Schadnager im Visier  So kämpfen Ostfrieslands Städte gegen Ratten

Melanie Hanz
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Von Melanie Hanz
| 21.10.2025 11:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Ratte holt sich aus einem Vogelhaus Futter: Wer ausgiebig Vögel, Igel und andere Tiere füttert, ohne die Reste zu beseitigen, lockt Ratten an. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Eine Ratte holt sich aus einem Vogelhaus Futter: Wer ausgiebig Vögel, Igel und andere Tiere füttert, ohne die Reste zu beseitigen, lockt Ratten an. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
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Ratten sind auch in Ostfriesland allgegenwärtig. Was Städte und Gemeinden gegen die Nager unternehmen und warum Privatleute ab 2026 kaum noch selbst handeln dürfen.

Ostfriesland - Sie sind immer da: Auf jeden Menschen in Deutschland kommen laut Experten-Schätzung drei bis vier Ratten - auch in Ostfriesland. „Ratten sind klassische Kulturfolger“, sagt Marcus Römer. Der Schädlingsbekämpfer mit Betrieben in Wilhelmshaven und Osnabrück ist Mitglied des Bundesvorstands des Deutschen Schädlingsbekämpferverbands (DSV) und arbeitet auch im europäischen Dachverband mit. „Einen Grundbestand an Schadnagern hat man immer und überall“, sagt er. Das sind in Deutschland gut 300 Millionen Ratten, die mal mehr, mal weniger die Haus- und Grundstücksbesitzer sowie die Städte und Gemeinden beschäftigen, weil die Population vor Ort überhand nimmt.

Das Loch einer Ratte: Die Tiere siedeln sich gern in der Nähe von Müllplätzen und im Gebüsch an. Foto: Michael Brandt/dpa
Das Loch einer Ratte: Die Tiere siedeln sich gern in der Nähe von Müllplätzen und im Gebüsch an. Foto: Michael Brandt/dpa

Wo Ratten sich besonders wohlfühlen

Dabei gilt: „Je mehr Nahrung es gibt, desto mehr Tiere sind da“, sagt Römer. Und dann würden sie auch häufiger gesehen. Wilde Müllkippen, herumliegende Gelbe Säcke, schmutzige Containerstandorte – all das lockt Ratten an. Sie sind auch die Nutznießer der Fütterung von Enten, Schwänen und anderem Ziergeflügel auf öffentlichen Gewässern, von Vogelhäusern und sogar der Igelfütterung in den Gärten. Denn immer bleiben dort Futterreste liegen – gefundenes Fressen für die Ratten.

Auf all das schauen die Schädlingsbekämpfer deshalb als erstes, wenn irgendwo plötzlich mehr Ratten als sonst wahrgenommen werden. Grundsätzlich in der Pflicht zur Bekämpfung eines Rattenbefalls ist jeder Grundstückseigentümer. Das sieht die „Verordnung über die Rattenbekämpfung im Lande Niedersachsen“ so vor. Die Städte und Gemeinden müssen auf öffentlichen Flächen tätig werden. Für die Ratten im Abwasser- und Schmutzwasserkanalnetz ist der jeweilige Kanalnetzbetreiber zuständig.

Je besser die Städte und Gemeinden ihre Kanalisation in Schuss halten, desto weniger Ratten leben dort. Foto: Caroline Seidel/dpa
Je besser die Städte und Gemeinden ihre Kanalisation in Schuss halten, desto weniger Ratten leben dort. Foto: Caroline Seidel/dpa

So gehen Ostfrieslands Kommunen vor

In Leer zum Beispiel wird zur Eindämmung der Rattenprobleme im Stadtbereich in den betroffenen Gebieten das Kanalsystem beködert, teilt Stadtsprecher Edgar Behrendt auf Anfrage mit. Auch auf städtischen Flächen würden die Schadnager bekämpft. „Weiterhin geben wir Hinweise zur Rattenbekämpfung an Privatgrundstücksbesitzer“, so Behrendt.

Auch in der Gemeinde Krummhörn klärt das Ordnungsamt Eigentümer auf, wie sie gegen Ratten vorgehen müssen. „Begünstigt werden kann das Auftreten einzelner Tiere durch ungeschützte Nahrungsquellen, etwa Futterstellen für Vögel oder offen gelagerte Lebensmittelreste“, berichtet Oliver Janssen von der Gemeindeverwaltung. Eine Rattenplage gebe es aktuell in der Krummhörn nicht. Doch jetzt mit Beginn der kälteren Monate könne es vereinzelt zu verstärkten Aktivitäten kommen, da die Tiere dann vermehrt nach geschützten und wärmeren Aufenthaltsorten mit ausreichendem Nahrungsangebot suchen.

Eine Wanderratte in einer Parkanlage. Auch in Ostfriesland sind Ratten immer da - mehr oder weniger sichtbar. Sie sind eine echte Plage geworden. Foto: Arno Burgi/dpa
Eine Wanderratte in einer Parkanlage. Auch in Ostfriesland sind Ratten immer da - mehr oder weniger sichtbar. Sie sind eine echte Plage geworden. Foto: Arno Burgi/dpa

Die Schädlingsbekämpfung in der Stadt Aurich wird seit Jahrzehnten von einem beauftragten Schädlingsbekämpfungsunternehmen durchgeführt, berichtet Sprecher Cord Cordes: „Eingehende Meldungen von Bürgern leitet die Stadt an das Unternehmen weiter und es werden vor Ort entsprechende Bekämpfungsmaßnahmen durchgeführt.“ Rund 400 Fälle werden pro Jahr bei der Stadt gemeldet, „und es ist über einen längeren Zeitraum kein Anstieg zu verzeichnen“, so Cordes. Besonders problematische Orte gebe es im Stadtgebiet nicht.

Was Privatleute tun können – und dürfen

In Norden ist ebenfalls ein professioneller Schädlingsbekämpfer das ganze Jahr im Einsatz. „Aufgrund des Status als Kur- und Erholungsgebiet sind wir als Stadt verpflichtet nachzuweisen, dass der Ortsteil Norddeich ,rattenfrei’ ist. Um die Bürgerinnen und Bürger der übrigen Stadtgebiete in Norden dem gegenüber nicht schlechter zu stellen, bieten wir den Service der kostenfreien Rattenbekämpfung im gesamten Stadtgebiet an“, erläutert Ahlam Gandura-Kourich, Sprecherin der Stadt Norden.

Tipps des Laves gegen die Ansiedlung von Ratten

Das LAVES - Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit - rät, Haus und Garten regelmäßig auf die Anwesenheit von Ratten hin zu begutachten. Damit die Tiere sich erst gar nicht ansiedeln, wird empfohlen, Gräben und Grüppen auf oder am Grundstück sauber zu halten - denn Ratten kommen meist vom benachbarten Wasserzug aufs Grundstück. Tiernahrung sollte unter keinen Umständen offen auf dem Grundstück gelagert werden.

Kanalisation: Das Kanalisationssystem sollte gepflegt, gewartet und Beschädigungen umgehend behoben werden. Die Verbindungen zwischen den Hausanschlüssen und der öffentlichen Kanalisation dürfen keine Einschlupfmöglichkeiten für Ratten bieten. Auf keinen Fall dürfen Essensreste über die Toilette entsorgt werden - das lieben Ratten.

Biotonnen, Komposter und Komposthaufen: Immer wieder siedeln sich Ratten darin an. Sie graben sich nach oben, um an die frisch weggeworfenen Speisereste zu gelangen. Auf den Komposthaufen im Garten sollten nie rohe Fleisch- und Fischreste und gekochte Speisereste geworfen werden, weil sie Ratten anlocken.

Abfallplätze, wilde Deponien: Öffentliche Mülleimer, Glascontainer- und Papiercontainerstellplätze sollten rein gehalten werden. Bei der Auswahl der Stellplätze sollte die Nähe zu Wasserläufen vermieden werden. Wilde Deponien sollten sofort beseitigt werden.

Gelbe Säcke: Lebensmittel- oder Tiernahrungsreste in Verpackungen im Gelben Sack locken Ratten an, besonders dort, wo viele Säcke stehen. Die Lagerung der Säcke sollte möglichst an für Ratten schlecht erreichbaren Plätzen erfolgen.

Fütterungsstellen: Die Fütterung von Enten, Schwänen, Tauben und anderem Ziergeflügel durch Privatpersonen sollte unterbleiben. Denn meist bleibt Futter liegen - gefundenes Fressen für Ratten.

Private Tierhaltung: Futter sollte unerreichbar für Ratten aufbewahrt werden, da sonst die Gefahr besteht, dass sie sich zum Beispiel unter Hundezwingern, in Entengehegen und Hühnerställen einnisten.

Maßnahmen im Haus: Grundsätzlich sollte darauf geachtet werden, dass Haus-, Wohnungs- und Kellertüren dicht schließen und geschlossen gehalten werden können. Kellerfenster, Fensterschächte, Lüftungsschächte und Kanäle sollten mit Metallgittern verschlossen und sauber gehalten werden. Um keine Unterschlupfmöglichkeiten für Ratten zu bieten, sollten auch Nebengebäude und der Keller aufgeräumt sein und das Lagern von Müll vermieden werden.

Besondere Problemstellen gebe es in Norden nicht. „Es gehen lediglich einzelne, örtlich begrenzte Meldungen zur erforderlichen Schädlingsbekämpfung bei uns ein“, so Gandura-Kourich. Der Schädlingsbekämpfer könne sie stets zeitnah abarbeiten. Nicht abzuschätzen sei im Rathaus, ob und in welchem Umfang Privatpersonen zusätzlich Schädlingsbekämpfung durchführen.

Viele Möglichkeiten haben Privatleute mittlerweile nicht mehr, um ihre Grundstücke von Ratten zu befreien: „Bei der Bekämpfung gibt es zwei Möglichkeiten“, heißt es aus der Stadtverwaltung Leer: „Sie können sich im Baumarkt frei verkäufliches Rattengift kaufen und dieses auslegen. Leider handelt es sich dabei aber um Rattengift der alten Generation. Die Wirkung ist in den meisten Fällen nicht mehr ausreichend, daher empfehlen wir einen Schädlingsbekämpfer.“

Herumliegender Müll ist eine der Hauptursachen für Rattenbefall. Foto: Jens Kalaene/dpa
Herumliegender Müll ist eine der Hauptursachen für Rattenbefall. Foto: Jens Kalaene/dpa

Neue Regeln ab 2026

Ab 2026 wird Privatleuten vermutlich ohnehin nichts anderes übrig bleiben als einen Profi zu beauftragen. Denn zum Kauf und zur Anwendung der hochwirksamen Gifte ist dann ein Sachkundenachweis erforderlich. Das sei schon sinnvoll, sagt der Schädlingsbekämpfer Marcus Römer. „Es handelt sich dabei ja um Biozide. Und das sind keine Stoffe, die man gern in der Umwelt hat.“ Allerdings sieht er das ab 1. Januar 2026 geltende Verbot der befallsunabhängigen Dauerbeköderung kritisch. Er geht davon aus, dass diese Einschränkungen dazu führen werden, dass in vielen Städten die Zahl der Ratten dann erst einmal steigen wird. „Denn weniger Bekämpfung führt stets zu größeren Populationen“, so der Experte.

Warum sind Ratten überhaupt ein Problem?

Davon abgesehen, dass sie als Nager massive Schäden anrichten können, sind Ratten laut LAVES - Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit - Überträger von rund 120 Infektionskrankheiten. Dazu zählen SARS, Hantavirus, Typhus, Paratyphus, Leptospirose, Tularämie, Ruhr, Cholera und Pest, außerdem Tierseuchen wie MKS, Schweinepest und Vogelgrippe. Eine bedenkliche Rolle spielen die Tiere auch als Zwischenwirte und Überträger von antibiotikaresistenten Keimen. Und sie sind auch Reservoir von Krankheitserregern im Freiland: Zecken und Flöhe dienen in diesem Fall als Überträger, die durch ihre Bisse Menschen und Tiere zum Beispiel mit Borrelien infizieren können.

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