zeit war auch größtes Kulturverbrechen
Nach der Gedenkveranstaltung um 18 Uhr öffnet die reformierte Kirche in Aurich ihre Türen. Zwischen 19 und 21 Uhr findet ein Gedenkkonzert statt. Dass die beiden Veranstaltungen am 9. November direkt aufeinander folgen, ist laut Kötting eine bewusste Entscheidung. „Das ist toll, weil wir länger gedenken können und einen anderen Zugang zum Thema haben“, sagt Kötting. Denn es dürfe nicht vergessen werden: „Die NS-Zeit war auch das größte Kulturverbrechen der bisherigen Zeit“, sagt Kötting. So wurde Kunst während der NS-Zeit teilweise beschlagnahmt und sogar gezielt zerstört.
In der Kirche spielen die beiden Auricher Musiker Heinrich Herlyn (Gesang/Komposition) und Maxim Poljakowski (Klavier). Zum Gedenken an die Opfer Hitlerdeutschlands haben sie ein Konzert mit Texten jüdischer Autoren zusammengestellt, heißt es in einer Pressemitteilung. Zum Teil wurden sie von Herlyn selbst vertont. Die Autoren seien alle von den Nationalsozialisten verfolgt und entweder ermordet oder in die Emigration gezwungen worden.
„Das sind keine guten Erinnerungen“
„Alle diese Texte beschäftigen sich mit dem Schicksal, das Menschen jüdischer Herkunft in den Jahren 1933 bis 1945 erleiden mussten“, schreibt Herlyn selbst in der Pressemitteilung. Manche Lieder seien in der Zeit der Vertreibung oder der Verfolgung der Nazis entstanden. Andere Lieder hingegen entstanden während der Gefangenschaft in einem der Konzentrationslager.
In Gedenken an die Reichspogromnacht vor 87 Jahren werden diese Lieder nun in Aurich gespielt. „Das sind keine guten Erinnerungen, aber es muss sein. Das darf sich nicht wiederholen“, sagt Mit-Organisator Kötting.
Die Gedenkveranstaltung startet am Sonntag, 9. November 2025, um 18 Uhr auf dem Synagogenplatz am Hohen Wall. Eine anschließende kurze Andacht findet in der Kirchstraße 13 statt, wo früher die jüdische Volksschule stand. Zwischen 19 und 21 Uhr findet in der Kirchstraße 18 in der evangelisch-reformierten Kirche das Gedenkkonzert statt.