Hamburg Beliebter Imbiss: Für dieses Gericht fahren Trucker sogar Umwege
Seit über 17 Jahren steht Carola Roßberg in „Rolly‘s Trucker Stop“ an der B216 im niedersächsischen Göhrde am Grill. Hungrigen Lkw-Fahrern rettet sie mit deftiger Hausmannskost die Mittagspause – und manchmal auch die Stimmung.
„Na Klausi-Mausi, was bekommst du heute Schönes?“, fragt Carola Roßberg und lächelt breit. „Das Hühnerfrikassee“, sagt der ältere Mann und sucht sich einen freien Platz.
Es ist Mittagszeit an einem Donnerstag Ende Oktober, und in dem kleinen Imbiss an der B216 in der niedersächsischen Gemeinde Göhrde gibt es kaum noch freie Stühle. Auf dem Grill brutzeln Frikadellen und Bratwürste, in zwei Pfannen türmen sich Berge von Bratkartoffeln – der Geruch von Zwiebeln und frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft. Der Regen prasselt gegen die Fenster, zwei Lkws stehen auf dem Schotter-Parkplatz.
Seit mehr als 17 Jahren ist „Rolly’s Trucker Stop“ eine Institution an der Landesstraße 216 zwischen Hamburg und Berlin. Carola Roßberg füllt hier nicht nur hungrige Mägen, sondern tröstet einsame Anwohner mit warmen Worten und sorgt bei gestressten Lkw-Fahrern mit ihren flotten Sprüchen für bessere Laune.
„Ich habe ein großes Herz für meine Gäste, bin interessiert an den Leuten und ihren Geschichten“, sagt Carola Roßberg und stemmt die Hände in die Hüften. Sie trägt einen knallroten Overall unter der Schürze, die Haare hat sich die 60-Jährige zu einem Dutt frisiert.
Viele ihrer Gäste sind Stammkunden – Lkw-Fahrer, Monteure, Pendler aus der Region. Einige halten hier seit Jahren an, einfach, weil sie wissen: Hier gibt es gute Hausmannskost. „Ich koche immer frisch, Fertiggerichte kommen nicht infrage“, sagt Carola Roßberg, die 1991 von Hamburg ins Wendland zog, den Imbiss 2008 übernahm und vergrößerte. Mittlerweile besteht er aus zwei zusammengeschweißten Containern. Ein kleines Motel gehört ebenfalls dazu.
Carola Roßberg kennt ihre Kundschaft und bemerkt vor allem bei Lkw-Fahrern Veränderungen. „Früher war das ein Job, der viel mit Idealismus zu tun hatte“, sagt sie und schaut einen Moment zum Fenster hinaus, wo ein Lastwagen auf den Parkplatz rollt. „Heute sind die meisten nur noch gestresst und verspüren total viel Druck.“
Brummi-Fahrer Michael findet seinen Job ganz erträglich. Seit einem Jahr hält der Lkw-Fahrer zwei bis dreimal die Woche bei Carola Roßberg an, meist um zu frühstücken. „So gute Küche findet man eigentlich nicht mehr und preislich stimmt es auch. Manche meiner Kollegen fahren dafür auch Umwege“, sagt er. Ein halbes belegtes Brötchen kostet 1,80 Euro – der Pott Kaffee dazu 2,40 Euro. Lobende Worte hat Michael auch für die Dusche übrig. Ab 18 Uhr dürfen Fernfahrer auf dem Parkplatz über Nacht stehen bleiben.
Von montags bis freitags ist „Rolly’s Trucker Stop“ zwischen sechs und 19 Uhr geöffnet. Die Frühschicht übernimmt meistens Kollegin Meike, deren Wecker nachts um 3.15 Uhr klingelt – eine Stunde später steht sie im Imbiss. „Hier schalte ich dann auf Autopilot, Kaffee kochen, Brötchen aufbacken, Aufschnitt rausholen.“ Kürzlich fiel Meike drei Wochen krank aus, Inhaberin Carola Roßberg schob Doppelschichten bis 15 Uhr, erzählen die beiden während einer Zigarettenpause. Das ständige Stehen und Heben hinterlässt Spuren, zweimal wurde Carola Roßberg schon am Rücken operiert.
„Gutes Personal zu finden, ist schwierig geworden“, sagt die Chefin. Hausfrauen-Qualitäten müsse man mitbringen. „Wir brauchen hier niemanden, der Wasser anbrennen lässt und dem man die Schuhe beim Arbeiten besohlen kann“, sagt sie mit ihrer direkten Art. „Es gibt auch mal unfreundliche Gäste. Die murmeln nur undeutlich Currywurst-Pommes und drehen einem den Rücken zu. Dennoch ist mir wichtig, dass sie mit einem Lächeln wieder rausgehen.“
Auf dem Tresen stehen Gläser mit selbst gekochter Zwetschgen- und Quitten-Marmelade. „Ich war immer eine kleine Hausfrau“, sagt Carola Roßberg. Bereits im Alter von acht Jahren habe sie sich selbst Nudeln mit Tomatensoße kochen können. Das Rezept für den selbstgemachten Käsekuchen hat sie von der Mutter ihrer allerersten Jugendliebe. Mit ihrem heutigen Mann Peter hat sie zwei Töchter, er brachte zwei Kinder, sie eines mit in die Ehe. „Vor zwei Wochen kam die kleine Edda auf die Welt, mein siebtes Enkelkind“, sagt Carola Roßberg stolz. Bei der Familie tankt sie auf.
Kochen, backen, andere Menschen gut verköstigen – dabei ist Carola Roßberg in ihrem Element. Viele Jahre lang hat sie Menschen dabei geholfen, die Kilos purzeln zu lassen und als Coach für das Unternehmen „Weight Watchers“ gearbeitet. „Würde mir auch mal wieder guttun, zehn Kilo könnten runter“, sagt sie lachend. „Aber ich schmecke einfach zu gern ab – auch dreimal.“
Immer mehr Wagen von umliegenden Handwerksbetrieben fahren auf dem Parkplatz vor. Nichts, was die Imbiss-Inhaberin aus der Ruhe bringt. Mit geübten Handgriffen serviert sie Kürbissuppe, Frikadellen, Spiegeleier oder Matjes an Bratkartoffeln. Und immer wieder lautet die Bestellung auch: „Einmal Rolly’s Spezial.“
Für 13,10 Euro landet dann eine Currywurst mit frittierten Bratkartoffeln, Streukäse und einer speziellen Knoblauch-Soße auf dem Teller. „Die Inspiration für die Kartoffel-Variante habe ich aus Amerika“, sagt Carola Roßberg, die großer USA-Fan ist, was sich auch in der Deko in ihrem Imbiss widerspiegelt. Zahlreiche amerikanische Kennzeichen und Miniatur-Trucks hängen an den Wänden.
Dass sich in „Rolly’s Trucker Stop“ gut essen lässt, ist spätestens bekannt, seitdem Carola Roßberg im NDR-Format „Typisch!“ auftrat und sogar die NDR-Nordreportage über sie gedreht wurde. Nach der Ausstrahlung stürmten immer mehr Gäste den Imbiss, um „Rolly“ live hinter dem Tresen zu sehen. „Seitdem bekomme ich auch Fanpost und die Leute kommen aus Berlin und überall her.“
Gegen 15.30 Uhr beendet Carola Roßberg ihre Schicht, hat aber längst noch nicht Feierabend. Eine halbe Tonne Äpfel liegen auf dem Anhänger hinter ihrem Wagen, die sie gleich zur Mosterei fährt. Den frisch gezapften Saft gibt es dann selbstverständlich für ihre Gäste.