Osnabrück So stößt AfD-Kreischef Marcel Queckemeyer im Osnabrücker Land an Grenzen
Marcel Queckemeyer gibt sich als Macher – etwa mit Anträgen zu Meisen-Nistkästen im Bippener Gemeinderat. Kritiker werfen ihm Symbolpolitik vor, lokal glänzt er oft mit Abwesenheit. Doch seinen chaotischen Kreisverband hat der AfD-Chef stabilisiert.
Ein lauer Sommerabend Ende August in Badbergen. Hier, im Norden des Landkreises Osnabrück, hat die AfD zu einem Bürgerdialog geladen. Ein Buswendeplatz wird zur politischen Bühne: Wo sonst Schüler auf den Bus warten, spricht Marcel Queckemeyer. Knapp 50 Parteianhänger sind gekommen.
Ordner schwenken Deutschland-Fahnen, einige offenkundige AfD-Sympathisanten tragen Böhse-Onkelz-T-Shirts. Ein Zuhörer zeigt sich in einem Shirt mit dem Logo des mexikanischen Drogenkartells „La Familia“ – ein Kontrast zur betont heimatverbundenen Rhetorik auf der Bühne.
Nach und nach versammeln sich Gegendemonstranten am Rand des Platzes, bis es am Ende des Bürgerdialogs deutlich mehr sind als die AfD-Anhänger. Sie umrahmen die Veranstaltung mit Transparenten, Antifa-Fahnen und bunten Kreideparolen auf dem Asphalt. Für Aufsehen sorgt ein Demonstrant im übergroßen Kothaufen-Kostüm, der höhnisch ruft: „Braun und braun gesellt sich gern.“ Auch dort, wo Queckemeyer sich politisch stark aufgestellt sieht, bekommt seine Partei spürbaren Gegenwind.
Nichtsdestotroz wirkt Marcel Queckemeyer an diesem Abend wie der dominante Kopf der Partei in der Region Osnabrück – und genau das ist er. Im Ortsverband Osnabrücker Land-Nord hat der Bundestagsabgeordnete das Sagen, dort sitzt er auch im Gemeinderat Bippen und im Samtgemeinderat Fürstenau und hat als einziges AfD-Mitglied einen Sitz im Osnabrücker Kreistag. Parteiintern gilt er als durchsetzungsstark. Unter seiner Führung ist etwas gelungen, woran andere in der AfD im Kreis Osnabrück jahrelang gescheitert sind: Stabilität. Seit seiner Wahl zum Kreisvorsitzenden im März 2023 ist es ruhig im zerstrittenen Kreisverband.
2019 tritt Queckemeyer der AfD bei. Der gelernte Industriekaufmann und Vertriebsleiter in der Baustoffbranche gibt sich gern als Macher, der mitanpacken will. Sein Aufstieg verlief zügig: binnen weniger Jahre von der Kreis-, über die Landes- bis zur Bundesebene. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 verdreifachte die AfD im Landkreis Osnabrück ihr Ergebnis auf 18 Prozent – Queckemeyer zog über die Landesliste in den Bundestag ein.
Queckemeyers neues Ziel ist: mehr Bürgernähe. Zur Strategie gehören monatliche Veranstaltungen und wöchentliche Infostände – insbesondere im Osnabrücker Norden, den er zu seiner neuen Machtbasis machen will. Der spätsommerliche Bürgerdialog zusammen mit anderen AfD-Bundestagsabgeordneten ist die erste größere Veranstaltung dieser neuen Serie. Der Ton, den er dort anschlägt, steht sinnbildlich für seine Art Politik zu betreiben. Der 45-Jährige präsentiert sich als naturverbundener Umweltpolitiker. Im Bundestag bearbeitet er Umwelt- und Naturschutz – mit Schwerpunkt ländlicher Raum. Seine Reden sind scharf zugeschnitten. In Badbergen warnte er, moderne Windkraftanlagen versiegelten 0,4 Hektar Fläche pro Stück und seien „für den Wasserhaushalt ein großes Problem“. Fachstellen wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe widersprechen: Tatsächlich liegt die dauerhaft versiegelte Fläche zwischen 0,01 und 0,05 Hektar. Auswirkungen auf das Grundwasser sind nicht bekannt.
Gleichzeitig lobt Queckemeyer die Atomkraft als klimafreundliche Alternative. Atommüll sei eigentlich „eine Wertstoffhalde“, sagt er beim Bürgerdialog. „Wir haben mit diesen Wertstoffen, die wir im Moment in der Asse lagern, Energie für die nächsten 800 Jahre“, behauptete er. Fachbehörden widersprechen: In der Schachtanlage Asse in Niedersachsen lagern keine wiederverwertbaren Brennstäbe, sondern schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung stellt klar: Atommüll ist kein Rohstoff, sondern gefährlicher Abfall.
Auch im Bundestag vertritt Queckemeyer diese Linie. In einer Rede zur geplanten Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für Windkraftprojekte spricht er von „Umweltfrevel“ und warnt vor der „Zerstörung unserer schönen deutschen Natur“. Der Ausbau der Windenergie sei ideologischer Wahnsinn, sagt er – und fordert stattdessen, der Rückbau der Kernkraftwerke müsse sofort gestoppt werden.
Politische Mitbewerber halten die Verbreitung solcher Falschinformationen bei öffentlichen Veranstaltungen wie einem Bürgerdialog für gefährlich. Der Fraktionschef der CDU im Kreistag, Johannes Eichholz, kommentiert Queckemeyers Aussagen zur Atomkraft: „Wenn die AfD glaubt, dass die Energiewende mit Atommüll aus der Asse gelingt, kann man das nicht ernst nehmen.“
Auf Kreisebene war die AfD bislang so gut wie unsichtbar und konnte keinerlei politische Akzente setzen. Der CDU-Kofraktionschef Johannes Koop konstatiert, Sacharbeit von Queckemeyer sei nicht erkennbar: „Die wenigen Anträge hatten wenig Substanz, teilweise war er nicht einmal anwesend, um sie zu begründen.“
Auch in den Räten bleibt sein Wirken überschaubar. Im Gemeinderat Bippen brachte Queckemeyer einen Antrag zum Aufhängen von Meisen-Nistkästen gegen den Eichenprozessionsspinner ein. Doch entsprechende Aktionen habe es in Bippen regelmäßig gegeben – organisiert durch Verwaltung, Vereine, Kindergärten oder auch die SPD, sagt SPD-Ratsmitglied Stefan Hagen. In einer naturverbundenen Region wie Bippen sei das selbstverständlich. Der Antrag habe daher eher den Charakter gehabt, „auf einen längst fahrenden Zug aufspringen zu wollen“.
Auch andere seiner Vorstöße – etwa zur Unterstützung der Hirschkäferpopulation mit einem sogenannten Hirschkäfermeiler – haben laut Hagen bestehende Projekte verspätet aufgegriffen. Queckemeyer versuche häufig, Debatten im Nachhinein zu besetzen, indem er Themen aufgreife, die längst bearbeitet worden seien.
Zugleich stellte Queckemeyer die Arbeit der AfD im Gemeinderat öffentlich als Erfolg dar: Seine Partei sei mit kommunalpolitischen Themen angekommen. „Im Bippener Gemeinderat haben wir mit der AfD die Brandmauer eingerissen und einstimmig Anträge zum Umweltschutz beschlossen,“ sagte er unserer Redaktion nach der Bundestagswahl im Februar. Nach Hagens Einschätzung stellt Queckemeyer die Vorgänge jedoch verzerrt dar: Kein einziger AfD-Antrag sei im Gemeinderat so beschlossen worden. Diese seien im Verwaltungsausschuss beraten, aber verworfen worden. Stattdessen habe die Verwaltung eigene Vorschläge eingebracht, die letztlich beschlossen worden seien.
Auch in der Samtgemeinde Fürstenau bleibt Queckemeyers Einfluss gering. Von 18 Ratssitzungen zwischen November 2021 und Juni 2025 nahm er an sieben teil. Samtgemeindebürgermeister Matthias Wübbel (SPD) äußert sich kritisch zu Queckemeyers Positionen, etwa dessen Lob für Atomkraft bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem Bürgerdialog in Badbergen. Für ihn seien Atomkraftwerke keine Option: Deutschland habe sich für erneuerbare Energien entschieden, und die Samtgemeinde leiste dazu bereits einen erheblichen Beitrag.
Der Bippener sieht sich selbst als Stratege, der die AfD im Osnabrücker Land professionalisieren will. Dafür spricht, dass der Kreisverband unter seiner Führung – seit der Trennung vom Stadtverband 2023 – stabil geblieben ist. Intern wird ihm aber auch ein autoritärer Stil nachgesagt: Entscheidungen liefen von oben nach unten, Kritik sei unerwünscht. Stellvertretend für parteiinterne Spannungen gilt der Konflikt mit der früheren AfD-Kreistagsabgeordneten Tanja Bojani. Sie trat 2023 wegen „unlösbarer persönlicher Differenzen“ mit Queckemeyer aus der Fraktion aus – womit die AfD ihren Fraktionsstatus samt Büro und Finanzmitteln verlor. Auch die Auflösung des Ortsverbands Belm/Wallenhorst 2024 nach Machtkämpfen verdeutlicht die innerparteilichen Brüche. Im Südkreis bleibt die Partei schwach: Der Ortsverband Melle/Bissendorf/Hilter existiert zwar, ist politisch aber kaum sichtbar.
Strategische Kontrolle ist Queckemeyer insbesondere bei Veranstaltungen, Kandidaturen und Öffentlichkeitsarbeit wichtig. Beim Kreisparteitag im Juni etwa wollte er die Berichterstattung auf bestimmte Journalisten beschränken – ein Vorgehen, das bei unabhängigen Redaktionen auf klare Grenzen stößt. Im persönlichen Austausch wirkt er kontrolliert, zugewandt, mit klarem Kurs. Dabei erzählt er gerne in Bildern aus der Natur. Welche das sind, darf hier nicht wiedergeben werden. Bei einem Gespräch in seinem Wahlkreisbüro in Fürstenau hatte unsere Redaktion um die Möglichkeit gebeten, einzelne Passagen aufzuzeichnen – mit dem Ziel, diese nachträglich zur Autorisierung vorzulegen und in eine spätere Berichterstattung einfließen zu lassen. Eine Freigabe blieb trotz mehrfacher Nachfrage aus. Marcel Queckemeyer nutzt den Landkreis Osnabrück als politische Bühne – mit Infoständen, Bürgerdialogen und gezielten Kandidaturen. Er strebt Einfluss auf allen Ebenen an – vom Bundestag bis zum Gemeinderat. Trotz Mandat und Machtanspruch bleibt jedoch offen, wie weit er mit seinem Stil tatsächlich kommt.