Osnabrück Petition gegen Party im Alando: Wie unpolitisch sind Russland-Partys in Zeiten des Krieges?
Wie unverfänglich ist eine Partyreihe, die den Namen eines aggressiven Staates trägt? Vor einer Veranstaltung unter dem Motto „Russian Sensation“ im Alando entzündet sich daran eine Kontroverse. Ein Spätaussiedler aus Ibbenbüren fürchtet, die Party bringe Kriegspropaganda in die Friedensstadt.
Es ist ein Event unter vielen – und doch auch eines, das kontroverse Assoziationen weckt: Am 15. November gastiert im Alando Palais die Partyreihe „Russian Sensation“. Mehrere DJs legen auf und die „Russian Community“ werde „wieder zeigen, wie man am krassesten feiert!“, versprechen die Veranstalter. Ein Satz, der mit Störgefühlen einhergeht. Schließlich jagt die russische Gesellschaft in anderen Teilen der Welt hunderttausende ihrer Bürger in den Tod, um ein Nachbarland zu terrorisieren.
Jemand, der dieses Störgefühl verbalisiert, ist Viktor Adolf aus Ibbenbüren. Adolf ist in Kasachstan geboren, wuchs mit der russischen Sprache auf und war doch immer Deutscher. Diese Volkszugehörigkeit stand in seinen Papieren, solange er Bürger der Sowjetunion war. Sie steht auch heute in seinem Pass, denn Adolf ist längst Bürger der Bundesrepublik. „Ich bin Deutscher, so wie fast alle Deutsche sind, die zu dieser Party gehen“, sagt Adolf. „Deswegen verstehe ich nicht, warum man sich derart mit Russland identifizieren muss. Gerade heute, wo man jeden Tag sieht, wofür dieses Russland eigentlich steht. Was soll diese Glorifizierung?“
Adolfs Ärger entzündet sich an einer Partyreihe, die seit bald zehn Jahren als Export aus der Friedensstadt durch die Welt tourt. Im Jahr 2016 ging das Format an den Start. Verantwortlich zeichnet die Osnabrücker Agentur „Next Choice“. Nach Angaben von Geschäftsführer Gurpreet Sethi hat sie Events mit verschiedenen kulturellen Schwerpunkten im Portfolio. Neben der „Russian Sensation“ gebe es Partys, die afrikanische oder indische Musik in den Fokus rückten. „Die Leute sollen bei uns zum Feiern zusammenkommen, wir wollen ihnen ein Erlebnis bieten, das verbindet. Politische Propaganda hat bei uns keinen Platz“ sagt er. Ein Anspruch, den auch die „Russian Sensation“ einlöse. Dort feierten Menschen Musik, die mit russischsprachiger Kultur assoziiert würde. Mehr nicht.
Oder doch? Viktor Adolf erklärt, in der Vergangenheit selbst öfter die Partyreihe besucht zu haben. Er möge die Musik. Ihre Inszenierung allerdings, die verstöre ihn zunehmend. Die dicken Autos vor den Klubs, auf denen der russische Doppeladler prange, Leute, die Putin oder den Buchstaben „Z“ auf T-Shirts trügen, die Ikonisierung von Kalaschnikows und Roten Sternen.
Und dazu immer wieder ein offensiv zur Schau gestelltes Selbstverständnis, dass Russland und das Russische irgendwie krasser, härter, dass es irgendwie überlegen sei. Zum Beleg schickt er per Whatsapp ein paar Fotos, auf denen Partybesucher in martialischer Kluft und mit russischer Flagge posieren. Sie sollen von einer „Russian Sensation“-Party stammen. Adolf regt das auf. „Die Leute sollen doch mal der Realität ins Auge blicken, was für einen dreckigen Krieg Russland in der Ukraine führt. Wie kann man da unter dem Wort ‚Russisch‘ feiern?“
Adolf kann sich schnell in Rage reden. Er kennt nicht nur Russland, er kennt auch die Ukraine aus eigener Anschauung gut. Er hat zahlreiche Hilfstransporte in das Land organisiert und begleitet, nahe der Front Raketen und Drohnen über sich gehabt und in Butscha traumatisierte Zeugen des russischen Massakers im Frühjahr 2022 getroffen. Er unterstützt das angegriffene Land nach Kräften und er findet, die Länder Europas sollten viel klarer Kante zeigen.
Klare Kante zeigen müsse auch eine Stadt wie Osnabrück, die sich als Friedensstadt begreift. Und bei der Sprache, bei Symbolen, da fange es nun mal an. Daher hat Adolf eine Petition auf den Weg gebracht, in der er seine Besorgnis über die „Russian Sensation“ zum Ausdruck bringt. Die Stadt solle sorgfältig prüfen, ob es bei der Veranstaltung im Alando zu etwaigen Verstößen komme, ob sie womöglich eine Bühne für Putin-Propaganda biete.
Adolf ist mit seiner Haltung und mit seiner Sorge nicht allein. Die Stadt selbst lässt sich eher kurz ein und teilt allein mit, dass nach Rücksprache mit der Polizei und mit dem Alando kein Anlass bestehe, die Party zu untersagen. Alando-Chef Frederik Heede hingegen freut sich einerseits auf die Veranstaltung in seinem Haus, bekennt aber auch: „Ja, den Namen finde ich schwierig. Es gibt derzeit nicht viele positive Assoziationen mit Russland.“
Allerdings vertraue er den Veranstaltern von Next Choice und deren Zielgruppe. „Die Veranstaltung hat trotz allem nichts mit dem Krieg zu tun. Da kommen einfach nur Menschen.“ Klar sei aber auch: Bei jeglicher Sympathiebekundung für den russischen Feldzug oder für Putins Herrschaft werde das Alando einschreiten. „Das hat bei uns keinen Platz.“
Agentur-Chef Gurpreet Sethi sagt zur Veranstaltung und ihren Namen: „Wir haben uns Gedanken gemacht, ob wir den Namen der Reihe ändern sollten. Letztlich ist er seit bald einem Jahrzehnt eingeführt und eine Art Markenzeichen geworden, das Fans einer bestimmten Musik anzieht“, erklärt er. Daher sei der Name geblieben – auch, als Russland seinem verdeckten Krieg von 2014 im Jahr 2022 eine Vollinvasion folgen ließ.
Sethi ist überzeugt, dass das Publikum der Reihe zwischen dem politischen Russland und „Russian“ als kulturellem Klammerbegriff unterscheiden kann. „Einer unserer DJs ist selbst in der Ukraine geboren, eine DJane stammt aus Moldau – eine Vielfalt, die sich auch im Publikum widerspiegelt. Da feiern viele Menschen aus der Ukraine, aus den Baltischen Ländern und wir wollen, dass die sich abgeholt und sicher fühlen auf unseren Partys. Gemeinsam ist ja allen, dass sie russischsprachig sind.“
Eine Aussage, die nicht falsch ist, aber doch auf einen weiteren Fallstrick verweist: Länder wie die Ukraine, Lettland, Estland oder Georgien wurden in der frühen Neuzeit schrittweise von Russland kolonialisiert und insbesondere ab dem späten 18. Jahrhundert teils rigide russifiziert. Die Entscheidung, Teil einer „russischen Welt“ zu werden, war selten freiwillig. Dass die Ukraine ein abtrünniger Teil der russischen Welt sei, ist wesentliche Rechtfertigung für den russischen Krieg der Gegenwart.
„Man kann deswegen doch nicht einfach hingehen und sagen, bei einer russischen Party ist die Ukraine mitgemeint, während gleichzeitig Russland in der Ukraine Menschen tötet, weil sie keine Russen sein wollen“, findet daher Viktor Adolf. Das sei unsensibel und blanker Hohn.
Er will daher genau hinschauen, wie am 15. November im Alando gefeiert wird, ob und welche Symbole dort eine Rolle spielen. Und er überlegt, ob er eine Demonstration anmelden soll. „Einen zerschossenen Krankenwagen aus der Ukraine könnte ich auftreiben und ein paar andere Sachen. Dann kann sich jeder vor Augen führen, ob er in diesen Zeiten einfach nur ein bisschen auf Russisch feiern will.“