Schweinfurt VfL Osnabrück: Ein besonderes Geschenk, zwei spannende Typen - drei wichtige Punkte
Mit 2:1 hat der VfL Osnabrück bei Schweinfurt 05 gewonnen - beim Tabellenschlusslicht der 3. Liga, das bisher noch keinen Heimsieg feiern konnte und elf Niederlagen auf dem Konto hat. Warum der Erfolg trotzdem nicht irgendein Pflichtsieg war und was der VfL neben drei Punkten noch aus Unterfranken mitnahm.
Timo Schultz saß auf dem Podium der Pressekonferenz und freute sich aufrichtig. Der FC Schweinfurt 05 pflegt in der 3. Fußball-Liga eine schöne Tradition. Jeder Trainer der Gastmannschaft erhält vom Aufsteiger einen kleinen Präsentkorb mit Spezialitäten aus Mainfranken. Eine Flasche Bocksbeutel mit Frankenwein darf da natürlich nicht fehlen.
Der Trainer des VfL Osnabrück bedankte sich und fuhr dann fort: „Noch mehr freue ich mich aber über die drei Punkte.“ Mit 2:1 hatte der VfL zuvor in Schweinfurt gewonnen - beim Tabellenschlusslicht, das erst einen Auswärtssieg in zwölf Spielen einfuhr und elf Niederlagen kassierte. Da könnte man fast meinen, die „Schnüdel“, wie der Verein sich nennt, würden die Punkte für die Gäste jedesmal gleich mit in den Präsentkorb packen. Doch der VfL musste hart für den Erfolg arbeiten.
Die Erwartungshaltung, in Schweinfurt was mitzunehmen, die 0:4-Niederlage in der Woche zuvor gegen Hoffenheim II, der erste heftige Rückschlag - all das hat die Partie vielleicht sogar zu einer der schwersten für die Osnabrücker in dieser Saison werden lassen. Die Erleichterung bei Mannschaft und Fans, dass es gelang, mit den Herausforderungen umzugehen, war groß. Minutenlang standen die Spieler vor den mitgereisten 1403 Fans, von denen der Großteil im unüberdachten Block im Nieselregen ausgeharrt hatte - feierten und redeten. Mittendrin zwei Profis, die lange Zeit in der Saison eher außen vor waren.
Erst dreimal hatte Kevin Wiethaup für den VfL in dieser Saison gespielt - insgesamt 34 Minuten, nie von Beginn an. Zuletzt am 17. September beim 1:1 bei Rot-Weiss Essen. David Kopacz stand gegen Hoffenheim II drei Minuten auf dem Platz. Insgesamt in der Saison bisher kam er viermal zum Einsatz - nur in den ersten beiden Spielen stand er in der Startelf. In Schweinfurt waren der Youngster und der Routinier schon zum Anpfiff dabei und an beiden Toren beteiligt: Wiethaup jeweils als Initiator, Kopacz als Torschütze des 1:0 und Vorlagengeber beim 2:0 von Robin Meißner.
Wieso beide plötzlich in der Startelf standen? „Gute Trainingsleistung zahlt sich aus“, lautete die Antwort des Trainers. Dazu kamen die Eindrücke, die beide beim 3:1 im Test beim Hamburger SV hinterließen. Die Partie hatte der VfL am Abend vor dem Spiel gegen Hoffenheim vereinbart, auf Initiative von Schultz. Nach dem 0:4 wurde sie auch ein wenig zum Schaulaufen für diejenigen, die sich als Alternativen aufdrängen wollten.
Mit Kopacz bekommt der VfL nun ein weiteres Profil auf der Position hinter den Spitzen, wo Lars Kehl gesetzt scheint. Ismail Badjie und Tony Lesueur zählen eher zur Fraktion „Speed“. Luc Ihorst steht eher für das körperliche Spiel, Kai Pröger für den Typ „erfahrenes Schlitzohr“. Und Kopacz? Der überzeugte in Schweinfurt mit Wucht und Dynamik, mit Mut und Torgefährlichkeit. Der 26-Jährige, der kürzlich Vater geworden ist, freute sich sichtlich, wieder „zurück zu sein“ und erklärte: „Ich bin ja auch schon ein bisschen länger in der 3. Liga dabei und weiß, wie wichtig das ist, dass uns alle diese Konkurrenz auf Trab hält und wir wach bleiben.“
Dazu trägt ab sofort auch Wiethaup bei, als vierter Kandidat für einen der beiden Plätze im Zentrum. Auch hier gibt es mit Bjarke Jacobsen einen Stammspieler. Daneben wechselten Bryan Henning und Fridolin Wagner sich ab, Routinier Robert Tesche kam erst einmal zum Einsatz. Nun könnte Wiethaup mitrotieren. Der 20-Jährige ist schon lange bei den Profis. In dieser Saison könnte er erstmals so richtig den Sprung in die Mannschaft schaffen. Körperlich hat er zugelegt. Auch in Schweinfurt hatte er starke Werte. Auch er bringt Dynamik ein und ein Auge für den perfekt getimten Pass - wenn er denn gelingt. „Von ihm haben wir heute die gesamte Bandbreite gesehen“, sagte Schultz nach der Partie und lächelte. Was der Trainer meinte? Auch ein Fehlpass, der bei anderen Gegnern möglich folgenschwer ausgefallen wäre, war zu Beginn des Spiels dabei. „Der war krass“, gestand Wiethaup: „Aber solche Szenen hake ich schnell ab: Scheißegal, umschalten, weitermachen.“
Auch deshalb baut Schultz auf ihn. Seit Samstag hat er den Nachweis, dass er das kann. Ebenso bei Kopacz. Es macht die Auswahl des Spieltagskaders nicht einfacher, die der Startelf noch weniger. Es gibt dem VfL aber gute Möglichkeiten auf Situationen, wie ein 0:4 zu reagieren oder auf Stärken und Schwächen des Gegners und die Trainingsleistung hoch zu halten, weil sich keiner leisten kann, vom Gas zu gehen.
Die Breite des Kaders, sie wächst und wächst. Sie zeigt sich daran, dass bereits 23 Spieler zum Einsatz kamen. Und das nicht, weil der VfL verzweifelt auf der Suche nach einer Stammformation ist, die Erfolg verspricht. Denn mit 22 Punkten liegen die Osnabrücker weiter auf Rang vier der Tabelle.
In den kommenden Wochen treffen sie auf alle Teams davor: Duisburg, Cottbus, SC Verl. Dazwischen kommt mit Ingolstadt eine Mannschaft im Aufwind. Dann wird sich zeigen, ob der VfL mit der Breite des Kaders auch gegen die Topteams der Liga bestehen kann - oder ob es dafür in der Spitze noch etwas fehlt.
Der Trainer hat die Wahl. Wie er sich entscheidet, ist offen. „Jeder kann sich im Training anbieten“, betonte Schultz. Sicher scheint nur, was er mit dem Präsentkorb macht. „Den“, sagte der 48-Jährige, „gebe ich vermutlich meiner Frau.“