Hamburg Ulrich Tukur: Ich rede ständig mit dem Tod
Zum Filmstart von „Dann passiert das Leben“ spricht Ulrich Tukur über sein Leben ohne Smartphone, Autofahrten ohne Führerschein und seine Auseinandersetzung mit dem Sterben.
Ulrich Tukur wartet gut gelaunt in einem Hamburger Hotelzimmer, aus dem gerade noch Anke Engelke entwischt. Ihr gemeinsamer Film „Dann passiert das Leben“ hat am Abend Premiere beim Hamburger Filmfest.
Die Geschichte erzählt von einem Ehepaar, das nach seiner Pensionierung in eine Krise gerät – die ein verhängnisvoller Autounfall noch verschärft. Im Gespräch macht Tukur dann ein verblüffendes Geständnis: Der Schauspieler, der als „Tatort“-Kommissar im TV-Krimi für Recht und Ordnung sorgt, ist in Italien jahrelang ohne Führerschein gefahren.
Frage: Herr Tukur, ich habe erfahren, dass weder Sie noch Ihre Kollegin Anke Engelke ein Smartphone besitzen. Womit telefonieren Sie?
Antwort: Mit einem Tastentelefon. Mein altes Nokia ist gerade kaputtgegangen. Jetzt bin ich an das hier geraten. Es hat ein FC-Barcelona-Logo, was mich eigentlich nicht stört. Leider sind als Klingeltöne nur Vereinshymnen verfügbar. Wenn jemand anruft, hört man das Gegröle von Zehntausenden im Stadion. Es ist ein bisschen peinlich, aber man kann es leider nicht anders einstellen.
Frage: Sie sind nicht sportaffin?
Antwort: Ich kann Sport nicht ausstehen. Ich bin für Bewegung, das schon, aber es muss in Würde geschehen und Sinn machen. Ich fahre Fahrrad, ich schwimme, ich gehe spazieren, wandere sogar, erklimme Treppen und renne von Speisekarte zu Speisekarte.
Frage: Wenn Sie und Anke Engelke mit Ihren Tastentelefonen zusammenstehen: Was blicken Sie dann auf uns Smartphone-Nutzer?
Antwort: Wir beobachten das Sieben-Sekunden-Muster: Da steht einer, wischelt auf dem Telefon herum, und wenn er es wegpackt, weil er merkt, dass er vielleicht mal eine Pause braucht, hat er es genau sieben Sekunden später wieder in der Hand. Wir leben in einer Leuchtschachtelkultur. Anke Engelke und ich sind vermutlich die letzten Menschen ohne Dumbphone. Es ist surreal, denn die Menschen sind ja nicht mehr da, wo sie sind, sie befinden sich irgendwo, nur nicht an dem Ort, wo ich sie sehe. Sie sind Larven, komplett abhängig von unkontrollierbaren digitalen Strukturen, sie sind Einsen und vor allem Nullen und lassen es zu, dass ihr ganzes Leben von Hightech-Konzernen bestimmt wird.
Frage: Beruflich vermissen Sie das Smartphone auch nicht?
Antwort: Ich nicht – aber natürlich kommen inzwischen junge Kollegen deshalb zum Film, weil sie sogenannte Influencer sind und viele Follower haben. Auch wenn die Kamera schon läuft, gucken die immer noch in ihre Schachtel und posten irgendwas. Mittlerweile scheint das tatsächlich ein Einstellungskriterium zu sein. Quantität tritt an die Stelle von Qualität, der Darsteller wirkt dank seiner Follower als Multiplikator. Das ist würdelos und das Ende von Kunst.
Sehen Sie hier den Trailer von Ulrich Tukurs aktuellem Kinofilm „Dann passiert das Leben“
Frage: Ihr Film „Dann passiert das Leben“ ist um einen Autounfall herum gebaut. Fahren Sie gern Auto oder eher angstvoll?
Antwort: Ich habe nie einen Führerschein gehabt. In den 20 Jahren, die ich in der Toskana lebte, abgelegen in den Apenninen, musste ich natürlich Auto fahren. Ich habe es mir selbst beigebracht, mit dem Fahrzeug meiner Frau. Über einen Führerschein habe ich erst später nachgedacht, als ich in meinen Filmen immer öfter Auto fahren musste. Ich konnte der Produktion ja nicht ewig von einem Führerschein erzählen, den ich nicht hatte. Am Ende mache ich einen Unfall und bin nicht versichert. Als wir vor fünf Jahren nach Berlin zogen, entdeckte ich im Nachbarhaus eine Fahrschule, geführt von einem sehr freundlichen Herrn Freundl. Da bin ich also hin und habe gesagt: Herr Freundl, Entschuldigung, ich wohne hier um die Ecke, kann ich bei Ihnen vielleicht einen archäologischen Führerschein machen?
Frage: Archäologisch?
Antwort: Na ja, ich war eben schon biblische 64 Jahre alt und hatte immer noch keinen. Er war bereit, es zu versuchen, und sagte mir, er hätte schon einmal einen Herrn mit 65 Jahren durch die Prüfung gebracht. Autoaffin bin ich auch mit Führerschein nicht geworden, obwohl ich manche Fahrzeuge wirklich sehr schön finde – die Modelle von den 30ern bis zu den 60er Jahren mit ihren runden, eleganten Karosserien. Aber ich fahre eigentlich nur, wenn ich muss.
Frage: Hatten Sie schon mal einen Unfall?
Antwort: Nie, wobei – vielleicht passt eine schöne, kleine Anekdote zu Ihrer Frage: Wir besitzen immer noch einen Toyota-Pickup aus unserer Zeit in den toskanischen Bergen, ein richtiger Traktor, mit dem man nirgendwo einen Parkplatz findet. Rückwärts einparken kann ich sowieso nicht, das habe ich einfach nicht raus. Und nun sitze ich in dieser Riesenkarosse, habe nach langer Suche endlich eine Lücke gefunden und versuche irgendwie hineinzukommen, wobei ich den Wagen hinter mir leicht touchiere. Auf der anderen Straßenseite stehen zwei junge Türken, die das sehen und mich anpöbeln. Ich wusste wirklich nicht weiter, also habe ich die Scheibe runtergekurbelt: Passt mal auf, Jungs, ich habe erst gestern den Führerschein gemacht und weiß leider noch nicht, wie richtiges Einparken geht. Könnt ihr mir nicht ein bisschen helfen? Erst waren sie etwas verwirrt, aber dann kamen sie und zeigten mir, wie man‘s richtig macht. Am Ende sind wir als Freunde auseinandergegangen.
Frage: So heillos polarisiert und wütend ist die Gesellschaft also doch noch nicht.
Antwort: Das ist eine ganz wichtige Erfahrung: Man kann viel erreichen, wenn man offen und ehrlich ist und auf Menschen zugeht. Man darf auch Schwächen zeigen, das bricht sehr oft das Eis und ist allemal besser als eine Stärke zu markieren, die man nicht hat. Ein bisschen hat das auch mit unserem Film zu tun und mit dem Ehepaar, das wir da spielen. Die müssen auch ihre Routinen und Rituale durchbrechen, um ihre Beziehung wieder lebendig zu machen.
Frage: Der Film erzählt von der Phase, in der das eigene Leben oder zumindest das Berufsleben endet – während bei den Kindern alles losgeht, die Arbeit, die Familiengründung. Wie haben Sie es erlebt, als Ihre Töchter das Nest verlassen haben?
Antwort: Das habe ich gar nicht erlebt. Meine erste Ehe mit einer Amerikanerin ist schon früh gescheitert, und meine beiden Töchter sind bei ihrer Mutter in Boston groß geworden. Ich habe leider nur wenig Einfluss auf ihre Entwicklung nehmen können.
Frage: Die Erfahrung einer Pensionierung machen Sie – anders als der Schuldirektor, den Sie spielen – als Schauspieler auch nicht.
Antwort: Ich bin sehr froh über einen Beruf, der die Rente nicht kennt. Ich kann mir nicht vorstellen, je mit dem Spielen aufzuhören und erst recht nicht mit der Musik. Diese Herausforderung, dieser Bruch der Lebenslinie bleibt mir glücklicherweise erspart. Wichtig ist in Bewegung zu bleiben, physisch wie mental, und sich immer wieder auf neues, unbekanntes Terrain vorzuwagen.
Frage: Positiv gesprochen, hat die Figur Ihnen einen Einschnitt voraus, der das Leben strukturiert. Gibt es Ereignisse, über die Sie Ihre Lebensgeschichte einteilen?
Antwort: Nein, es ist immer gekommen, was gekommen ist. In meinem Leben war vieles Zufall und Glück. Aber wenn sich eine Chance bot, habe ich sie genutzt. Auch wenn ich das Gefühl hatte, das schaffe ich nicht. Das Leben ist nicht so furchtbar lang. Mit 85 Jahren ist es statistisch gesehen vorbei. Es hilft nichts. Man darf sich nicht verstecken, man muss die Dinge tun, sich verschenken und nie fragen, was man dafür bekommt.
Frage: Mir ist aufgefallen, dass Ihre Eltern beide im Alter von 91 Jahren gestorben sind. Ist das für Sie eine angstbesetzte Zahl?
Antwort: Ach nein – ich halte mich an Wilhelm Busch: „Und erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.“
Frage: Ich wusste gar nicht, dass das von Busch ist.
Antwort: Mit dem Tod kannte der sich aus. „Um zwölf Uhr kommt der Knochenmann und hält das Perpendikel an.“ Das ist auch von ihm. Und das natürlich: „Jedes legt noch schnell ein Ei, und dann kommt der Tod herbei.“ Ich rede ständig mit dem Tod. Ich mag ihn nicht. Aber ich versuche, mir die Angst vom Leib zu halten, indem ich mit ihm umgehe, in Liedern und Gedichten.
Frage: Und Busch ist Ihr Mann für das Thema?
Antwort: Seine Menschenkenntnis und seinen poetischen Sarkasmus finde ich großartig. Mark Twain konnte es auch, über den Tod schreiben, mit boshaftem Witz und großer geistiger Unabhängigkeit. Das ist, glaube ich, die einzige Freiheit, die wir haben: über das sonderbare Schicksal, das uns am Ende alle verbindet, zu lachen.
Frage: Haben Sie ein Lieblingsgedicht über das Sterben? Vielleicht auch eins zum Weinen?
Antwort: Es gibt eins von Storm, dass mein Lebensgefühl ganz gut wiedergibt. Bis Mitte 50 war ich unsterblich. Dass man stirbt, war für mich nur eine quasi mathematische Information. Irgendwas, das sich, wenn überhaupt, in einer parallelen Welt abspielen würde. Aber eines bestimmten Tages, ganz unvermutet, ergreift dich auf einmal dieser tiefe Schreck. Das ist der Moment, an dem du sinnlich spürst, dass du stirbst. Dass du ein Sterbender bist, auch wenn du noch 30 oder 40 Jahre vor dir hast. Es ist ein durch und durch körperliches Gefühl. Und darüber hat Theodor Storm ein Gedicht geschrieben: „Beginn des Endes“.
Frage: Herr Tukur, Sie können das doch sicher auswendig.
Antwort: Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz, / Nur ein Gefühl, empfunden eben; / Und dennoch spricht es stets darein, / Und dennoch stört es dich zu leben. / Wenn du es andern klagen willst, / So kannst du‘s nicht in Worte fassen. / Du sagst dir selber: „Es ist nichts!“ / Und dennoch will es dich nicht lassen. / So seltsam fremd wird dir die Welt,/ Und leis verlässt dich alles Hoffen, / Bis du es endlich, endlich weißt, / Daß dich des Todes Pfeil getroffen.
Frage: Man sollte viel mehr Storm lesen.
Antwort: Das Wunderbare an Gedichten, an guten Gedichten, ist ja die in schöne Form gegossene Sprache, die Dunkelheit in Licht verwandelt und Ungefähres fassbar macht. Das Elend, das uns ins Haus steht, erfährt eine Apotheose und verwandelt sich in etwas fast Tröstliches. Zumindest wird es erträglich. Man kann damit umgehen. Eben war die Todesahnung noch ein opaker, finsterer Gedanke. Jetzt ist sie auf einmal wie ein geschliffener Edelstein, den du dir in die Tasche stecken kannst.
Frage: Haben Sie einen großen Fundus auswendiger Gedichte im Kopf?
Antwort: Wenn ich ein schönes Gedicht finde, schreibe ich es auf und laufe damit herum, bis ich es auswendig kann. Jungen Leuten sage ich immer: wenn Ihr verliebt seid und dann so ein passendes Gedicht rausholt – was glaubt Ihr, was das für einen Eindruck macht!
Frage: Zu Thomas Manns „Tod in Venedig“ haben Sie gerade ein Nachwort geschrieben – und nicht mal nur einen Aufsatz, sondern eigene Erzählung. Grenzt so ein Direktvergleich nicht an Wahnsinn?
Antwort: Das war auch mein erster Gedanke: Ich als dahergelaufener Schauspieler schreibe ein Nachwort zu diesem Glanzstück deutscher Literatur? Das ist peinlich. Mein Verlag, der Fischer Verlag, und insbesondere mein sehr sympathischer Lektor, ließen einfach nicht locker und bestanden darauf. Ich hätte selbst lange genug in Venedig gelebt, und das wäre doch die beste Voraussetzung ein etwas anderes Nachwort zu schreiben. Ein halbes Jahr lang habe ich mich dagegen gewehrt. Außerdem saß mir der Vorschuss für ein neues Buch im Nacken. Irgendwann habe ich mich dann hingesetzt und eine Art Nachwort-Erzählung geschrieben, in der Figuren, die die Weltliteratur in Venedig hineingeschrieben hat, sich dort materialisieren und einfach weiterleben – von Thomas Mann über Alfred Andersch bis hin zu Patricia Highsmith. Ganz wohl ist mir dabei aber immer noch nicht.
Frage: Der Text spielt mit einer Traum-Thematik, die auch Ihr „Tatort“ um Kommissar Murot mit seinem Hirntumor bedient. Träume liegen Ihnen offenbar.
Antwort: Stimmt. Mich interessiert das Traumhafte. Das, was sein könnte, das, was vielleicht einmal war oder unsichtbar existiert und sich nur dem zeigt, der die Phantasie dafür hat. Es ist bedauerlich, dass wir uns mit derart unpoetischen und scheußlichen Dingen umgeben. Es geht auch anders. Auch deswegen bin ich Schauspieler geworden. Die von Menschen gemachte Welt, wie ich sie da draußen sehe, interessiert mich nicht. Ich baue mir eine eigene, eine Parallelwelt, in der ich mich wohler fühle. Und dort findet mein eigentliches Leben statt.