Osnabrück.  Mit dem E-Roller durch Osnabrück: Es ist immer wieder knapp

Stefan Bergmann
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Von Stefan Bergmann
| 23.10.2025 18:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Osnabrück E-Scooter Roller Wall Straße Radweg Foto: Sebastian Dannenberg
Osnabrück E-Scooter Roller Wall Straße Radweg Foto: Sebastian Dannenberg
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. Wie fühlt es sich an, mit einem E-Roller durch eine Stadt zu fahren, die als fahrradunfreundlich gilt? Regelmäßig kriegt Osnabrück beim ADFC-Test Schelte: die Radwege zu schmal, die gesamte Innenstadt ein Angstraum. Unser Autor ist ehemaliger Münsteraner und wohnt seit vier Monaten in Osnabrück. Ein Praxistest unter verschärften Bedingungen - und mit sehr subjektiver Sichtweise.

Es gibt diese Abende, da bohrt sich ein Gedanke in den Kopf und der lautet: „Das war heute wieder mal knapp.” Nicht wirklich lebensgefährlich, aber eben doch fast. Als der Bus auf der Wittekindstraße zügig beschleunigte und sein Außenspiegel gefühlt haarscharf am Kopf vorbeisauste. Als er dann rechts über den roten Radweg schwenken musste, um die Haltestelle zu erreichen.

Und dort fährt dann ein Roller. Nämlich ich.

Der Bus bremste, hat den Roller gesehen. Ein Hoch auf Osnabrücks Busfahrer. Sie fahren oft rasant, aber sicher. Die Autos fahren oft rasant, und sind dadurch oft eine echte Gefahr.

Willkommen in Osnabrück! Seit vier Monaten erst in der Stadt, der tägliche Arbeitsweg führt einmal durch die Innenstadt. Auf dem Roller. Oder E-Scooter, oder Elektro-Roller, je nachdem wie man ihn nennen mag. Manchmal auch mit dem Fahrrad. Der Unterschied ist gewaltig. Mit dem Fahrrad ist es oftmals gefährlich eng. Aber wenigstens wird man gesehen, aufgrund der großen Silhouette. Ein Mensch auf einem Roller jedoch fällt kaum auf. Deswegen war die Lektion eins für Rollerfahrer schnell gelernt: Rechne immer damit, dass dich jemand nicht sieht. Dass Autofahrer irrationale Dinge tun. Dass man sich sicher fühlt - bis dir das Auto trotzdem den Weg abschneidet.

Anfang August wurde ein Roller-Fahrer auf dem Berliner Platz schwer verletzt. Er kam unter ein Auto, während er die Kreuzung überquerte. Die Ampel war ausgefallen, doch auch für diese Fälle gelten Regeln. Vermutlich hat er nicht auf den Autoverkehr geachtet. „Selbst schuld”, ist der erste Reflex bei vielen. Doch so einfach ist es nicht.

Erst im Juni hatte die Stadt Osnabrück eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sie sich dafür feierte, dass sie beim aktuellen ADFC-Fahrradklima-Test in ihrer Kategorie um zwei Plätze nach vorne gerückt war im Vergleich zum Vorjahr. Damit ist sie nicht mehr Schlusslicht unter den Städten zwischen 100.000 und 200.00 Einwohnern in Niedersachsen. Stadtbaurat Thimo Weitemeier freute sich demzufolge „sehr“. Den Ausschlag gaben wohl zwei neue Fahrradstraßen, die in der Zwischenzeit angelegt worden waren.

Die Stadt Osnabrück freut sich über den vorvorletzen Platz im Fahrrad-Ranking

Was aus meiner Sicht nicht passt, ist das in Osnabrück weit verbreitete Konzept des Mischverkehrs: Autospuren, Busspuren und Radspuren liegen verschachtelt ineinander. Radspuren müssen von rechtsabbiegenden Autos immer wieder überfahren werden. Wer als Radler links abbiegen will, findet sich plötzlich auf einer roten Wartezone wieder, mitten auf der Straße; rundherum tost der Verkehr. Für den Radfahrer unheimlich, für Rollerfahrer traumatisch. Was, wenn nur ein Autofahrer einen Schlenker macht?

Oder dann die vielen Radwege in Osnabrück, die einfach im Nichts enden. Als Rad- oder Roller-Fahrer kann man sich dann entscheiden, ob man auf der Straße weiterfährt oder auf den Bürgersteig.

Feierabend. Ampel und dann Richtung Wittekindstraße. Grün. Losfahren. Von links hinten kommen Radfahrer. Sehen sie mich? Schätzen sie meine kräftige Beschleunigung richtig ein? Blick über die Schulter: Ja. Passt.

Fahrtwind der Autos. Immer wieder Schulterblick in voller Fahrt nach hinten, ob alle in der Spur bleiben. Blick nach rechts, „sieht der mich und bleibt stehen?” Weiter Richtung Schloss. Wieder Bushaltestellen, Tausend Menschen, Baustelle, alles eng. Der Bus schafft es nicht ganz in die Haltestelle, steht halb auf dem Radweg. Also drumherum fahren. Blick nach hinten: Werde ich gesehen, wenn ich jetzt ausschere? Oder doch lieber auf den Bürgersteig. Möglichkeiten für Verkehrsverstöße gibt es für Rollerfahrer zuhauf. Durchgezogene Linien überfahren, in der Fußgängerzone rollern, gegen die Einbahnstraßenrichtung. Oft fühlt es sich an wie Notwehr gegen eine Stadt, die für Autos gebaut ist.

Die schlimmste Stelle, meinen viele, in der ganzen Stadt ist übrigens: der Erich-Maria-Remaque-Ring zwischen Berliner Platz und Altstadtbahnhof. Wenn sich auch nur ein Autofahrer an die 1,5-Meter-Abstandsregel halten würde, dürfte dort niemand überholen. Mit dem Roller benutze ich dann den Bürgersteig.

Skurril und dem Otto-Normal-Radfahrer auch kaum zu erklären: Genau an dieser Stelle gilt die 1,5-Meter-Regel nicht. Denn dort verläuft kein „Schutzstreifen“ mit gestrichelter Linie, sondern ein „Radfahrstreifen“ mit durchgezogener Linie. Autos überholen dort nicht, sondern fahren vorbei.

Doch auch das gehört zur Wahrheit: Viele Rollerfahrer sind selbst schuld, wenn es knapp wird. Oder wenn Unfälle geschehen. Das belegt schon ein Blick in die Unfallstatistik, die die Polizeidirektion Osnabrück exklusiv für die NOZ erarbeitet hat.

Die Unfälle mit Rollerfahrern in Osnabrück und umzu sind von 2022 bis 2024 von 92 auf 179 gestiegen. Im Jahr 2024 wurden 19 Menschen schwerverletzt, 110 leicht und einer starb. Alle Zahlen sind seit 2022 zum Teil stark gestiegen, so wie auch die Zahl der Roller stark ansteigt. Es sind nur nackte Zahlen, doch wenn Polizeisprecher Marco Ellermann über die Unfallursachen spricht, wird es ungemütlich: Sie fahren zu schnell, zu betrunken, zu berauscht und halten sich nicht an Verkehrsregeln, missachten beispielsweise Vorfahrtsregeln. Vor allem Alkohol und Drogen stechen heraus. In Osnabrück-Stadt erwischte die Polizei 2024 56 Roller-Fahrer, die mit Alkohol oder Drogen unterwegs waren. Und wer glaubt, das sei ja wohl ok auf einem Roller, täuscht sich: Es gelten die gleichen Regeln und die gleichen Strafen wie beim Autofahren. Ab 0,5 Promille (oftmals schon zwei Bier) drohen 500 Euro Strafe, einen Monat Führerscheinentzug – und zwei Punkte in Flensburg. Und das auch, wenn man keine Schlangenlinien fährt.

Bundesweit gab es laut Regierung 27.000 Scooter-Unfälle im Jahr 2024. Die Zahl ist um fast 30 Prozent gestiegen.

Fragt man die Osnabrücker Polizei zum Thema Roller, dann bekommt man eine höfliche und fundierte Antwort mit eben diesen vielen Zahlen und Warnungen. Liest man den Text in Summe und zieht Diplomatie und Höflichkeit ab, dann bleibt: Der Rollerverkehr funktioniert nach Wild-West-Regeln. Bis man erwischt wird. Im Slalom durch die Fußgängerzone, über den Bürgersteig, mit vier Bier oder ohne Licht: Das sind die Standards. Und deswegen liebt niemand Roller, bis auf die Fahrer.

So verschärft die Bundesregierung die Roller-Gesetze

Auch deswegen hat die Bundesregierung jetzt die Regeln für E-Scooter verschärft. Fahren erst ab 15, Blinker sind vorgeschrieben, die Strafen werden ab 2026 härter. Das ist gut und richtig so. Der E-Scooter ist kein Spielzeug, sondern ein Fahrzeug, das unglaublich nützlich sein kann - aber auch sehr gefährlich. Der Pflicht-Abstand von 1,5 Meter vom überholenden Auto zum Fahrrad oder Roller ist bereits jetzt Vorschrift.

In Osnabrück wird er jeden Tag tausendfach nicht eingehalten.

Zurück auf die Straße, die Roller-Angsträume. Nach drei Monaten im Großstadtverkehr ist klar: Eine kleine Unaufmerksamkeit kann über Leben und Tod entscheiden. Wer nicht den gesamten Verkehr um sich herum im Blick hat, fährt gefährlich. Wer nicht mit Fehlern anderer rechnet, hat zwar zum Schluss vielleicht Recht gehabt, liegt aber im Krankenhaus. Der Roller ist kein Spielzeug, auch wenn er sich so anfühlt.

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