Sydney  Trotz Geständnis: Mutmaßlicher Kindesmörder lebte 55 Jahre ohne Konsequenzen

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 25.10.2025 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Paul Grimmer (mitte), Bruder des verschwundenen Kindes Cheryl Grimmer, war bei der Namensnennung des Täters auf der Zuschauertribüne anwesend. Foto: IMAGO/AAP
Paul Grimmer (mitte), Bruder des verschwundenen Kindes Cheryl Grimmer, war bei der Namensnennung des Täters auf der Zuschauertribüne anwesend. Foto: IMAGO/AAP
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In Australien verschwand vor 55 Jahren die dreijährige Cheryl. Ein Jahr später legte ein Teenager ein Geständnis ab – Konsequenz blieben jedoch aus, der Verdächtige genoss Anonymität. Nun hat ein australischer Abgeordneter den Namen des Täters veröffentlicht.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Verschwinden der dreijährigen Cheryl Grimmer von einem australischen Strand hat ihre Familie den Namen des Hauptverdächtigen öffentlich gemacht.

Der als „Mercury“ bekannte Mann, dessen Identität bislang durch Jugendschutzgesetze geschützt war, wurde am Donnerstag durch den Parlamentsabgeordneten Jeremy Buckingham mit Klarnamen benannt, nachdem ein von der Familie gesetztes Ultimatum unbeantwortet verstrichen war. Buckingham berief sich dabei auf seine parlamentarische Immunität. Sie erlaubt es Abgeordneten, im Parlament Dinge zu sagen, die außerhalb strafbar wären.

Die kleine Cheryl Grimmer verschwand am 12. Januar 1970 aus einem Dusch-Block am Fairy Meadow Beach in Wollongong, südlich von Sydney. Die Familie, die erst kurz zuvor als sogenannte „Ten Pound Poms“ – britische Einwanderer, die für zehn Pfund nach Australien übersiedeln konnten – von Bristol nach Australien ausgewandert war, erlebte an jenem Tag einen Alptraum, der bis heute anhält.

Der damals siebenjährige Ricki Nash, Cheryls ältester Bruder, war von der Mutter mit der Aufsicht über seine Geschwister betraut worden. Als Cheryl kichernd in die Damenumkleide rannte und sich weigerte herauszukommen, ging der Junge zurück zum Strand, um seine Mutter zu holen. 90 Sekunden später war das Kleinkind verschwunden.

Fast fünf Jahrzehnte lang blieb der Fall ungelöst. Erst 2017 nahm die Polizei überraschend einen Mann in seinen Sechzigern fest. Ermittler waren auf ein detailliertes Geständnis gestoßen, das ein Teenager 1971 – nur ein Jahr nach Cheryls Verschwinden – bei der Polizei abgelegt hatte. Das Geständnis beschrieb nach Angaben des „Sydney Morning Herald“ minutiös, was die Menschen am Strand trugen, wo sie saßen, und wie der Täter das dreijährige Mädchen tötete und ihren Körper versteckte.

Nash zufolge gestand der Teenager, Cheryl entführt zu haben, um Sex mit dem Kind zu haben. Er habe sie ermordet, weil sie geschrien und sich gewehrt habe. Doch das brisante Geständnis blieb 45 Jahre lang in einer Schublade. „Sie steckten dieses Geständnis in eine Kiste für 45 Jahre“, sagte Nash. „Sie haben nicht einmal eine Durchsuchung des Gebiets durchgeführt, als der Verdächtige 1971 eine Begehung machte.“

Der 2019 angesetzte Prozess endete in einer Enttäuschung für die Familie. Richter Robert Allan Hulme entschied, dass das Geständnis nicht als Beweis zugelassen werden könne. Der Verdächtige sei zum Zeitpunkt des Geständnisses „nicht intelligent“ gewesen, habe ohne Anwesenheit eines Erwachsenen ausgesagt und eine „sehr gestörte Kindheit“ durchlebt, urteilte der Richter. Ohne das zentrale Beweisstück wussten die Staatsanwälte, dass eine Verurteilung unmöglich war. Die Anklage wurde fallen gelassen, und „Mercury“ kam frei – sein Name weiterhin durch Jugendschutzgesetze geschützt, da er zum Tatzeitpunkt minderjährig gewesen war.

Für die Familie Grimmer war dies unerträglich. In den folgenden Jahren kämpften sie verzweifelt für eine neue Untersuchung. Als 2022 die BBC den True-Crime-Podcast „Fairy Meadow“ ausstrahlte, meldeten sich drei potenzielle neue Augenzeugen. Doch zu ihrer Enttäuschung wurden diese nie formell befragt. Eine vierjährige Überprüfung des Falls ergab ebenfalls keine neuen Beweise, die zu einer Verurteilung führen könnten.

„Wir haben das Gefühl, dass wir von der Polizei zahlreiche Male abgewimmelt wurden“, erklärte die Familie in einem 19-seitigen Dossier, das die aus Sicht der Familie „Inkompetenz und Fahrlässigkeit in der Ermittlung“ der Polizei anprangerte. Am vergangenen Freitag setzte Ricki Nash dem Verdächtigen ein Ultimatum bis Mitternacht am Mittwoch: Der heute 71-Jährige sollte sich mit der Familie treffen und sein damaliges Geständnis erklären – oder sein Name würde öffentlich gemacht.

Als „Mercury“ nicht reagierte, machte der Abgeordnete Jeremy Buckingham von der Legalise-Cannabis-Partei seine Ankündigung wahr. Er nannte den Namen des mutmaßlichen Täters im Parlament. „Das Strafrechtssystem hat sie vor 50 Jahren im Stich gelassen und hat sie in jüngster Zeit mit der Unzulässigkeit des Geständnisses im Stich gelassen“, wurde er in lokalen australischen Medien zitiert. „Wir befinden uns jetzt in einer Situation, in der es am Parlament liegt, seine Befugnisse zu nutzen.“ Obwohl der Name des Tatverdächtigen nun öffentlich genannt wurde, wird unsere Zeitung diesen trotzdem nicht nennen.

Die australische Polizei verteidigt ihr Vorgehen und betont, dass die Mordkommission den Fall weiterhin untersuche. Eine Belohnung von einer Million australischer Dollar (rund 560.000 Euro) für sachdienliche Hinweise bleibt bestehen. Cheryls Leichnam wurde nie gefunden. Ricki Nash, der seit 55 Jahren mit der Schuld lebt, seine kleine Schwester am Strand zurückgelassen zu haben, sagte dem SMH: „Ich bin ihr großer Bruder und ich habe sie am Strand zurückgelassen. Sie hat mir vergeben, aber sie drängt mich seit 55 Jahren.“

Das Parlament des Bundesstaates New South Wales, in dem der vermeintliche Tatort Wollongong liegt, hat inzwischen eine Untersuchung zu Langzeit-Vermisstenfällen angekündigt, die auch Cheryls Fall einschließt. Für die Familie kommt das 55 Jahre zu spät. „Cheryl verschwand vor mehr als 55 Jahren“, werden die Angehörigen von der britischen BBC zitiert. „Es ist Zeit für Antworten, es ist Zeit für Rechenschaftspflicht.“

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