Gericht  Rätsel um Massenschlägerei auf Auricher Marktplatz

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 01.11.2025 12:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vor dem Amtsgericht Aurich geht es um Körperverletzung. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
Vor dem Amtsgericht Aurich geht es um Körperverletzung. Foto: Klaus Ortgies/Archiv
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Einem 31-Jährigen ist bei einer Massenschlägerei auf dem Auricher Marktplatz im Oktober 2024 das Nasenbein gebrochen worden. Der mutmaßliche Täter steht nun vor Gericht.

Aurich - Wer hat einem 31-Jährigen bei einer Massenschlägerei auf dem Auricher Marktplatz das Nasenbein gebrochen? Der undurchsichtige Vorfall in der Nacht zum 5. Oktober 2024 beschäftigte am Dienstag, 28. Oktober 2025, die Auricher Strafrichterin Stellmacher mehrere Stunden. Acht Zeugen hatte sie zur Beweisaufnahme geladen. Deren Aussagen gingen weit auseinander.

Laut Anklageschrift griff der 29-jährige Angeklagte gegen 2.23 Uhr mit sechs bis acht unerkannt gebliebenen Mittätern zwei Auricher im Alter von 31 und 33 Jahren an. Der 31-Jährige soll von den Mittätern festgehalten worden sein. Mit einem Faustschlag habe der Angeklagte ihm die Nase gebrochen, heißt es in der Anklageschrift. Der 33-Jährige trug eine geschwollene Lippe und Rippenschmerzen davon. Die Staatsanwaltschaft hat das besondere öffentliche Interesse an der Strafverfolgung bejaht.

Angeklagter beklagt sich über Verhalten der Polizeibeamten

Der Angeklagte wies den Vorwurf zurück. „Die Gruppe ist abgehauen. Ich bin geblieben, weil ich nichts zu verbergen hatte“, sagte er. Er habe damals aus der Marktpassage kommend den Tumult wahrgenommen. „Ich bin quasi reingelaufen.“ Er habe schlichten wollen und geschrien, sie sollten aufhören. Die Geschädigten seien stark alkoholisiert gewesen.

Mit seinem Begleiter sei er hinterher langsam Richtung Tiffany gelaufen. Die Geschädigten seien mitgegangen, damit er nicht abhaue: „Die ganze Zeit Beleidigungen und Rumgeschreie.“ Die Polizei habe ihn am Georgswall aufgegriffen. „Sie waren sehr aggressiv und drängten mir eine Anzeige wegen Beleidigung auf“, fuhr er fort. Ob er jemanden aus der Gruppe gekannt habe, wollte die Richterin wissen. „Dazu will ich keine Angaben machen“, meinte er.

„Er hat mich im Gesicht getroffen“

Der 31-jährige Geschädigte berichtete, er sei mit zwei Freunden in der Stadt feiern gewesen. Beim Eiscafé Venezia am Marktplatz hätten sie sich mit einer Frau unterhalten, nachdem diese nach einer Zigarette gefragt habe. „Dann kam plötzlich eine Gruppe aus dem kleinen Weg.“ Eine Person habe aggressiv gefragt, warum sie so laut seien, und sei nahe an den 33-Jährigen herangetreten. „Ich bin dazwischengegangen.“

Er habe gesagt, sie seien nicht laut gewesen, und habe von dem Aggressor einen Schlag ins Gesicht bekommen. „Mehrere Leute kamen. Sie haben mich gehauen. Ich habe mich nur verteidigen können“, sagte der Opferzeuge, der seine Unterarme demonstrativ vor das Gesicht hielt. „Dann kam der Angeklagte – ich habe es aus dem Augenwinkel gesehen – und hat mich im Gesicht getroffen. Meine Nase ist gebrochen.“

Wegen Schlägerei den Job verloren

Die Gruppe sei weggelaufen. Er habe sein Handy vom Boden aufgehoben und trotz des kaputten Displays die Polizei rufen können. „Nur der Angeklagte und ein Mädchen waren noch da“, so der Geschädigte. Er sei mit ihnen bis zum Tiffany mitgelaufen, bis die Polizei gekommen sei. Dann sei er mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gekommen.

Laut Arztbericht erlitt der 31-Jährige multiple Prellungen, unter anderem am Ohr und am Rücken. Der Nasenbeinbruch wurde in Oldenburg operiert. „Ich war über zwei Wochen krankgeschrieben und habe meinen Job verloren, weil ich in der Probezeit war“, berichtete der Geschädigte über die Folgen.

Opfer hatte 1,76 Promille Alkohol im Blut

„Er hat mich angegriffen, hundertprozentig“, beteuerte er. Jemand habe ihn von hinten um den Hals gepackt und seinen Kopf hochgehalten – „nur in der Zeit konnte ich sehen“. Der Angeklagte habe zugeschlagen und seine Nase gebrochen. Jemand aus der Gruppe habe ihn später telefonisch kontaktiert, er solle die Anzeige zurücknehmen. Man könne das persönlich klären – „ich wollte so was nicht haben“.

„Ich habe gesehen, wie der Angeklagte den 31-jährigen geschlagen hat“, bekundete der 33-Jährige im Zeugenstand. Bei seiner polizeilichen Aussage hatte er das noch mit einem „Ich glaube“ versehen. Verteidiger Joachim Müller hielt ihm das vor. In der Tatnacht hatte der 33-Jährige 1,76 Promille Alkohol im Blut. Der Angeklagte hatte ihn wegen Beleidigung und Bedrohung angezeigt. Das Verfahren wurde eingestellt.

„Ich stand unter Schock“

„Der 31-Jährige wollte schlichten. Mehrere Leute sind direkt auf ihn losgegangen“, sagte ein 23-jähriger Auricher, der mit den beiden feiern war. Er habe sich ein Stück weit entfernt. Als Leute auf ihn zugekommen seien, sei er direkt abgehauen: „Ich stand unter Schock.“ Der Angeklagte habe bei der Gruppe mit dabei gestanden – „zu dem Zeitpunkt, wo ich da war, hat er nichts gemacht“.

Der Begleiter des Angeklagten konnte sich angeblich an nichts erinnern, weil er betrunken gewesen sei. Seine beachtliche polizeiliche Aussage wurde verlesen. Sie deckte sich mit den Angaben des Angeklagten.

Wichtige Zeugin war nicht erschienen

Drei Polizisten, die auf dem Marktplatz im Einsatz waren, erinnerten sich nur an wenige Details. „Das Opfer hat den Angeklagten vor Ort als Schuldigen ausgemacht“, erklärte einer. Sein Kollege schilderte, der 33-Jährige habe den Angreifer weder benennen noch beschreiben können. Der dritte Beamte erklärte, der Angeklagte habe dazwischengehen wollen und nicht aktiv an der Schlägerei teilgenommen.

Eine Zeugin war nicht erschienen. Nach Meinung des Staatsanwaltes konnte auf sie jedoch nicht verzichtet werden. Sie und ein weiterer Polizist sollen am 5. November 2025 um 14 Uhr in Saal 107 vernommen werden. An diesem Tag soll auch das Urteil gesprochen werden.

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