Osnabrück  Taschengeld zählen für Zuckerwatte: Am Mandelstand auf dem Osnabrücker Herbstjahrmarkt

Paula Nicnerski
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Von Paula Nicnerski
| 05.11.2025 15:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Über große Zuckerwatten, kleine Familienkonflikte und austauschbare Liebesbekundungen - Ein Nachmittag mit Axel und Canan Wilken in der Mandelbude auf dem Herbstjahrmarkt.

Sonntagnachmittag, an der Verkaufstheke von Wilkens Mandeln auf dem Osnabrücker Herbstjahrmarkt. Ein Junge läuft nachdenklich mit Finger am Kinn vor der Auslage hin und her. Jetzt bloß keine falsche Entscheidung treffen. Oreo-Mandeln, Lebkuchenherzen, Fruchtgummischlangen oder doch gebrannte Cashews? Mit Schokolade überzogene Erdbeeren? Marshmallows? Blicke auf die Auslage, Blicke auf die Münzen in seiner Hand. Dann, in bestimmtem Tonfall: „Bitte Zuckerwatte.“

Canan Wilken erfüllt ihm diesen Wunsch gern. Seit elf Jahren ist sie gemeinsam mit ihrem Mann Axel Wilken auf Jahrmärkten, Weihnachtsmärkten und Festivals unterwegs. Den Betrieb führen sie in der dritten Generation, nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Vater von Axels Onkel umherziehend Mandeln zu verkaufen.

Heute stehen Axel und Canan fast jeden Tag gemeinsam hinter dem Tresen. Zehn Monate im Jahr leben sie im Wohnwagen und bereisen mehr als 40 Veranstaltungen. Immer mit dabei: Ihre zwei Söhne. Sieben und acht Jahre alt seien die mittlerweile, erzählt Wilken.

Während sie spricht, hält sie flink frische Erdbeerspieße in den ständig laufenden Schokobrunnen. Sie hat lange Arbeitstage, doch von Erschöpfung ist nichts spürbar. Am Vormittag hat sie bereits ihre Söhne unterrichtet, mittags kocht sie stets Essen für die Familie und alle Angestellten. Nachmittags und abends arbeitet sie im Stand, zwischendurch bringt sie ihre Kinder ins Bett. Auf dem Herbstjahrmarkt ist um elf Uhr Verkaufsschluss, im Anschluss erledigt Canan noch die Buchhaltung.

Wird das nicht auf Dauer zu viel? „Natürlich kann es stressig sein. Aber mir macht es Spaß, weil ich das für mich und meine Familie mache“, sagt Canan und dreht sich weg – Kundschaft ist da. Ein Paar mit zwei Söhnen betrachtet die Auslage.

Durchgängig schallt Musik vom „Salto Mortale“ herüber. „Völlig losgelöst“ tönt aus den Boxen und panische Schreie aus den Mündern der Menschen, die hier im Looping kopfüber gedreht werden. Canan bestreut Erdbeerspieß nach Erdbeerspieß mit „Engelshaar“, „Dubai-Spieße“ sollen das werden. Ob der Trend nicht schon vorbei ist? „Ich glaube, der geht nicht mehr weg“, sagt Canan und zuckt die Achseln.

Von der Wagendecke des Mandelstandes hängt ein großes Lebkuchenherz aus Plastik, „I love Osnabrück“ steht darauf. Bei genauerem Hinsehen tut sich die Frage auf: Ist das „Osnabrück“ auswechselbar? Axel Wilken gesteht: Er liebt viele Städte. Sieben verschiedene Schilder hat er vorrätig.

Beim Stadtwechsel darf bloß nicht vergessen werden, den Fokus auf die neue Liebe zu schieben. Doch was, wenn er in einer Stadt ist, für die er kein Schild hat? Für Axel kein Grund zur Sorge. „I love Volksfest“, das habe er immer da, für alle Fälle, sagt er.

Ein weiteres und noch dazu nicht austauschbares Liebesbekenntnis ist in der Bemalung der Bude versteckt. Rechts neben der Aufschrift „Wilken‘s Mandeln“ an der Front der Bude sind zwei blonde Jungen mit Süßigkeiten in den Händen zu erkennen. „Unsere beiden Söhne“, sagt Canan und lächelt.

Als sie die Bude vor vier Jahren neu kauften, gaben sie dem Künstler ein Bild ihrer Kinder als Vorlage. Ob sich die Kinder über die Bemalung gefreut haben? „Ja“, sagt Canan und schaut zögerlich zu ihrem Mann herüber. „Ich glaube, ein bisschen stolz sind sie schon.“ Axel nickt bekräftigend.

Canan reicht einem kleinen Jungen Zuckerwatte über den Tresen, seine Eltern erschrecken sich über die Größe: „Ich hab extra gesagt ‚kleine Portion‘“, sagt die Mutter im Weggehen zum Vater und zuckt hilflos die Achseln. Der Junge scheint sich nicht an der Menge zu stören.

Noch eine Woche lang stehen die Wilkens auf dem Osnabrücker Herbstjahrmarkt. Die nächste Station: Der Weihnachtsmarkt in Meppen. Dort bleiben sie sechs Wochen lang. Auch am 24. Dezember wird Canan bis Mittags in der Bude stehen, erst abends fährt die Familie in Richtung Heimat in den Landkreis Leer.

„Innerhalb von eineinhalb Tagen klappern wir dann die gesamte Familie ab“, sagt Canan und lächelt. Lärm klingt herüber von der Auslage mit den süßen Fruchtgummischlangen. „Lio, nicht auf das Plastik hauen“, ermahnt ein Vater seinen Sohn. „Welche Farbe willst du?“, fragt er in gereiztem Tonfall. Lio scheint davon nichts mitzubekommen. Er hätte gerne „Regenbogen“.