Osnabrück  „High Noon im Lokviertel“: Osnabrück vor nächster Mega-Evakuierung

Eva Marie Stegmann
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Von Eva Marie Stegmann
| 21.10.2025 15:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ordnungsamtschef Thomas Cordes mit dem Rest eines explodierten Blindgängers. Obwohl bisher alles gut ging, sei die Gefahr real, sagt er. Foto: Jörn Martens
Ordnungsamtschef Thomas Cordes mit dem Rest eines explodierten Blindgängers. Obwohl bisher alles gut ging, sei die Gefahr real, sagt er. Foto: Jörn Martens
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Monatelang wurden geplante Räumungen im Lokviertel abgesagt, dann gab es drei Spontanfunde. Jetzt steht der nächste Großeinsatz bevor: 14.250 Osnabrücker müssen am 9. November ihre Häuser verlassen. Warum die Stadt ihre Strategie geändert hat, was für den Tag zu beachten ist und wie es weitergeht. Wir haben beim Ordnungsamtschef nachgefragt.

Drei geplante Bombenräumungen sagte die Stadt Osnabrück zuletzt ab. Einer Phase relativer Ruhe – unterbrochen nur von drei Spontanfunden am 14. Februar und 17. Juni und 1. Juli – folgt am 9. November die nächste Großaktion im Lokviertel.

14.250 Menschen aus 9050 Haushalten müssen dann bis 7 Uhr morgens ihre Häuser und Wohnungen verlassen haben.

Für drei neue Verdachtspunkte rücken die Sprengmeister aus Hannover an, sagte uns Ordnungsamtsleiter Thomas Cordes im Gespräch am vergangenen Freitag. Als die Stadt aber am Dienstag darauf offiziell die Räumung bekannt gibt, ist zu den drei Verdachtspunkten noch ein weiterer hinzugekommen. Das zeigt, wie schnell alles gehen kann. Warum wurde eigentlich so wenig gefunden? Wie wurde diesmal über den Radius entschieden und welche Lehren nimmt die Verwaltung aus den vergangenen Räumungen mit?

Das wollten wir von denen wissen, die den Hut für die Planung aufhaben: der Fachbereich Bürger und Ordnung, dessen Chef Thomas Cordes ist. Sein Fachbereich sorgt für einen strukturierten Ablauf. Erneut werden am 9.11 wieder Hunderte Helfer im Einsatz: das Technische Hilfswerk, die Polizei, das Deutsche Rote Kreuz, die Berufsfeuerwehr, mehrere freiwillige Wehren, viele Mitarbeiter der Stadtverwaltung vom Ordnungsamt bis zur Pressestelle. Natürlich auch die Stadtwerke, die Busse zum Evakuierungszentrum in der Gesamtschule Schinkel steuern. Viele von ihnen engagieren sich freiwillig.

„Ich hoffe, dass die Bevölkerung mitmacht“, sagt Thomas Cordes. Dass zuletzt drei Termine ausfielen, habe auch ihn überrascht. Die drei neuen Verdachtspunkte seien alle erst vorletzte Woche bestätigt worden. Der vierte ist nur Tage alt.

Ist das für ihn und sein Team schon Routine? „Sagen wir es so: Wir sind darauf eingestellt, dass jederzeit die Tür aufgehen kann und jemand sagt: ‚Bombenfund!‘“, antwortet er. „Und dann ist wieder High Noon im Lokviertel.“

Sein Resümee nach rund einem Jahr: „Es gibt ein gut eingespieltes Team.“ Und: „Osnabrück hatte Glück, dass alles gut gegangen ist.“ Auch die Bevölkerung zeige, bis auf einen ganz kleinen harten Kern an Störern, viel Verständnis.

Thomas Cordes erinnert an die erste Großräumung im November 2024. „Sieben Bomben. Wir haben schnell bemerkt: Das war zu viel.“ Je mehr Punkte man bündelt, desto eher sei eine „Problembombe“ dabei. Ein Sprengkörper, der ungünstig liegt oder – der Alptraum der Experten – einen tückischen Säurezünder hat.

Man einigte sich mit den Sprengmeistern auf vier mögliche Bomben pro Aktion, nicht mehr und nicht weniger. „Das ist eine ordentliche Menge. Trotzdem ist kalkulierbar, dass die Menschen am selben Tag nach Hause können“, so Cordes.

Eine der neuen Fundstellen für den 9. November ist schwierig. „Sie liegt im feuchten Erdreich, was die Entschärfung komplexer macht.“

Der Evakuierungsradius beträgt 1000 Meter. Betroffen sind damit auch das Marienhospital (MHO), das Christliche Kinderhospital (CKO), der Hauptbahnhof sowie das Altenheim im Schinkel. „Die Räumungen stellen alle vor Herausforderungen: logistische, wirtschaftliche und emotionale“, sagt Cordes. Beim letzten Punkt denkt er besonders an Kranke und Pflegebedürftige.

„1000 Meter, weil darunter laut Experten eine erhöhte Gefahr besteht“, erklärt er. Bundesländer wie NRW oder Hamburg wichen mit kleineren Radien von den Empfehlungen der Fachleute ab.

Immer wieder beschwerten sich Bürger in Osnabrück über den großen Radius, hinterfragten angesichts der kleineren Radien in Nachbarbundesländern die Strategie. „Ich erkläre gerne immer wieder, dass wir das nicht machen, um die Menschen zu gängeln. Wir wollen für ihre Sicherheit vorkehren“, sagt Cordes. „Jede Sprengung ist ein Wagnis.“

Die Lebensgefahr sei stets präsent. „Stellen Sie sich vor, es passiert etwas und unser Radius läge bei unter 1000 Meter. Dann würden alle fragen: Hat das Ordnungsamt einen Fehler gemacht?“

Tragische Beispiele zeigen die Risiken. Allen voran Göttingen: Dort starben im Juni 2010 drei Männer beim Entschärfen einer Bombe. Einer der Sprengmeister hatte oft in Osnabrück gearbeitet; Cordes kannte ihn.

Er zeigt einen Splitter, 15 Zentimeter lang. Er flog in Osnabrück in ein ehemaliges Kinderzimmer und zerstörte Teile des Daches. „Zum Glück war kein Kind mehr drin.“ Die Gefahr, weiß der Ordnungsamtsleiter, sei real.

Beim Thema Gefahrenschutz sind nicht nur Fachleute gefragt. Den Bürgern komme eine tragende Rolle zu, erklärt Cordes. Sie helfen mit, indem sie bis 7 Uhr das Sperrgebiet verlassen. „Insgesamt ist das sehr gut gelaufen.“ Oft blieben Menschen zurück, die wenig soziale Kontakte hätten und „aus dem Raster fielen“. Der Appell der Stadt lautet daher: Nachbarn informieren!

Cordes schildert das Problem der Verweigerer: Das Gebiet ist als „sicher“ gemeldet. Dann ein Notruf: Schlaganfall, mitten in der Sperrzone. Der Notarzt rückt an, der Sprengmeister muss stoppen. „Die Rettungskräfte begeben sich in Lebensgefahr. Wer sich nicht evakuiert, gefährdet auch die Helfer.“ Und bei einem Säurezünder läuft den Entschärfern die Zeit davon.

Besteht Hoffnung auf ein baldiges Ende? „Darauf kann niemand eine verlässliche Antwort geben“, so Cordes. Die Unberechenbarkeit zeige sich schon an den jüngsten Absagen. Etwas mehr als zwei Drittel des Areals sind laut Stadtverwaltung sondiert.

„Ich könnte mir vorstellen, dass es ein oder zwei weitere Aktionen geben wird, aber ohne Gewähr“, betont der Ordnungsamtsleiter. Trotz Luftbildauswertungen sei es schwer, Fundorte von Blindgängern vorherzusagen.

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