Kult-Friseur Jürgen Hesse  Wiesmoors größter HSV-Fan ist tot

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 17.10.2025 18:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Doppelter Kult: Das Lieblingsfoto von Jürgen Hesse (rechts) zeigt ihn im Stadion beim Freundschaftsspiel des HSV in Aurich mit dem HSV-Vereinsidol und Kult-Masseur Hermann Rieger. Das Foto hing seit den 90er Jahren im Herrensalon seines Friseurgeschäfts – gleich neben den Wimpeln mit dem Tabellenstand. Foto: Privat
Doppelter Kult: Das Lieblingsfoto von Jürgen Hesse (rechts) zeigt ihn im Stadion beim Freundschaftsspiel des HSV in Aurich mit dem HSV-Vereinsidol und Kult-Masseur Hermann Rieger. Das Foto hing seit den 90er Jahren im Herrensalon seines Friseurgeschäfts – gleich neben den Wimpeln mit dem Tabellenstand. Foto: Privat
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Der Friseur Jürgen Hesse war eine Institution in Wiesmoor. Am 10. September 2025 ist er im Alter von 75 Jahren gestorben. Ein Rückblick auf ein bewegtes Leben zwischen Schere und Fußball.

Wiesmoor - „Bei Jürgens Beerdigung haben wir noch gescherzt, dass es in Wiesmoor jetzt sicherlich keine weißen und blauen Blumen mehr gibt“, sagt Erika Richtler und lächelt. Denn Blau und Weiß sind (neben Schwarz) die Farben des Hamburger Sportvereins, und der Wiesmoorer Kult-Friseur Jürgen Hesse war einer der größten Fans. Kein Wunder, dass auch die Gestecke und Kränze bei der Trauerfeier am 22. September 2025 auf dem Wiesmoorer Friedhof diese Farben trugen.

Ein Traum in Blau-Weiß: Auch der Grabschmuck hatte die Farben des HSV. Dem Fan-Club LDAS trat Jürgen Hesse nach dem Umzug nach Großefehn bei. Foto: Nicole Böning
Ein Traum in Blau-Weiß: Auch der Grabschmuck hatte die Farben des HSV. Dem Fan-Club LDAS trat Jürgen Hesse nach dem Umzug nach Großefehn bei. Foto: Nicole Böning

Auch auf der Online-Gedenkseite bei Buss Bestattungen ist seine Liebe zum Fußballverein HSV unübersehbar. „Lieber Jürgen, nun hab eine gute Zeit mit Uwe (Seeler) und Hermann (Rieger). Wir bleiben hier auf Erden treu. Ein letzter Gruß. NurderHSV“, heißt es dort. „Leider haben wir es nicht geschafft, uns für die Todesanzeige die Raute vom HSV genehmigen zu lassen“, sagt Erika Richtler und fügt hinzu: „Es gab zwei Dinge in Jürgens Leben: seinen Beruf und den Fußball.“

Haare schneiden und über Fußball fachsimpeln: Die Kombination schätzte auch der langjährige Kunde Richard Grohn aus Marcardsmoor bei Jürgen Hesse. Foto: Monika Bogena/Archiv
Haare schneiden und über Fußball fachsimpeln: Die Kombination schätzte auch der langjährige Kunde Richard Grohn aus Marcardsmoor bei Jürgen Hesse. Foto: Monika Bogena/Archiv

Ein plötzlicher Abschied – und ein letzter Aufstieg des HSV

Am 10. September 2025 ist Jürgen Hesse im Alter von 75 Jahren gestorben. Den Aufstieg seines HSV in die 1. Fußball-Bundesliga hat er noch miterlebt – den ersten Sieg nach der Rückkehr nicht mehr. Für viele kam sein Tod überraschend. Auch Erika Richtler hatte lange nicht gewusst, wie schlecht es wirklich um ihren Partner stand. „Jürgen hat nie über Krankheiten gesprochen und ist auch nur sehr ungern zum Arzt gegangen“, erzählt sie.

Manfred Gerjets besucht Jürgen Hesse noch immer. Jetzt aber nicht mehr im Salon, sondern auf dem Friedhof. Foto: Nicole Böning
Manfred Gerjets besucht Jürgen Hesse noch immer. Jetzt aber nicht mehr im Salon, sondern auf dem Friedhof. Foto: Nicole Böning

Erst als es gar nicht mehr anders ging, gab er nach. Diagnose: Krebs. Für eine Behandlung war es da schon zu spät. Als er dann zu Hause stürzte und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog, ging alles ganz schnell. „Jürgen war stur“, sagt Manfred Gerjets. „Was er nicht wollte, das wollte er nicht.“ Gerjets gehört wie Jürgen Hesse und der Vorsitzende Christian Reitmeyer zu den fünf Gründungsmitgliedern des Fanclubs „HSV forever Wiesmoor“.

Wenn der Salon zum Fanblock wird

1997 haben sie ihn gemeinsam ins Leben gerufen – seit 1999 ist er vom HSV offiziell anerkannt. Damals hatten sie alle noch Dauerkarten für den HSV-Fanblock – Nordtribüne 23a. Spielte der HSV an einem Samstag in Hamburg, hing am Salon das Schild: „Herrensalon nur bis 12 Uhr geöffnet“. Dann ging es mit dem Opel Senator von Jürgen Hesse nach Hamburg. „Das war eine coole Zeit“, sagt Christian Reitmeyer.

Impressionen aus dem Jahr 2015 im Salon Hesse mit Wartebereich, Frisierplatz und Wimpel-Bundesligatabelle. Foto: Monika Bogena/Archiv
Impressionen aus dem Jahr 2015 im Salon Hesse mit Wartebereich, Frisierplatz und Wimpel-Bundesligatabelle. Foto: Monika Bogena/Archiv

Die Leidenschaft für den Hamburger Sportverein war für Jürgen Hesse mehr als ein Hobby – sie war ein Lebensgefühl, das er mit vielen in Wiesmoor teilte. Im Friseursalon an der Wittmunder Straße wurde nicht nur frisiert, sondern auch gefachsimpelt, diskutiert und gefeiert. „So einen Friseur gibt es nicht noch einmal“, sagt Gerjets.

Ein zweites Zuhause für Fans und Freunde

Bei Jürgen Hesse gab es zum frischen Haarschnitt auch mal ein bisschen Asche auf den Kopf – denn er rauchte auch beim Arbeiten. „Nach dem Haareschneiden musste man duschen, weil man so nach Rauch roch – aber es war immer schön“, sagt Gerjets und lacht. Beliebt waren vor allem die Termine zu Feierabend, denn dann gab es oft ein Bier, erinnert sich Christian Reitmeyer.

Christian Reitmeyer (links) und Jürgen Hesse im Stadion. Foto: Privat
Christian Reitmeyer (links) und Jürgen Hesse im Stadion. Foto: Privat

Einen „väterlichen Freund“ nennen sie ihn. Manfred Gerjets ging mit Hesses Sohn Tino zur Schule. Als der nach der Scheidung seiner Eltern wegzog, wurden Gerjets und andere HSV-Fans zu ständigen Gästen im Friseursalon. „Wir waren immer hier – der Salon war unser zweites Zuhause“, so Gerjets.

Kultabende über dem Salon an der Karibikbar

Legendär waren die Fußballabende in der Wohnung über dem Salon. Dort wurde gemeinsam gelitten, gejubelt und diskutiert – oft mit einem kühlen Bier in der Hand und der Bundesliga im Fernsehen. Hesses ganzer Stolz war die „Karibikbar“ im ersten Stock – ein alter Eichentresen mit Fliesen, an dem sich die Freunde regelmäßig versammelten.

Fußball macht glücklich: Jürgen Hesse auf der Nordtribüne im Volksparkstadion in Hamburg. Foto: Privat
Fußball macht glücklich: Jürgen Hesse auf der Nordtribüne im Volksparkstadion in Hamburg. Foto: Privat

„Da saßen wir mit bis zu 18 Leuten. Die Luft war vom Rauch so dick, dass man sie schneiden konnte“, erinnert sich Manfred Gerjets. Die Bar war ein Symbol für Hesses Gastfreundschaft und seine Freude am Zusammensein. „Er war immer froh, wenn Leute kamen. Bier, Bratwurst, Fußball und ein bisschen schnacken – das war Jürgen“, sagt Gerjets.

Vom Familienbetrieb zum Kult-Salon

So sehr Hesses Herz für den HSV schlug – seine zweite große Leidenschaft war das Friseurhandwerk. „Wenn am Wochenende Veranstaltungen der Friseurinnung waren, hat er dafür sogar den Fußball sausen lassen“, sagt Christian Reitmeyer. Die Geschichte des Salons beginnt lange vor Jürgen Hesses Zeit als Chef. 1950 eröffnete seine Mutter Alma den ersten Friseursalon in Wiesmoor, nur 100 Meter vom späteren Standort entfernt.

Die Fassade des Salons Hesse ist bis heute unverändert. Es ist sicherlich kein Zufall, dass das Schild des Salons ebenfalls in den Vereinsfarben des HSV gehalten ist. Foto: Nicole Böning
Die Fassade des Salons Hesse ist bis heute unverändert. Es ist sicherlich kein Zufall, dass das Schild des Salons ebenfalls in den Vereinsfarben des HSV gehalten ist. Foto: Nicole Böning

1956 zog die Familie in das neue Haus an der Wittmunder Straße 19, wo Jürgen Hesse aufwuchs und schließlich selbst in die Lehre ging. Auch Erika Richtler begann im Alter von 15 Jahren eine Ausbildung in dem Salon der Hesses. Sie erinnert sich noch daran, dass Jürgen Hesse in jungen Jahren ein Jahr lang im Schwarzwald arbeitete. „Er erzählte auch gerne von seiner Zeit als Knast-Friseur in Wilhelmshaven“, erinnert sich Manfred Gerjets.

Tradition und Beständigkeit – ein Salon wie eine Zeitkapsel

Nach der Ausbildung wurde Jürgen Hesse mit 21 Jahren der damals jüngste Friseurmeister der Region. 1971 übernahm er den Herrensalon von seinem Vater Fred, später auch den Damensalon von Mutter Alma. Gemeinsam mit Erika Richtler, die nach der Geburt ihrer Töchter immer wieder in den Betrieb zurückkehrte, führte er das Geschäft durch die Jahrzehnte. Wann genau sie in dieser Zeit ein Paar wurden, kann Erika Richtler heute gar nicht mehr so genau sagen.

Der Damensalon des Friseurgeschäftes ist bis heute in der Wittmunder Straße 19 unverändert erhalten geblieben. Foto: Nicole Böning
Der Damensalon des Friseurgeschäftes ist bis heute in der Wittmunder Straße 19 unverändert erhalten geblieben. Foto: Nicole Böning

Die Einrichtung blieb dabei fast unverändert: Die Frisiertische, der alte Farbenschrank, der Tresen und die Vitrinen sind noch immer erhalten und stammen aus der Gründungszeit. Der Salon war eine Zeitkapsel – und wurde so zum Kult in Wiesmoor. „Er war einfach zu groß, um ihn komplett zu sanieren. Das wäre zu teuer geworden“, erklärt Erika Richtler.

Kultstatus im Fernsehen – und ein Salon voller Geheimnisse

Besiegelt wurde der Kultstatus durch die NDR-Miniserie „Die Ostfriesen-Clique“. Im Januar 2015 rückte der Sender den Friseursalon Hesse ins Rampenlicht. Die Sendung zeigte, wie die Zeit in den Räumen an der Wittmunder Straße scheinbar stehen geblieben war. Zu sehen war auch das berühmte Wimpelbrett, auf dem Jürgen Hesse jede Woche die Bundesliga-Tabelle nachstellte.

Ein Gruß von Jürgen Hesse aus einer anderen Zeit: Das Fan-Magazin des HSV hängt noch immer im Laden. Foto: Nicole Böning
Ein Gruß von Jürgen Hesse aus einer anderen Zeit: Das Fan-Magazin des HSV hängt noch immer im Laden. Foto: Nicole Böning

Auch das ominöse Loch im Boden war damals Thema, durch das über die Jahrzehnte tonnenweise abgeschnittenes Kundenhaar auf mysteriöse Weise verschwand. Bis heute erzählen sich viele Wiesmoorer Anekdoten wie diese, die zum Charme des alten Salons beitrugen. Erika Richtler zwinkert und lüftet das Geheimnis: „Das Loch führte in den Keller – dort fielen die Haare in einen Karton und wurden dann fachgerecht entsorgt.“

Der Kult lebt weiter – Erinnerungen im „Nostalgie Huus“

„Die Serie hat noch einmal richtig Schwung in den Laden gebracht“, erinnert sie sich. Plötzlich kamen Kunden von weit über Wiesmoors Grenzen hinaus, um den legendären Salon und seinen Besitzer kennenzulernen. Viele wollten sich selbst ein Bild machen von dem Friseur, bei dem Fußball und Handwerk untrennbar zusammengehörten.

Daniel Ocken-Janssen präsentiert einige der historischen Produkte, die noch aus dem Salon stammen. Auch Tresen und Vitrine sind noch original. Foto: Nicole Böning
Daniel Ocken-Janssen präsentiert einige der historischen Produkte, die noch aus dem Salon stammen. Auch Tresen und Vitrine sind noch original. Foto: Nicole Böning

Der Damensalon ist noch heute fast komplett im Originalzustand. Auch viele Utensilien aus Hesses Zeit sind noch im ehemaligen Laden zu sehen. Nach der Schließung des Salons im Januar 2021 übernahmen Daniel und Nils Ocken-Janssen die Räume und eröffneten dort das „Nostalgie Huus“ – einen Trödelladen, in dem die Geschichte des Salons bis heute weiterlebt.

Ein Ort voller Erinnerungen – das Erbe von Jürgen Hesse

Auch das alte Ladenschild sowie die Tür, auf der noch immer der Name von Alma Hesse zu lesen ist, sind erhalten. „Wir haben es nicht übers Herz gebracht, ein eigenes Schild aufzuhängen“, sagt Daniel Ocken-Janssen. Wer die Reste des alten Salons sehen möchte, kann samstags zwischen 10 und 16 Uhr in der Wittmunder Straße 19 in Wiesmoor vorbeischauen. Dann öffnen Daniel und Nils Ocken-Janssen die Türen.

Zum Abschied vom Salon gab es für Jürgen Hesse vom Fanclub „HSV forever Wiesmoor“ im Dezember 2020 diese Bildergalerie. Foto: Privat
Zum Abschied vom Salon gab es für Jürgen Hesse vom Fanclub „HSV forever Wiesmoor“ im Dezember 2020 diese Bildergalerie. Foto: Privat

Zwischen Trödel, Porzellan und alten Schätzen ist noch immer viel von der Geschichte des Kult-Salons zu spüren. So mancher Stammkunde und ehemalige Angestellte nutzt die Gelegenheit, um in Erinnerungen zu schwelgen und von früher zu erzählen. So bleibt Jürgen Hesse in Wiesmoor unvergessen – als Friseur, als Freund, als Fan und als Mensch, der Generationen miteinander verbunden hat.

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