Berlin Müssen wir doch zurück zur Atomkraft, Klaus Müller?
Deutschlands hohe Energiekosten sind ein Grund für die Krise der Wirtschaft und den massenhaften Abbau von Industriejobs. Kommen wir aus der Falle wieder heraus? Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, versucht sich an Antworten.
Robert Habeck (Grüne) hat beim Ausbau von Wind- und Sonnenkraft maximal aufs Tempo gedrückt. Seine Nachfolgerin im Wirtschaftsministerium, Katherina Reiche (CDU), will die Kosten maximal senken. Bei der Umsetzung der Energiewende – und damit auch beim neuerlichen Kurswechsel – ist die Bundesnetzagentur einer der entscheidenden Akteure. Wir haben eine Stunde mit Präsident Klaus Müller gesprochen.
Frage: Herr Müller, die Wirtschaft ächzt unter hohen Energiekosten, die Industrie verlagert Jobs ins Ausland. In Frankreich ist Strom um ein Drittel billiger. Hätte die Krise bei uns durch ein Festhalten am Atomstrom verhindert werden können?
Antwort: Nein, nach den uns vorliegenden Erkenntnissen hätte ein Festhalten am Atomstrom die Energiepreise nicht gesenkt. Nichts desto trotz stehen wir vor enormen Herausforderungen. Und dass die Regierung der Kosteneffizienz deutlich höhere Bedeutung einräumt, ist richtig. Konkrete Schritte sind in Arbeit. Jeder Stellhebel muss umgedreht werden, um die Kosten in den Griff zu bekommen.
Frage: Die USA wollen 80 Milliarden Dollar in Atomkraft investieren. Die Spanier verlängern die AKW-Laufzeiten, und in der Nähe der Meiler werden Rechenzentren angesiedelt. Nicht bei uns. Verbauen wir durch unsere grüne Energiewende den Zugang zur Zukunftstechnologie?
Antwort: Im Gegenteil. Viele Netzbetreiber melden massive Anfragen zu Anschlusskapazitäten in Deutschland. Das gilt zum Beispiel für Speicher und für Rechenzentren. Wir haben eher das Problem, dass nicht genug angeschlossen werden kann. Und ja, die Netz- und Systemkosten sind ein Faktor. Aber bei den Produktionskosten drücken Wind- und Sonnenenergie die Strompreise nach unten.
Frage: Dann wäre eine Rückkehr zur Atomkraft wirklich sinnlos?
Antwort: Ich sehe niemanden, der konkrete Schritte in diese Richtung unternimmt. Und ich kenne keinen Kraftwerksbetreiber, der den Weg der Atomkraft in Deutschland noch einmal beschreiten möchte.
Frage: Die Energiekosten zu senken, war ein zentrales Versprechen der nicht mehr ganz so neuen Regierung. Was ist davon konkret zu spüren?
Antwort: Die 6,5 Milliarden Euro, die der Bund bei den Netzentgelten übernimmt, werden die Stromkosten substanziell senken! Wir gehen davon aus, dass das eingesetzte Steuergeld als Entlastung bei den Kunden ankommt. Das ist ermutigend, der Effekt wird signifikant sein, sowohl für Unternehmen als auch für Privatkunden.
Frage: Die Industrie erwartet trotzdem, dass die Kluft bei den Energiepreisen gegenüber konkurrierenden EU-Ländern, den USA und China weiter aufgeht. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer befürchtet eine Verdopplung der Gesamtkosten. Lässt sich das überhaupt verhindern?
Antwort: Ja, eindeutig! Ich nenne Ihnen die drei wichtigsten Hebel: Weil der Strombedarf langsamer wächst als erwartet, können wir den Ausbau der Netze staffeln, müssen also nicht alles auf einmal machen. Allein dadurch brauchen wir einen zweistelligen Milliardenbetrag weniger. Zweitens stellt der Koalitionsvertrag die teure Pflicht infrage, Stromkabel zu verbuddeln. Freileitungen erlauben ebenfalls Einsparungen eines zweistelligen Milliardenbetrages. Dritter Punkt: Beim Ausbau von Offshore-Windkraft können wir viel effizienter werden und uns neu sortieren. Auch hier ist ein zweistelliger Milliardenbetrag rauszuholen. Dreimal achtstellig!
Frage: Dabei geht es um die Jahre ab 2030, und dafür fehlen noch die Gesetze. Kommen die Kostensenkungen nicht zu spät, um die Industrie zu retten?
Antwort: Die Gesetze werden kommen. Entscheidend ist die Perspektive: Der Strompreis kann ab 2030 stabilisiert werden. Die düsteren Prognosen beruhen auf dem Status quo. Wir setzen aber alles daran, diesen zu überwinden. Dazu gehören weitere Korrekturen. Zum Beispiel wollen wir mit besseren finanziellen Anreizen dafür sorgen, dass Wind- und Solaranlagen nur an wirklich sinnvollen Standorten errichtet werden. Wir treiben die Digitalisierung voran… Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat einen 10-Punkte-Plan vorgelegt, und die ersten Punkte sollen um den Jahreswechsel herum beschlossen werden. Wir haben keine Zeit zu verlieren.
Frage: Und wann kommen die Gaskraftwerke, die wir brauchen, wenn Sonne und Wind nicht genug Energie liefern?
Antwort: Brüssel und Berlin verhandeln quasi täglich über die Genehmigung für die Kraftwerkstrategie. Wir brauchen diese Kraftwerke unbedingt, weil es längere Dunkelflauten geben wird. Klimaschützern will ich sagen: Die Sorge, die Kraftwerke würden rund um die Uhr laufen und Treibhausgas ausstoßen, ist nicht begründet. Das ist nicht die Absicht, das ist nicht der Sinn der Kraftwerkstrategie, das würde die EU-Kommission auch nicht genehmigen.
Antwort: Es geht um Beiträge zur Versorgungssicherheit, insbesondere im November und Dezember. Niemand kann wollen, dass dann der Kühlschrank warm und der Herd kalt bleibt, geschweige denn die Industrie nicht produzieren kann. Wenn wir die Energiewende nicht versorgungssicher hinbekommen, würde das alle Klimaschutz-Bemühungen sabotieren.
Frage: Wenn die Gaskraftwerke nicht rechtzeitig kommen, muss der Kohleausstieg verschoben werden…
Antwort: Wir haben viele Kohlekraftwerke in der Reserve, die einspringen können. Die Versorgungssicherheit bleibt gewährleistet. Wenn das grüne Licht aus Brüssel bald kommt, werden die Investoren fertige Pläne für den Bau der Gaskraftwerke aus der Schublade holen. Wenn anschließend die Behörden in hohem Tempo genehmigen und dann auch mit Hochgeschwindigkeit gebaut wird, bin ich optimistisch, dass wir die Kraftwerke vielleicht schneller bekommen, als manch einer denkt. Sicher ist: Wir tun alles, um den Prozess zu beschleunigen, wo immer es geht.
Frage: Dem Vernehmen nach will die EU-Kommission nur Beihilfen für den Bau von 12,5 Gigawatt Kraftwerksleistung erlauben, Frau Reiche wollte 20 Gigawatt. Reicht die Hälfte womöglich aus?
Antwort: Was den Stand der Verhandlungen betrifft, empfehle ich, das Ergebnis abzuwarten. Und dann gibt es ja mehrere Elemente: die Kraftwerkstrategie sowie einen sogenannten Kapazitätsmarkt. Bei letzterem geht es neben Kraftwerken auch um andere Optionen, zum Beispiel Speicher und Flexibilitäten, aber auch das bidirektionale Laden, bei dem die Batterien von E-Autos als Stromspeicher genutzt werden. Das Gesamtpaket wird die Erzeugung und Flexibilität schaffen, die wir brauchen. Und wenn es eine Einigung gibt, kann der Startknopf gedrückt werden.
Frage: Die Vorgängerregierung hatte nicht nur beim Ausbau von Wind- und Solarenergie, sondern auch beim Wasserstoff ordentlich Tempo gemacht. Die neue Regierung kürzt die Förderung. Der Bundesrechnungshof warnt dennoch vor Geldverschwendung. Müssen wir uns ehrlich machen, wird Wasserstoff am Ende des Tages schlicht zu teuer bleiben?
Antwort: Das halte ich für nicht ausgemacht. Es ist richtig, dass die Bundesregierung auf Pragmatismus setzt, wenn es um die Erzeugung von Wasserstoff geht. Die Bundesnetzagentur als Hüterin des Netzes ist froh über jeden Kubikmeter Wasserstoff, den wir sehen. Mit welchem Strom dieser erzeugt wird, sollten wir mit Gelassenheit betrachten.
Antwort: Priorität hätte für uns, Erfahrungen zu sammeln, das Netz zu füllen und die Kosten im Griff zu behalten. Ich kann nur dafür werben, den Hochlauf und die Wasserstoffzukunft zu ermöglichen. Schließlich hat auch niemand eine preiswertere Alternative zur Hand, die ähnlich gut zur Reduzierung der Treibhausgase beiträgt.
Frage: Nochmal ganz grundsätzlich: Im Moment sehen wir mit unserer Energiewende ja auch deshalb so alt aus, weil sich Donald Trump um die Erderwärmung nicht schert und auf Teufel komm raus auf Öl und Gas setzt. Aber damit es nicht zu heiß wird, werden auch die USA irgendwann klimaneutral werden müssen, oder?
Antwort: Ich bin der festen Überzeugung, dass Physik und Wissenschaft beständiger sind als manche politische Idee. Ich bin froh über den klaren Kurs Deutschlands und der EU und sehe das rasante Tempo in Asien, auch in China beim Ausbau der erneuerbaren Energien und von grüner Technologie wie E-Autos. Also ja: Wir müssen die Emissionen senken, um die Erderwärmung zu bremsen, aber eben so kosteneffizient wie nur irgend möglich.
Frage: Und die Rechnung wird wirklich ohne Deindustrialisierung des Landes aufgehen?
Antwort: Die Bundesnetzagentur wird ihren Beitrag dazu leisten. Und wir sehen auch viele neue Chancen. E-Autos als Stromspeicher zum Beispiel können zu einem ganz neuen Geschäftsmodell werden. Wer einen Teil seiner Autobatterieleistung als Stromreserve zur Verfügung stellt, kann schnell 300, 400 oder 500 Euro verdienen, das zeigen erste Erfahrungen in Nachbarländern. Wir müssen die Zukunftsmöglichkeiten sehen und ergreifen. Stehen bleiben ist keine Option.