Osnabrück So trotzt das Osnabrücker Schuhhaus Bröcker in doppelt schwieriger Lage dem Zeitgeist
Online-Handel und Verwaisung der Innenstädte: Keine einfache Zeit für den Schuhverkäufer vor Ort. Wie stellt sich das Osnabrücker Traditionshaus Bröcker dagegen? Inhaber Victor Schulte steht Rede und Antwort.
Es wird gestöbert, anprobiert und nachgefragt: Die Mitarbeiter des Schuhhauses Bröcker schräg gegenüber der Osnabrücker Johanniskirche haben viel zu tun an diesem Donnerstagvormittag.
Natürlich liege das auch am aktuellen Jubiläumsverkauf mit 20 Prozent Rabatt, sagt Victor Schulte, dessen Bürotür zum Verkaufsraum hin offensteht. Gemeinsam mit seiner Schwester Eva hat er im Sommer die Geschäftsführung des Traditionshauses übernommen, das in diesem Jahr 125 Jahre alt geworden ist.
Aber auch Mutter Elke, die 1991 in die Geschäftsleitung eingestiegen ist, hilft noch fleißig mit. Die hohe Kundenfrequenz ist auch unabhängig vom Geburtstag nicht ungewöhnlich und kein Zufall. Denn mit der exklusiven Bereitstellung von Unter- und Übergrößen (bei Damen von 32 bis 46 und bei Herren von 38 bis 52) hat das Schuhhaus Bröcker eine buchstäblich gangbare Nische gefunden, die auch weit über die Region hinaus für Strahlkraft sorgt.
Von Stammkunden bis nach Ostwestfalen hinein berichtet Victor Schulte. Und auch wenn mal Menschen aus Berlin oder anderswo in Osnabrück zu Besuch sind, schauen sie bei Bröcker hinein. Dass hier spezielle Bedarfe bedient werden, hat sich längst herumgesprochen. Entsprechend wichtig sei insbesondere bei Sondergrößen die intensive und persönliche Fachberatung, betont Schulte. Und die könne der Online-Handel eben nicht ersetzen. Deshalb gehe es im Internet „mehr um Präsenz als um Verkauf“.
Aber dann ist da ja noch die Sache mit der Lage. Der Standort an der Johannisstraße ist schon immer nicht nur der Geschäftssitz, sondern auch der der Familie gewesen. Seine Großmutter Wilma Wittig, die 1961 das Schuhhaus von dessen Gründer Heinrich Bröcker übernommen hatte, habe lange Zeit gleich obendrüber gewohnt, erzählt Schulte. Und er selbst sei „zwischen Schuhkartons“ aufgewachsen. Nach der Ausbildung in einem orthopädischen Schuhhaus in Münster und einem einjährigen Studium in Freiburg war es für ihn deshalb keine Frage, die Tradition irgendwann fortzuführen.
Seit dem Alkoholverbot sei es auf der Johannisstraße spürbar „friedlicher“ geworden, freut sich Schulte über die, wie er sagt, „beste Entscheidung der Stadt seit zehn Jahren“. Allein bei der Gestaltung des Neumarktes hofft er, dass diese nicht nur vorangeht, sondern wünscht sich diesbezüglich auch „mehr Transparenz“ seitens der Stadt. Mit dem nach zwei Jahren Bauzeit nun fertiggestellten Neubau gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite kann er dagegen gut leben.
Besonders freut es den jungen Geschäftsinhaber, dass der Durchgang zum Parkhaus am Kollegienwall nun wieder frei ist. Denn die oft von weiter her gereisten Stammkunden des Schuhhauses kommen überwiegend mit dem Auto, auch wenn das Geschäft direkt zwischen zwei Bushaltestellen liegt. Auf den Busverkehr könne er deshalb verzichten und wünsche sich stattdessen für die Johannisstraße „mehr Außengastronomie“, sagt der langjährige Anrainer.
Mit der Übernahme des noch zwei Jahre älteren Schuhhauses Sunderdiek an der Hasestraße vor eineinhalb Jahren hat sich Bröcker nach der Schließung von „Elkes Übergrößen“ über der Hase vor 25 und des Ara-Shops in der Altstadt vor vier Jahren noch einmal ganz neu erweitert. „Noch ausbaufähig“ sei der neue Standort, gibt Schulte zu – wenngleich bei Sunderdiek sowohl der Raum als auch das Sortiment „modernisiert“ worden sei.
Für den Schuhhandel insgesamt wünscht sich Schulte „mehr Wertschätzung“. Die Preissteigerung falle hier geringer aus als bei anderen Produkten und auch die Gewinnspanne sei längst nicht so hoch wie etwa bei Textilien. Auch deshalb seien die Mieten in der Großen Straße für die Schuhbranche kaum „machbar“, sagt Schulte. Auch ein Grund, an der Johannistraße zu bleiben.