Osnabrück  Ödipus: Osnabrücker Kulturdezernent Beckermann will den „Diskurs versachlichen“

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 19.10.2025 15:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Durch die Absage von „Ödipus Exzellenz“ ist die Institution Theater Osnabrück zum Gegenstand leidenschaftlicher und grundsätzlicher Debatten geworden. Foto: Lino Wöhrmann
Durch die Absage von „Ödipus Exzellenz“ ist die Institution Theater Osnabrück zum Gegenstand leidenschaftlicher und grundsätzlicher Debatten geworden. Foto: Lino Wöhrmann
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Über 600 Unterzeichner hat ein offener Brief zur Absage von „Ödipus Exzellenz“ am Theater Osnabrück gefunden. Jetzt reagiert Kulturdezernent Wolfgang Beckermann, auch im Namen von Oberbürgermeisterin Katharina Pötter.

In einem offenen Brief haben Kritiker der Absage von „Ödipus Exzellenz“ umfassende Kritik an der Entscheidung des Intendanten Ulrich Mokrusch formuliert. Gleichzeitig fordern sie Änderungen am Theatersystem an sich und am Auswahlverfahren des Intendanten. Schließlich verlangen sie ein klares Bekenntnis zu der im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit. Jetzt hat Kulturdezernent Wolfgang Beckermann, auch im Namen von Oberbürgermeisterin Katharina Pötter, auf den offenen Brief reagiert – verbindlich und mitunter in kühlem Ton. Sein Fazit: Er sieht „die Notwendigkeit, den Diskurs zu versachlichen“.

Auf drei Seiten widerlegt Beckermann die Kritikpunkte des offenen Briefes und weist dessen Forderungen zurück. So schreibt er zur Diskussion um die Strukturen am Theater, am Theater finde „aktuell zur Absetzung des Stückes eine interne Aufarbeitung statt und es liegen bereits erste konstruktive Vorschläge vor“. Dabei betont Beckermann, die Details des „internen Prozesses“ fielen in die Verantwortung der Theaterleitung.

Die Ergebnisse der internen Aufarbeitung werden „danach dem Aufsichtsrat vorgestellt, dort diskutiert und sicher kritisch geprüft“, schreibt Beckermann weiter. Auch dem Kulturausschuss und der Öffentlichkeit sollen die Ergebnisse vorgestellt werden. Einen „politischen Diskurs im Rat parallel zu diesem Prozess“ nennt Beckermann hingegen „nicht zielführend“. Allerdings sieht er generell die Theater in Deutschland „vor der Herausforderung, sich einer Transformation zu stellen“.

Die Autorinnen und Autoren des offenen Briefs verlangen zudem „neue Beteiligungsmöglichkeiten im Theater“, die sie ausdrücklich auch „auf die Besetzung der nächsten Intendanz“ beziehen. Beckermann kontert mit dem Hinweis aufs Bewerbungsverfahren am Theater Osnabrück, wo es „seit mehr als zwei Jahrzehnten üblich“ sei, „bei Entscheidungen über Führungspositionen wie der Intendanz, externe Expertise einzuholen“. Dabei würden „die Fähigkeiten zur Personalführung und zum Management intensiv geprüft“. Einen Seitenhieb kann sich Beckermann in diesem Zusammenhang nicht verkneifen: Es habe ihn „irritiert, wenn ein Mitunterzeichner zuvor selbst entsprechend beteiligt war“. Wobei er nicht erwähnt, dass die Person lediglich beratend Teil der Findungskommission, aber nicht stimmberechtigt war.

Jedenfalls meint Beckermann, Verwaltungsspitze und Aufsichtsrat haben „eine gute Auswahl und richtige Entscheidung getroffen.“ Überdies sei der Intendant „ganz sicher kein ,Alleinherrscher‘“.

Zur inhaltlichen Ebene der Debatte, also zu Fragen um den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, schreibt Beckermann, es sei „sehr bedauerlich, dass mit der Absage eine Bühne für dieses Thema weggefallen ist“. Er macht aber auch deutlich: „Die Produktion wurde letztendlich aufgrund von künstlerischen Differenzen abgesagt und nicht wegen des Themas an sich.“

Deshalb sieht Beckermann in der Absage „keinen Eingriff in die Kunstfreiheit“. Aber nicht nur deswegen lehnt er das im offenen Brief geforderte Bekenntnis zur grundgesetzlich verankerten Kunstfreiheit ab. „Dies ist für die Verwaltung selbstverständlich.“

Stattdessen stellt sich der Kulturdezernent ausdrücklich hinter die Intendanz: Die Absage sei erfolgt, „weil die Regie die – vertraglich vereinbarte – gemeinsame Zusammenarbeit an dem Thema verweigerte“. Dabei holt er sich Schützenhilfe vom Ensemble, das ein eigenes Statement auf der Homepage des Theaters veröffentlicht hat, als Reaktion auf die Stellungnahme der Theaterleitung an gleicher Stelle. „Künstlerische Differenzen können und dürfen immer Teil eines kreativen Prozesses sein. Diese gilt es gemeinsam auszuhalten und darüber in den Austausch zu gehen“, formuliert das Ensemble da – ein Satz, den Beckermann in seiner Reaktion aufgreift. Die Fortsetzung blendet er jedoch aus: „Immer dort, wo sich Macht auf eine einzelne Person konzentriert, ist die Gefahr von autoritären Entscheidungen gegeben. Wie auch in diesem Fall.“

Schließlich stellt Beckermann fest, Intendant Mokrusch habe „nie öffentlich gesagt, er wolle ,das Publikum schützen‘“. Tatsächlich hat Regisseur Lorenz Nolting diese Aussage kolportiert; von Mokrusch selbst existiert lediglich das Zitat, „man muss Publikum mitdenken. Theater ist auch Beziehungsarbeit, auch Vertrauensarbeit“. Das hatte er der „Kulturzeit“ von 3sat gesagt.

In einem Podiumsgespräch über Angriffe der rechten Szene auf die Kulturszene mit dem Theaterkritiker Peter Laudenbach hatte dieser letztlich genau das von Stadttheatern eingefordert: Theater für die Bürger der jeweiligen Kommune zu machen. Und da geben Mokrusch die Auslastungszahlen recht. 180.000 Zuschauern pro Spielzeit, auf die Beckermann in seinem Brief hinweist, sprechen dafür, dass die Ausrichtung des Theaters Osnabrück in dieser Beziehung stimmt.

Richtiggehend eisig wird Beckermann schließlich am Ende seiner Reaktion: Die überregionalen Medien hätten „ein negatives und aus meiner Sicht völlig falsches Bild des Theaters und ebenso der ganzen Stadt gezeichnet“. Dazu habe „die öffentliche Weiterverbreitung nicht belegter Behauptungen und Vorwürfe“ beigetragen – „auch durch Ihren offenen Brief“.

Daraus leitet er die „Notwendigkeit“ ab, „den Diskurs zu versachlichen“. Und der Ausblick, den er gibt, weckt durchaus Hoffnungen: „Der Vorgang war ein Aufhänger dafür, Macht und Hierarchie an Theatern zu thematisieren.“ Osnabrück hat nun die Chance, zumindest an seinem Theater Strukturen zu schaffen, die einen solchen „Vorgang“ künftig verhindern.

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