Ostercappeln Von Bill Kaulitz bis von der Leyen: Tiktoker Paul Bunne über sein Leben als Influencer
Paul Bunne, Influencer mit 22 Millionen Likes auf Tiktok, berichtet über seinen Weg vom Landleben in Ostercappeln und Jugendjahre in Osnabrück zum Social-Media-Alltag in München – und darüber, wie es ist, auf Events mit Heidi Klum, Bill Kaulitz und Ursula von der Leyen unterwegs zu sein.
Paul Bunne erlebt aufregende Events und trifft bekannte Persönlichkeiten. Zwischen seiner Kindheit in Ostercappeln und seinem heutigen Leben als Content Creator in München liegen Welten. Der 32-Jährige erzählt, wie er seinen Weg in die Social-Media-Welt gefunden hat. Beim Video-Interview sitzt er auf dem Boden vor seinem Sofa. Er wirkt offen, lacht viel.
Geboren in Ahlen, zog Paul Bunne nach der Trennung seiner Eltern im Alter von drei Jahren mit seiner Mutter und zwei Brüdern nach Ostercappeln bei Osnabrück. Dort bezog die Familie ein Fachwerkhaus im Ortsteil Hitzhausen – zwischen Wald und Forellenteichen. „Das ist wirklich paradiesisch“, schwärmt Bunne. Wenn er an seine Jugend denkt, erinnert er sich an Mofafahrten über Wiesen und Baumhäuser bauen: „Das war ein klassisches Landleben und eine krasse Jugend.“ Gleichzeitig hat er sich als Kind teilweise sehr einsam gefühlt, weil alle Freunde weit weg waren – der nächste Nachbar lebte mindestens einen Kilometer entfernt. „20 Jahre auf dem Land haben mir gereicht und dann kam dieses Bedürfnis in die Großstadt zu ziehen“, so der 32-Jährige.
Nach einem Abitur (3,0) zog er nach Berlin, „um irgendwas zu studieren“. In der Schule war er „überall mittelmäßig“, nur im Seminarfach Film hatte er 15 Punkte. Trotzdem kam für ihn eine Karriere in dem Bereich nicht infrage, „weil es sich immer angefühlt hat wie eine brotlose Kunst“. Also begann er Luft- und Raumfahrttechnik (Maschinenbau) zu studieren – auch, weil er dachte, seine Eltern stolz machen zu müssen. Erst bei einem Praktikum beim Jugend-TV-Sender Joiz merkte er, dass ihm Fernsehen und Medien Spaß machen. Als er seiner Mutter sagte, dass er sich exmatrikulieren will, hat sich das „wie ein Outing angefühlt“. Doch sie nahm ihm den Druck und unterstützt ihn bei allem, erzählt er.
Über seinen weiteren Berufsweg sagt Bunne: „Ich habe wirklich ganz unten angefangen“. Als Kabelträger bei Sendungen wie Circus Halligalli oder „Anne Will“. Doch er merkte, dass er selbst vor die Kamera möchte. In München absolvierte er deshalb ein Volontariat für audiovisuelle TV-Produktion bei Constantin Entertainment. Danach drehte er kleine Beiträge für Galileo und stand als Reporter vor der Kamera.
Parallel dazu postete er seit 2011 regelmäßig auf Social Media: „Ich war der Erste, der Instagram hatte“, erzählt er lachend. Der Chef bei Constantin Entertainment fand seine Videos lustig und holte ihn zurück – in der Social-Media-Abteilung lernte er die nötigen Skills. „Ich habe dann versucht, das Gelernte in Videos umzusetzen.“ Sein erstes virales Video entstand Anfang 2023 – eine Dating-Story mit dem Amerikaner Isaac, den er auf dem Oktoberfest kennengelernt hatte. Für jenes Jahr nahm er sich vor, jeden Tag ein Video hochzuladen – ein Vorsatz, der sich, wie er sagt, auch finanziell rentierte. Trotzdem macht Bunne Social Media nicht aus Karrieregründen: „Ich hab’s immer getan, weil ich Spaß dran hatte, weil ich gerne Geschichten erzähle.“
Im August 2023 kündigte Paul Bunne seinen Job. Zum ersten Mal konnte er von seinen Social-Media-Aktivitäten leben – ein Schritt, der ihm Respekt einflößte. „Am Anfang hat man natürlich voll Angst“, erinnert er sich. Doch gleich im ersten Monat bekam er für drei Tiktoks 30.000 Euro. Da war der Druck weg.
Seitdem arbeitet Bunne selbstständig in Vollzeit – und findet es selbstverständlich, seinen Followern täglich etwas zu bieten. Kein Verständnis hat er für Kollegen, die sich beschweren. „Ich find’s immer schwierig, wenn Creator nörgeln, ihr Leben sei so anstrengend.“ Er weiß, wie die normale Arbeitswelt aussieht – umso mehr ärgern ihn undankbare Creator: „Klar steckt Arbeit dahinter, aber für das, was du dafür teilweise bekommst – sei mal dankbar!“
Sein größter Luxus ist, morgens ohne Wecker aufzustehen. Trotz seines Erfolgs will Paul Bunne seinen Lebensstandard bewusst nicht anheben – keine größere Wohnung, kein Streben nach noch mehr Geld oder Followern. „Ich will, dass es so bleibt, wie es gerade ist.“ Außerdem findet er es gut, dass ihn nicht jeder kennt, sondern nur eine Nische auf Tiktok: „Es ist gerade ein perfektes Mittelmaß.“ Mehr Reichweite oder Erfolg bedeuten für ihn nicht automatisch mehr Glück – er versucht, gesund mit Social Media umzugehen: Beantwortet keine Nachrichten auf Instagram, filmt nur kurz seine Inhalte und verbringt den Rest der Zeit lieber mit Freunden – ohne ständig am Handy zu hängen. „Ich möchte mich auch um meine Psyche kümmern und mich da nicht auslaugen lassen“, so der 32-Jährige.
Wenn Paul Bunne über die Zukunft spricht, überrascht er mit einer unerwartet ehrlichen Sicht: „Ich glaube ja, dass ich in den nächsten zehn Jahren sterben werde.“ Bunne ist überzeugt, dass für jeden Menschen „bei der Geburt schon ein Ablaufdatum feststeht“. Gerade diese Vorstellung hilft ihm, das Leben intensiver zu genießen und im Moment zu sein. Er will jetzt glücklich sein, nicht irgendwann – und den Weg zum Ziel genießen. „Und ich mag diesen Weg gerade.“
Seit zehn Jahren lebt Paul Bunne inzwischen in München. „Ich hab mich krass in diese Stadt verliebt“, sagt er. Ein Grund, warum er aus Osnabrück wegwollte, war das Wetter. Er lebt aber gerne in Deutschland – unter anderem, weil er hier als schwuler Mann seine Sexualität offen leben kann. „Und ich liebe es, Sachen zu unternehmen“, in München wird ihm nie langweilig, erzählt er. Für ihn ist München „die kleinste und ländlichste Großstadt Deutschlands“ – genau das liebt er.
Trotzdem bleibt die Verbindung zur Heimat stark. In seinen Social-Media-Stories spricht er offen über alles – für ihn fühlt es sich so an, als würde er lediglich seine Freunde in Osnabrück auf dem Laufenden halten. Bei seiner Familie ist er immer gerne, auch wenn er sich nach ein paar Tagen wieder auf sein Leben in München freut, so Bunne. „Meine Mama ist mein treuester Tiktok- und Instagram-Follower“, erzählt er stolz. Zurück nach Osnabrück? „Stand jetzt kann ich es mir nicht vorstellen.“ Auch für die Liebe würde er seine Wahlheimat nicht verlassen: „Meine Liebe für einen Typen kann niemals so groß sein, wie meine Liebe zu München.“
Sein Social Media Content steht für Ehrlichkeit und Echtheit, meint Bunne. Er spricht über alles offen: „Ich hab auch schon erzählt, dass ich mir einen Tripper geholt habe.“ Gerade das fehlt ihm bei vielen anderen: „Ich stehe selber für mehr Authentizität und mehr Echtheit und würde mir wünschen, dass es andere auch machen“. Dafür nutzt er seine Reichweite gerne, weil es Leute gibt, denen es auch so geht, die sich aber nicht trauen, darüber zu reden.
Gleiches gilt für seine Haartransplantation: „Ich habe kein Problem, meine angehende Glatze zu zeigen.“ Offenheit ist Teil der Botschaft – auch, weil er früher kaum Vorbilder hatte. In seiner Zeit in Osnabrück hat er zum Beispiel noch nicht gewusst, dass er schwul ist, „weil es in meiner Lebensrealität nicht stattgefunden hat“. Erst in Berlin wurde ihm das klar: „Mittlerweile stehe ich hinter allem, was ich bin. Ich bin so im Reinen mit mir.“
Durch Social Media hat Paul Bunne viele Menschen kennengelernt. Sein persönliches Highlight in diesem Jahr: der Schauspieler und Creator Helge Mark Lodder. „Der hat mich schon seit Jahren inspiriert“. Mit einigen Promis versteht er sich so gut, dass echte Freundschaften entstehen. So kommt es, dass er zu Filmpremieren oder der Bambi-Verleihung eingeladen wird. Auch wenn er sich manchmal noch wundert, dass er wahrgenommen wird: „Ich bin ja nur der Paul aus Osnabrück.“
Im vergangenen Jahr traf er Ursula von der Leyen in Brüssel; in diesem Jahr geht er zur Halloweenparty von Heidi Klum in New York – als Begleitung von Kumpel Jannik Richter, ein ehemaliger GNTM-Teilnehmer. Eigentlich wollte er sein Kostüm bis zur Party geheim halten, verrät aber doch, dass er als Abnehmspritze verkleidet sein wird: „Ich wollte ein Outfit mit Message haben.“
Dort wird er auch wieder auf Bill Kaulitz treffen. Mit dem Tokio-Hotel-Sänger wurde Bunne beim Heidifest – einer Party von Heidi Klum zum Start der Wiesn – gesehen, als er ihm einen Edelweiß-Stecker an die Weste heftete. Der steht eigentlich dafür, dass man vergeben ist. Bunne hatte ein paar mitgenommen, um sie Menschen zu schenken, die er spannend findet, um ihnen im Gedächtnis zu bleiben. Bei Bill Kaulitz hat‘s geklappt: „Daraus ist eine coole Connection entstanden.“
Gut, regelmäßig in Kontakt sind sie nicht, aber sie tauschen gelegentlich Nachrichten aus. Und der Sänger hat Bunne per Instagram-Nachricht zur Kaulitz-Wiesn eingeladen. „Jetzt gerade“, sagt Bunne, „sieht man sich überraschend viel“.