Sylt  Bundeswehr plant auf Sylt mit „Geister-Flugplatz“ – den es wohl nie gab

Stephan von Kolson
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Von Stephan von Kolson
| 02.11.2025 19:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
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Die Bundeswehr sichert sich den Standort „Alter Flughafen Kampen“ auf Sylt – doch den hat es offenbar nie gegeben.

Die Bundeswehr soll wieder wachsen – und dafür benötigt sie Platz. Auch auf Sylt. Vor wenigen Tagen hat das Bundesverteidigungsministerium in einer Meldung dafür insgesamt 200 Standorte benannt, die eigentlich für eine zivile Nutzung vorgesehen waren.

Auf Sylt geht es der Bundeswehr um zwei Orte: Teile des ehemaligen Flugplatzes in Westerland-Ost und um das Gelände „alter Flugplatz in Kampen.“ Spätestens an dieser Stelle werden die Pläne der Bundeswehr mindestens ungenau. Denn selbst eine Steffi Böhm, Sylterin und Bürgermeisterin von Kampen, hat von einem alten Flugplatz in ihrer Gemeinde noch nie gehört.

Auch die schriftliche Information der Bundeswehr selber hilft da nicht weiter. „Wir haben einen offiziellen Brief bekommen, der sehr allgemein den Sachverhalt vorstellt“, sagt Steffi Böhm. „Das ist allerdings offenbar ein einheitliches Schreiben, das sämtliche Bürgermeister bekommen haben, in deren Kommunen es betroffene Liegenschaften gibt.“ Eine unmittelbare Handlungsanweisung sei daraus nicht erkennbar. Der Ort sei am Braderuper Weg.

Nachfrage vor Ort beim Insel-Historiker Günter Schroeder: „Den Flugplatz hat es nie gegeben. Und schon gar nicht an der Stelle rund um den Leuchtturm „Langer Christian“ zwischen Braderuper und Wenningstedter Weg.“ Das sei eine Mär, die sich durch ungenaue Erzählungen aber sogar bei manch älterem Sylter noch hartnäckig halte. Und es in mindestens eine Insel-Historie geschafft habe, wie es Schroeders Recherchen im Sylter Archiv ergeben haben.

Eigentlich handele es sich aber bei der kompletten Schilderung eines zweiten Flugplatzes auf Sylt um eine Mischung aus Nazi-Propaganda und einer etwas nachlässigen Betitelung. Richtig sei, dass es sich irgendwann eingebürgert habe, bei dem Flughafen Sylt von einem Flugplatz Nord und einem Flugplatz Süd zu sprechen.

„Nord, das war der ursprüngliche, etwas rustikale Platz im Nord-Osten des heutigen Flugplatzgeländes.“ Süd, das sei eine Erweiterung Richtung Süden des Flugplatzes gewesen. Für diese Erweiterung seien zwei Landebahnen erst 1941/42 fertiggestellt worden. Daraus seien im Volksmund noch bis in die 1970er Jahre zwei Flugplätze geworden.

Dazu hätten regionale Nazi-Größen wie der Konteradmiral Ernst Schumacher, der bis Juni 1941 als Kommandant den Abschnitt Sylt von Westerland aus geführt habe, in etwas prahlerischer Art gerne von einer Ausweitung des Flugplatzes nach Kampen und Braderup schwadroniert. Übrigens habe er auch den Bau einer zweigleisigen Reichsbahnverbindung nach List und Hörnum, einen Kriegshafen List/Mellhörn und eine Autostraße über den Hindenburgdamm gefordert.

Richtig sei auch, dass es einen Schein-Flugplatz gegeben habe. Aber selbst der lag nicht in Kampen, sondern in Wenningstedt, östlich des heutigen Verkehrskreisels. „Die Nazis haben dort 1942/43 sechs Boxen aus jeweils zwei drei Meter hohen Erdwällen gebaut und dazwischen eine Jagdflugzeug Attrappe aus Sperrholz gestellt.“ Als er gerade fünfeinhalb Jahre alt war, habe sein Vater ihn da hineingesetzt und gesagt, er könne damit jetzt nach England fliegen.

„Von meinem anschließenden Heulanfall wird in meiner Familie heute noch berichtet“, erinnert sich der 85-jährige. Derzeit arbeitet Schroeder, der über Jahrzehnte Touristiker auf Sylt war, die Geschichte des Fake-Flugplatzes auf. Der Betrug der Nazis mit dem scheinbaren Flugplatz fruchtete übrigens. Schroeder ist bei seiner Recherche auf Berichte der Airforce gestoßen, die aus ihren Luftaufnahmen ebenfalls auf einen militärischen Flugplatz Höhe Wenningstedt geschlossen hätten. Die von ihnen gesichteten frisch angelegten Landebahnen seien Korn- und Rübenfelder gewesen, die mit Vorsatz Anmutung von Rollbahnen bekommen hätten.

Ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr antwortete auf Nachfrage der Sylter Rundschau vage: „Ich bitte um Verständnis, dass wir zunächst die betroffenen Kommunen über die in Rede stehenden Entscheidungen informieren. Details zur Umsetzung des Moratoriums werden wir zu gegebenem Zeitpunkt über die bewährten Kanäle bekannt geben.“

Zum Hintergrund: Viele Liegenschaften wurden in den vergangenen 30 Jahren umgewidmet. Spätestens mit dem Aussetzen der Wehrpflicht wurden sie ohnehin nicht mehr genutzt. In Kampen als Flugplatz offenbar noch nie.

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