Osnabrück Der VfL Osnabrück und die alte Leier mit den „gefühlten Niederlagen“
Der VfL Osnabrück verpasst beim 0:0 gegen den MSV Duisburg trotz starker Leistung einen Sieg. Es ist das vierte torlose Unentschieden in dieser Saison - und mal wieder können sich die Lila-Weißen über eine „gefühlte Niederlage“ ärgern. Was kann man trotzdem aus dem Spiel mitnehmen?
„Es fühlt sich eher an wie eine Niederlage.“ „Gefühlt waren es zwei verlorene Punkte.“ Diese Sätze hatten Ismail Badjie und Bryan Henning vom VfL Osnabrück nach den 0:0-Unentschieden gegen Hansa Rostock und Viktoria Köln dieser Drittliga-Saison ausgesprochen. Es sind Sätze, die fast exakt wortgleich am Samstag von den Kollegen am Samstag fielen - nach dem vierten 0:0 (auch gegen Aachen am ersten Spieltag blieb es torlos), diesmal gegen den MSV Duisburg.
Es sind Sätze, die etwas aussagen über die vorangegangene Leistung und den eigenen Anspruch. Was der VfL gegen den neuen Tabellenführer aus dem Ruhrgebiet auf dem Platz zeigte, war nämlich über weite Strecken richtig gut. Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase war es im Grunde ein Spiel auf ein Tor. Der VfL kombinierte vier herausragende Chancen heraus - Stürmer Robin Meißner (11.), der starke David Kopacz (26.) und Lars Kehl (66.) vergaben allesamt, dazu grätschte Duisburgs Kapitän Hahn eine Hereingabe nur knapp am Tor vorbei (32.). Zudem gab es mehrere gefährliche Standards und Szenen, in denen der letzte Pass nicht ankam oder der Ball durch die gefährliche Zone flog, ohne dass ein Abnehmer ihn erreichen konnte. Im Gegenzug hatte der MSV eigentlich keine echte Großchance. Kurzum: Der VfL hätte dieses Spiel gewinnen müssen.
Das wussten auch die Spieler und ihr Trainer Timo Schultz. Der sprach zwar nicht von der „gefühlten Niederlage“, sondern hob vor allem die „inhaltlich richtig gute Leistung“ hervor, der Ärger über die vergebenen Chancen war ihm aber durchaus anzumerken. Denn es ist eben nicht das erste Mal in dieser Spielzeit, dass der VfL gewissermaßen an sich selbst scheitert. Wobei man sich auch fragen könnte, ob ein 0:0 mit einer dominanten Leistung als Tabellenvierter gegen den Tabellenführer als Scheitern begriffen werden muss, nachdem man in der Vorsaison fast abgestiegen wäre.
Doch der Anspruch an die Mannschaft wächst durch solche Leistungen - nicht nur von außen, sondern eben auch intern. Unter Schultz stellt der VfL, abseits des „Ausrutschers“ gegen Hoffenheim II vor zwei Wochen (0:4), die stabilste Defensive der 3. Liga. Daran hat nicht nur die auch gegen Duisburg wieder mal stabile Dreierkette um den sich nach seiner Knieverletzung erstaunlich schnell wieder in Hochform befindlichen Niklas Wiemann ihren Anteil, sondern auch das stabile Mittelfeldzentrum: Bjarke Jacobsen und Kevin Wiethaup könnten in ihrem Spielstil unterschiedlicher kaum sein, ergänzen sich aber dadurch sehr gut und dominierten gegen die Zebras die Mitte des Feldes weitestgehend.
Dazu haben sich die Lila-Weißen im Saisonverlauf spielerisch deutlich weiterentwickelt. So kombinationssicher wie am Samstag oder auch schon beim 4:1 in Mannheim Anfang Oktober hatte man den VfL zum Start der Spielzeit eher nicht erwartet. Dafür sind neben Jacobsen und Wiethaup vor allem Kehl und Meißner verantwortlich, die sich gerne gegenseitig suchen, aber auch der technisch versierte Kopacz, der endlich seine Form gefunden hat.
Die Bestandsaufnahme mit Blick auf die Leistungsfähigkeit des Kaders fällt also positiv aus. Der VfL ist nach 13 Partien mit 23 Punkten im oberen Tabellendrittel der 3. Liga - das ist eine starke Bilanz. Mit Blick auf die „gefühlten Niederlagen“ und „verlorenen Punkte“ muss man aber feststellen: Sie könnte noch viel besser sein. Denn orientiert man sich zum Beispiel an der Expected-Goals-Statistik, hätten alle fünf Unentschieden der Saison, also die vier 0:0 und das 1:1 in Essen, allesamt für Lila-Weiß ausgehen sollen. Acht Punkte mehr wären also nicht völlig unrealistisch gewesen. Im Gegenzug hat der VfL übrigens kein einziges Spiel „unverdient“ gewonnen, bei allen Siegen hatten die Osnabrücker mehr und bessere Torchancen als der Gegner.
Dass es eben nicht acht Punkte mehr sind und damit die klare Tabellenführung, hat aber auch offensichtliche Gründe. Denn wer aus seinen guten Chancen zu wenig macht, der kann zwar auch mit Pech argumentieren. Passiert das aber immer öfter und in wiederkehrenden Mustern, dann geht es auch um Qualität, Zielstrebigkeit und Konzentration - so wie beim VfL gegen Duisburg. Vor allem Meißner, Kopacz und Kehl hätten aus ihren hochkarätigen Chancen mehr machen müssen. Ihnen allen wäre das bei ihren Abschlussgelegenheiten zuzutrauen gewesen.
Darüber hinaus kann man aber auch über andere Dinge diskutieren: Dass dem VfL, gerade wenn Flügelsprinter Badjie wegen muskulären Problem im Kader fehlt wie am Samstag, eine hochwertige Einwechseloption für die Offensive fehlt, zum Beispiel. Schultz wechselte gegen Duisburg ohnehin erst spät ein. Das war einerseits nachvollziehbar, weil es ja grundsätzlich gut lief. Hätte er aber das Zutrauen in seine möglichen Offensivjoker gehabt, das Spiel wirklich zu verändern, hätte er wohl früher eine Option gezogen. Kai Pröger, Luc Ihorst und Tony Lesueur haben bislang zu selten gezeigt, Spiele nachhaltig in Osnabrücker Richtung lenken zu können. Am ehesten würde das noch für Sturmtalent Bernd Riesselmann gelten, der aber im Kader fehlte.
Erst sieben Tore hat der VfL in sieben Heimspielen erzielt - das kommt nicht von Ungefähr. Auswärts läuft es besser. Zehnmal trafen die Lila-Weißen bei sechs Partien in der Fremde. Die nächste steht am Samstag (14 Uhr) an - und es wird das nächste Topspiel: im Stadion der Freundschaft vom Tabellenzweiten Energie Cottbus.