Osnabrück Wohnzimmer-Flair statt Klinikatmosphäre: Zu Besuch im neuen Geburtshaus in Osnabrück
Am Natruper Holz in Osnabrück gibt es seit Neustem eine Alternative zur herkömmlichen Geburt. Sechs Hebammen haben hier ein Geburtshaus eröffnet, das so gar nichts mit einem Kreißsaal gemein hat. Wir haben uns umgesehen.
„Sollte ich meine Straßenschuhe ausziehen?“, fragt man sich unweigerlich, wenn man durch den Luftballon-geschmückten Eingang des Geburtshauses im Natruper Holz in Osnabrück eingetreten ist. Fast wirkt es, als ob man in einer großzügig geschnittenen Wohnung stünde. Auf dem hellen Laminat im Flur steht ein Korb mit Plüschpantoffeln, auf einem Tischchen gluckert eine Duftlampe. Da kommt wohlige Behaglichkeit auf.
„Man fühlt sich ein bisschen wie zu Hause“, findet Besucherin Dana, die wie viele andere zum Tag der offenen Tür gekommen ist. Eine der Hebammen begleitete sie und ihren Partner Yannik bei der Geburt von Tochter Ella. Nun will sich die kleine Familie einen eigenen Eindruck von dem Konzept verschaffen. Die Begeisterung ist spürbar. „Das ist auch sehr nah an einer Hausgeburt“, findet Yannik. „Es sieht einfach aus wie ein normales Zimmer, nicht wie ein Krankenhaus.“
Das Konzept der sechs Hebammen scheint aufzugehen: Einen Ort abseits der klinischen Sterilität zu schaffen, wo werdende Mütter und Väter mit Unterstützung ihrer Hebamme den Geburtsprozess in einem wohnlichen Umfeld erleben können.
Katrin Bienstein-Simon, Sophia Loheide, Lara Ungermann, Jule Oevermann, Kaya Brand und Reka Waibl haben sich zu einer Partnerschaftsgesellschaft zusammengeschlossen und führen ihr Unternehmen in gleichberechtigter Zusammenarbeit.
„Man merkt wirklich, dass wir ein Team sind. Jeder hat jedem geholfen“, stellt Waibl fest, wenn sie auf den ersten Monat des Geburtshauses zurückblickt. Der war offenbar recht turbulent: Während bereits am 10. Oktober das erste Baby im aufblasbaren Geburtspool das Licht der Welt erblickte, waren die Umbauarbeiten noch nicht ganz abgeschlossen. „Bis auf den Boden und das Versetzen der Wände haben wir alles selber gemacht“, erklärt Waibl stolz. Wohnlich und warm sollte es sein, während gleichzeitig die Hygienestandards eingehalten werden.
Gemeinsam wurde ein Farbkonzept aus Erd- und Naturtönen entwickelt, das die Nähe zum Natruper Holz aufgreift. Fototapeten mit Waldmotiven zitieren das umliegende Waldgebiet und schaffen die Illusion von Weite in einem fensterlosen Ruheraum. Besonders kreativ wurde Hebamme Kaya Brand, als es um das Verstecken einer lästigen Steckdosenleiste ging: Sie verkleidete die Wand kurzerhand mit schicken Holzpaneelen.
Dass das Gesamtkonzept stimmt, können die Eltern des ersten „Geburtshausbabys“ bestätigen. Sie hätten sich sofort wohlgefühlt, erklären Sabine und Sebastian. „Es war total friedlich und selbstbestimmt“, erinnert sich Sabine, die den kleinen Cosmo auf dem Arm hält. „Kein Vergleich zum Krankenhaus“, ergänzt Sebastian und berichtet von einer persönlichen Beziehung auf Augenhöhe zu den Hebammen.
Auf emotionaler Ebene wurde unterstützt – interveniert wurde nicht. Eine PDA (Periduralanästhesie) zur Schmerzlinderung darf in einem Geburtshaus beispielsweise nicht verabreicht werden. „Davor hatte ich ein bisschen Respekt“, gesteht Sabine. Sollte es zu einem medizinischen Notfall kommen, ist die zentrale Lage und die Nähe zu Marienhospital und Klinikum von Vorteil, erklärt Kaya Brand.
In den Fluren drängen sich mittlerweile zahlreiche Besucher – Familien mit Kindern, junge Paare, Freunde und Angehörige. Auch Carolin Thom und Silke Ludger von der „Amba Mütterpflege“ sind gekommen, um Kontakte zu knüpfen. Ihre Aufgabe als Mütterpflegerin ist es, Mütter nach der Geburt, beispielsweise bei postpartaler Depression, Geburtsverletzungen oder auch Mehrlingsgeburten zu unterstützen. Sie arbeiten ergänzend zur Hebamme und möchten daher hier auf ihr Angebot aufmerksam machen und sich einen Eindruck von der neuen Geburtseinrichtung verschaffen.
Der erste Eindruck scheint bei den meisten Besuchern positiv zu sein: Die Warteliste des Geburtshauses füllt sich, freuen sich die sechs Hebammen.