Bremen „Veraltete Prozesse und massive Bürokratie“: Warum der Bundeswehr im Ernstfall Logistiker fehlen
Im Bündnisfall müssen unter anderem bis zu 800.000 alliierte Soldaten durch Deutschland transportiert werden. Ohne zivile Logistikpartner funktioniert das nicht – die sind aber noch nicht ausreichend vorhanden.
Waffen benötigen Munition, Panzer zum Fahren Diesel, Soldaten Verpflegung – mit anderen Worten: Ohne funktionierenden Nachschub ist die beste Armee nichts wert. Nicht von ungefähr stehen im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine auch immer wieder die Nachschublinien unter Beschuss, um den Gegner massiv zu schwächen. Die Logistik – egal ob in Friedenszeiten, Verteidigungs- oder Bündnisfall – schafft die Bundeswehr nicht mit eigenen Bordmitteln, sie ist auf zivile Transportdienstleistungen angewiesen. Zu den großen privaten Partnern gehören unter anderen Lufthansa und DB Cargo. Während kleinere Logistikdienstleister eher selten sind.
Am sogenannten Operationsplan Deutschland wird deutlich, wie wichtig die Partnerschaft zwischen Bundeswehr und Logistikunternehmen ist: Denn insbesondere die Bündnisverpflichtung Deutschlands, die sich aus seiner geostrategischen Lage als Drehscheibe der Nato in der Mitte Europas ergibt, spielt eine Rolle, so die Bundeswehr. „Im Ernstfall müssen bis zu 800.000 alliierte Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Fahrzeuge innerhalb von sechs Monaten durch Deutschland verlegt und versorgt werden.“
Dies umfasse Unterstützungsleistungen bei Schutz und Sicherung, Verkehrsleitung, Transport und Umschlag auf Straße, Schiene sowie in See- und Flughäfen, Unterbringung und Verpflegung, Betankung und Instandhaltung, medizinischer Versorgung bis hin zur Rechtsberatung. Diese Aufgabe sei – ohne langen Vorlauf und über lange Zeit – nur mit den Leistungen zivil-gewerblicher Partner sicherzustellen, so die Bundeswehr.
„Für Grundbetrieb, Übungen und im Rahmen des internationalen Krisenmanagements erfolgt die Bedarfsdeckung schon heute in großen Teilen mit ziviler Unterstützungsleistung“, sagte ein Sprecher des Logistikkommandos der Bundeswehr auf Nachfrage unserer Redaktion. Rein logistische militärische Fähigkeiten würden vor allem im Schwerpunkt dort notwendig sein, wo die zivile Leistungserbringung in einer entsprechenden Bedrohungslage als „nicht gesichert verfügbar“ anzusehen sei. „Kooperationen finden in nahezu allen logistischen Prozessen beziehungsweise Geschäftszweigen statt.“ Positiv hervorzuheben sei der erst kürzlich vereinbarte Rahmenvertrag, der die Verlegung von Kräften im Verteidigungs- wie auch im Bündnisfall logistisch unterstützen soll.
Gemeint ist damit der Vertrag mit Rheinmetall. Die Vereinbarung zwischen dem Rüstungskonzern und der Bundeswehr wurde Anfang dieses Jahres unterzeichnet. Der Großauftrag beinhaltet laut Rheinmetall vor allem die logistische Unterstützung bei der Verlegung von militärischen Kräften innerhalb Deutschlands sowie aus Deutschland heraus. Die mit dem Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw) geschlossene Rahmenvereinbarung habe einen Wert von bis zu 260 Millionen Euro. Die Vereinbarung gelte zunächst für drei Jahre und könne zweimal, um jeweils ein Jahr, bis maximal Ende 2029 verlängert werden. Der Vertrag sehe vor, dass die genannten Leistungen auch im Verteidigungs- sowie im Bündnisfall durch Rheinmetall zu erbringen sind.
Die Einbindung von Leistungen Dritter in das logistische System der Bundeswehr sei seit jeher Bestandteil der strategischen Ausrichtung, so der Sprecher. Die Größe dieses Anteils sei stark abhängig von verschiedenen Faktoren und variiere je nach Dauer, Zusammensetzung, Einsatzauftrag und Gebiet der jeweils zum Einsatz kommenden Streitkräfte. „Aufgrund der in den zurückliegenden Jahrzehnten durchlaufenen Strukturanpassungen der Bundeswehr sind die militärischen Kräfte der Logistik weiterhin aufzustocken, um alle Bedarfe im Einsatzgebiet und im Inland vollumfänglich erfüllen zu können.“
Was weitere künftige Kooperationen angehe, gebe es Gespräche zwischen Bundeswehr und Wirtschaft im offenen, aber nicht öffentlichen Dialog, so der Bundeswehr-Sprecher. „Ziel ist es, einerseits die Engpässe aufzuzeigen, aber andererseits auch die Möglichkeiten der Industrie auszuloten.“ Es gebe strikte Vergabeverfahren, fehlende Flexibilität und einen gravierenden Mangel an Marktkenntnis aufseiten der Bundeswehr, äußerten ein Logistikmanager eines internationalen Dienstleisters und ein Geschäftsführer einer europaweit tätigen Speditionskooperation – beide wollten anonym bleiben – jüngst Kritik an den Transport-Ausschreibungen der Streitkräfte im Gespräch mit der „Deutschen Verkehrs-Zeitung“ (DVZ). Man sei ziemlich frustriert, was das Thema angehe.
Zwar werbe die Bundeswehr regelmäßig auf Veranstaltungen um die zivile Logistikwirtschaft, in der Praxis scheitere die Zusammenarbeit jedoch an veralteten Prozessen und massiver Bürokratie, so die beiden Logistiker. Die Bundeswehr bewertet ihre Erfahrungen mit privatwirtschaftlichen Unternehmen dagegen positiv. Im Bereich Transport stütze sich die Bundeswehr sowohl im Grundbetrieb als auch in ausgewählten Einsätzen des internationalen Krisenmanagements überwiegend auf zivil-gewerbliche Leistungserbringung ab, zitiert die DVZ eine Stellungnahme des BAIUDBw. Es seien ausgesprochen leistungsfähige, bewährte und gut funktionierende Kooperationen mit privat-gewerblichen Logistikdienstleistern entstanden.
„Für eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr müssen Unternehmen formale Voraussetzungen erfüllen, die in der Regel über den Umfang hinausgehen dürften, den Auftraggeber aus der Privatwirtschaft stellen“, sagte Robert Völkl, Geschäftsführer des Vereins Bremer Spediteure. Stichworte wären in diesem Zusammenhang Compliance, höchste Anforderungen an die IT-Sicherheit, ein organisatorisch sichergestellter beschränkter Informationszugang nur für eingeweihte Mitarbeiter und die Erfüllung umfangreicher Dokumentationspflichten. „Dazu werden nur Speditions- und Logistikunternehmen in der Lage sein, die über eine gewisse Größe verfügen.“ Generell sei eine Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr und Unternehmen aus der Speditions- und Logistikbranche sinnvoll, vor allem in ökonomischer Hinsicht, wie jede Zusammenarbeit zwischen staatlichen Institutionen und Unternehmen der Privatwirtschaft zu begrüßen sei. „Schließlich behaupten sich die Unternehmen der Privatwirtschaft im harten Wettbewerb und arbeiten daher effizienter und zu geringeren Kosten, als es Behörden und andere staatliche Stellen vermögen.“ Kurzum: Die Privatwirtschaft könne vieles besser als der Staat.
Was eine Zusammenarbeit mit der Bundeswehr angeht, seien grundsätzlich Zertifizierungen der Unternehmen erforderlich, so der Bundeswehrsprecher. Diese bezögen sich auf den gesicherten Austausch von Informationen als auch die Sicherstellung der notwendigen Qualität der Leistungen in Art und Umfang. Dies betreffe beispielsweise IT-Schnittstellen, die Personalauswahl als auch wirtschaftliche Kennzahlen.
Dem Verein Bremer Spediteure, der über 150 Logistikunternehmen in Bremen und Bremerhaven vertritt, sind keine Speditionsunternehmen in seinem Kreis bekannt, die für die Bundeswehr tätig sind. „Allerdings sind Spediteure insgesamt sehr verschwiegen, wenn es um die Namen ihrer Kunden geht“, so Völkl. „Bei Aufträgen für die Bundeswehr wäre dies aus naheliegenden Gründen erst recht der Fall.“