Osnabrück Doris Schortemeyer aus Osnabrück gibt mit 67 ihren Führerschein ab – und erntet Unverständnis
Doris Schortemeyer aus Osnabrück gibt mit 67 Jahren nach einem kleineren Unfall freiwillig ihren Führerschein ab. Dafür erntet sie Unverständnis – so viel, dass sie in unserer Redaktion anruft, um ihre Geschichte zu erzählen.
Autofahren. „Das war mein Leben!“, sagt Doris Schortemeyer. Die Osnabrückerin ist mit 67 Jahren noch nicht in einem Alter, in dem man älteren Menschen nahelegt, sich zur eigenen und der Sicherheit anderer besser nicht mehr ans Steuer zu setzen. Aber sie hört aus genau solchen Erwägungen freiwillig auf mit dem Autofahren – und erntet dafür fast nur Unverständnis.
Am 1. Oktober hatte Doris Schortemeyer einen Autounfall. Sie war auf dem Weg nach Hunteburg zu ihrer Tochter, als sie am Steuer ohnmächtig wurde. Als die Rettungskräfte kamen, lag sie mitsamt ihrem Auto im Straßengraben der B65 in Ostercappeln – und zwar auf der Seite der Gegenfahrbahn. Wie sie dorthin gekommen war? Sie hat keine Ahnung.
„Zum Glück war es 10.20 und nicht 7.30 Uhr“, sagt sie. Denn im Berufsverkehr hätte der Unfall viel schlimmer ausgehen können. So kam sie mit einem gebrochenen Brustwirbel und einem geprellten Handgelenk davon; beides heilt nun langsam. Und, für sie noch wichtiger: Niemand anderes wurde verletzt.
Warum sie das Bewusstsein verlor, weiß sie nicht. Sämtliche Untersuchungen waren bislang ohne Befund. Es gibt also auch niemanden, der ihr gesagt hat, sie dürfe nicht mehr Auto fahren. Aber im Juni war sie zu Hause schon einmal ohnmächtig geworden – und das Risiko ist Doris Schortemeyer einfach zu hoch, dass es nochmal passiert, während sie hinter dem Lenkrad sitzt.
Auch aufs Radfahren verzichtet sie nun lieber. Ausgerechnet sie, die 2017 noch zusammen mit einer Freundin von Osnabrück bis nach Spanien geradelt war und die mit Mitte 40 noch ihren Motorradführerschein gemacht hatte.
„Es ist nicht die Angst um mich selbst“, betont Doris Schortemeyer. „Aber ich will nicht diejenige sein, die aufwacht und jemand anderes ist tot.“ In dem Moment, als sie im Krankenwagen wieder zu sich kam, sagte sie den Sanitätern: „Ich gebe sofort meinen Führerschein ab!“ Den schwer beschädigten Wagen ließ sie direkt verschrotten.
Was das für sie bedeutet, sieht man an einem kleinen Detail, das sonst wohl niemandem auffallen würden: Wie ihr Auto auf den Unfallfotos in der Sonne glänzt. Picobello sauber ist der dunkelblaue Opel Meriva, der da im Graben liegt. Denn Doris Schortemeyer hegte und pflegte ihren Wagen, sie fuhr ihn wirklich gerne, betont sie. Sie besuchte damit ihre Freundinnen in ganz Deutschland und war diejenige, die angerufen wurde, wenn jemand eine Fahrerin brauchte.
Autofahren bedeutete für die geschiedene und seitdem alleinlebende Doris Schortemeyer Freiheit, erzählt sie. Und eigentlich ist sie auf ihr Auto angewiesen, denn einmal pro Woche fährt sie aus Osnabrück zu ihrer Tochter nach Hunteburg, um auf ihre Enkel aufzupassen.
Ausgerechnet diese Tochter sei aber die Einzige, die ihre Entscheidung gut findet, sagt Doris Schortemeyer. Dabei wüssten die beiden noch gar nicht, wie die 67-Jährige künftig ohne Auto nach Hunteburg kommen soll. „Irgendeine Lösung wird sich schon finden“, sagt die Rentnerin.
Aber von ihrem restlichen Umfeld höre sie nur Aussagen wie „Leg den Führerschein doch erstmal in die Schublade“ oder „Weißt du eigentlich, was du da von dir gibst?“. Doris Schortemeyer wundert sich: „Alle halten mich für verrückt.“ Erst dieser Gegenwind brachte sie dazu, in unserer Redaktion anzurufen. Zum einen aus Trotz. Zum anderen, weil sie andere inspirieren will, über ihre eigene Fahrtüchtigkeit nachzudenken.
„Ich habe meine Freiheit verloren, aber nicht mein Leben“, sagt sie. Zwei Wochen nach dem Unfall vereinbarte sie einen Termin bei der städtischen Führerscheinstelle. Am 21. Oktober will sie ihre Fahrerlaubnis abgeben – freiwillig und endgültig.
Außer einem guten Gefühl hat sie nichts davon. Osnabrück zählt nicht zu den Städten, die Senioren zu diesem Schritt mit Vergünstigungen im ÖPNV ermutigen – die gibt es nämlich. Hannover etwa oder Lingen. Die emsländische Stadt belohnt Bewohner ab 60 Jahren, die freiwillig ihren Führerschein abgeben, mit einem Jahr freie Fahrt im Raum Lingen. Im Anschluss erhalten sie dauerhaft 20 Prozent Rabatt auf ihr ÖPNV-Ticket.
„Ich wollte noch so viel erleben“, sagt Doris Schortemeyer, die seit vier Jahren in Rente ist. „Das erlebe ich jetzt halt anders.“ Zwei Tage nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus marschierte die gelernte Bürokauffrau zum Mobilitätszentrum der Osnabrücker Stadtwerke am Neumarkt und holte sich direkt eine Jahreskarte für den Bus. „Ich wollte ja für mich den Schlussstrich ziehen.“
In Osnabrück hat sie das Glück, nahe an der Linie M1 zu wohnen. „Das klappt wunderbar“, ist sie begeistert. Großeinkäufe im Supermarkt werden zwar schwierig. „Aber ich kann ja auch morgens spazieren gehen und nachmittags spazieren gehen und mir dabei Kleinigkeiten kaufen“, sagt sie. „Ich will ja geländegängig bleiben.“