Osnabrück 5600 Euro für eine Pause: Tanja Brinkmann verzweifelt an der Pflege-Bürokratie
Schmerzende Gelenke, schlaflose Nächte: Tanja Brinkmann ist pflegende Angehörige und brauchte dringend eine Kur. Das kostete sie vorerst 5600 Euro. Ein Blick hinter die Kulissen des deutschen Pflegesystems.
Zwei Aktenordner liegen auf einem Tisch, einer ist grün, der andere rot. Ihr Inhalt ist weniger farbenfroh: Er zeichnet in schwarzer Druckertinte den Bürokratie-Marathon nach, den Tanja Brinkmann auf sich nahm, um ihr Recht zu bekommen. Das Recht auf eine Pause.
Tanja Brinkmann zählt zu den Millionen von Menschen in Deutschland, die ihre Angehörigen pflegen. Schon 1993 wurde bei ihrer Mutter die Nervenerkrankung Multiple Sklerose diagnostiziert. Damals zeigten sich erste Anzeichen von Ataxie: Immer wieder fielen ihr Gegenstände aus der Hand, weil die Koordination der Bewegung nicht mehr richtig funktionierte.
Heute ist sie an den Rollstuhl gebunden, kann alleine weder essen noch das Bad benutzen. Seit Brinkmanns Vater vor sieben Jahren verstorben ist, hat die Tochter die Pflege der 74-Jährigen übernommen. „Im Nachhinein ist es für mich unvorstellbar, wie er das geschafft hat“, sagt Brinkmann.
Wie viele Menschen in Deutschland pflegende Angehörige sind, ist unklar: Je nach Begriffsdefinition und Studie ist mal von drei, mal von sieben Millionen Menschen die Rede.
Klar ist: Von den mehr als 6 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden laut Bundesgesundheitsministerium rund 5,1 Millionen zu Hause versorgt. Etwa zwei Drittel davon werden durch Familie und Freunde gepflegt. Oder, um es etwas drastischer auszudrücken: Ohne den Einsatz pflegender Angehöriger wäre das System schon lange zusammengebrochen.
Stattdessen brechen regelmäßig die pflegenden Angehörigen zusammen: Laut einer großen Befragung der Universität Witten/Herdecke von 2018/19 fühlen sich mehr als 70 Prozent der Betroffenen stark belastet, jeder vierte hat Rücken- und Gelenkschmerzen. Eine neuere AOK-Umfrage gibt an, dass mehr als die Hälfte der Befragten bei sich Anzeichen einer Depression bemerken.
Auch Tanja Brinkmann spürt die Pflege körperlich: „Ich kannte das vorher gar nicht von mir, habe auch immer viel Sport gemacht“, sagt sie. Dennoch habe sie inzwischen ständig Schmerzen im Rücken und im Handgelenk. „Man gewöhnt sich an die Schmerzen, die hinzukommen. Und eigentlich will man da auch gar nicht drüber nachdenken“.
Dennoch waren zwei Dinge für Brinkmann von Anfang an klar: Dass sie weiterhin arbeiten will und dass ein Pflegeheimplatz für ihre Mutter noch nicht infrage kommt. Zum Glück hatte ihr Vater das Haus bereits rollstuhlfreundlich umgebaut, mit breiten Türen und einer ebenerdigen Dusche. Brinkmann organisierte einen Platz in der Tagespflege: Vier mal pro Woche wird ihre Mutter bis zum Nachmittag dort versorgt, sodass die Tochter ihren Job als Chefsekretärin weiter ausführen kann.
So ging es mit viel gutem Willen ein paar Jahre gut – obwohl Brinkmann einen Bandscheibenvorfall und eine Krebserkrankung durchleiden musste. Es lässt sich zwar nicht nachweisen, doch sie vermutet, dass diese Erkrankungen auch mit der Pflege zusammenhängen. Dann kam die Zeit, in der ihre Mutter nicht mehr durchschlief. Erst vereinzelt, dann immer öfter wachte die Seniorin nachts auf und benötigte Hilfe.
„Das wurde für mich dann irgendwann schwierig. Tagsüber kann ich alles irgendwie rocken, aber nachts brauche ich einfach Schlaf“, erklärt Brinkmann. Schon seit zwei Jahren schläft sie im Gästezimmer und wird von ihrer Mutter angerufen, wenn Hilfe nötig wird. So hat jedenfalls der Rest der Familie eine ungestörte Nacht.
Im Frühjahr 2024 wandte sich Brinkmann an den Pflegestützpunkt des Landkreises Osnabrück in der Hoffnung, einen Nachtpflegeplatz für Ihre Mutter zu finden. Doch Brinkmann wohnt im südlichen Osnabrücker Landkreis, und auf dem Land sind Pflegeangebote rar. „Es war nichts zu machen“, sagt sie.
Stattdessen schlug man ihr eine Kur vor. Bisher stellte ein solches Unterfangen für pflegende Angehörige stets eine Herausforderung dar, ebenso wie ein Urlaub oder ein Krankenhausaufenthalt. Wer soll sich während der Abwesenheit um den Pflegebedürftigen kümmern?
Die Finanzierung einer ambulanten Pflegekraft oder eines Pflegeheimplatzes für kurze Zeit wird zwar vom Gesetzgeber finanziell unterstützt. Das Problem: Pflege ist teuer und das Geld schnell ausgeschöpft. Gerade bei längerer Verhinderung musste der pflegende Angehörige also priorisieren, wofür er das Geld nutzt. Lieber Urlaub oder eine lang erwartete Operation?
Deswegen gibt es seit dem 1. Juli 2024 eine Neuerung im Sozialgesetzbuch. Sie bietet einfach gesagt eine Kombi-Lösung: Die pflegende Angehörige, also Tanja Brinkmann, kann eine Kur oder Reha-Maßnahme wahrnehmen, während ihre Mutter in derselben Einrichtung oder einer nahegelegenen versorgt wird. Die Finanzierung wird komplett von der Pflege- oder Rentenkasse übernommen.
„Das ist eigentlich eine tolle Sache“, sagt Beraterin Susanne Markmeyer vom Pflegestützpunkt des Landkreises Osnabrück, die immer wieder pflegende Angehörige in dieser Sache unterstützt. Eigentlich – denn ihrer Erfahrung nach scheinen sich manche Kranken- und Pflegekassen mit der Neuregelung kaum auszukennen.
Theoretisch hätte Brinkmann bei ihrer Krankenkasse, der Barmer, eine Kur beantragt. Dies gilt gleichzeitig als Antrag der Mutter auf Versorgung. Die Barmer leitet Brinkmanns Antrag automatisch an die Pflegekasse der Mutter weiter, also an die BKK Firmus. Diese wiederum organisiert die Unterbringung. Somit wäre der ohnehin schon belastete pflegende Angehörige nach Antragstellung fein raus.
Praktisch begann für Brinkmann ein bürokratischer Kampf: Bei der Kurberatung der Caritas riet man ihr, sich selber um den Pflegeheimplatz der Mutter zu kümmern – dabei wäre eigentlich die Pflegekasse zuständig.
Die 49-Jährige hatte aber Erfolg und fand einen Platz für ihre Mutter und im selben Zeitraum auch einen Kurplatz für sich. Nun ging es nur noch um die Kostenübernahme des Aufenthalts ihrer Mutter. Sie leitete die Informationen an die betreffenden Stellen weiter, erhielt eine Bestätigung ihrer Krankenkasse für die Kur – nur die Mutter wurde mit keinem Wort erwähnt.
Die Barmer verwies auf die Zuständigkeit der Kasse von Brinkmanns Mutter. Bei der BKK Firmus kam Brinkmann jedoch nicht weiter. Immer wieder wurden ihr Antragsvordrucke zugesendet, doch stets für die falsche Leistung. Irgendwann antwortete man ihr gar nicht mehr.
Und so ging es weiter: Anrufe im Pflegeheim, Anrufe bei der einen oder anderen Krankenkasse, Mails schreiben, ignoriert werden, wieder anrufen und wieder einen anderen Sachbearbeiter sprechen, nur um die ganze Geschichte noch einmal zu erzählen. Vertröstet werden, wieder hinterhertelefonieren. „Es waren unzählige Telefonate. Und kann man sich ja vorstellen: Jeder Anruf bei einer Krankenkasse bedeutet Warten in der Warteschleife. Eine Stunde ist da nichts.“
Um zumindest irgendwas in der Hand zu haben, dokumentierte Brinkmann alle ihre Schritte und Reaktionen. Der rote Ordner für sie, der grüne für die Mutter. Sie füllten sich zusehends. Irgendwann schien es, als hätte die BKK Firmus Brinkmanns Anliegen nun verstanden und man sendete ihr einen Antrag zu – doch es war wieder der falsche.
Wie kann es sein, dass per Gesetz eine neue Leistung geschaffen wird – in der Praxis aber kaum einer davon weiß? Schließlich werden die Krankenkassen bereits am Gesetzgebungsprozess beteiligt. Wo also hakt es?
Die BKK Firmus erklärt auf Anfrage unserer Redaktion, dass „die Verzögerungen in der Bearbeitung des Kundenanliegens“ aus einem Missverständnis bei der Antragstellung resultierten – man ging von einer anderen Leistung aus, als Brinkmann angefragt hatte. „Zudem lagen die Unterlagen der Krankenkasse der Tochter noch nicht vor“, heißt des nach Darstellung der BKK Firmus weiter.
Besonders bürokratisch sei die Neureglung aus Sicht der BKK nicht: Die Abstimmung zwischen den Krankenkassen sei „mit keinem erheblichen Aufwand verbunden“.
Gisela Löhberg leitet seit beinahe 17 Jahren eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige. „Die Pflegeversicherungen sind verpflichtet, ihre Mitglieder zu beraten. Das machen sie häufig gut“, sagt sie. Häufig – aber nicht immer. Ihrer Erfahrung nach gibt es Fälle, bei denen die Vermutung naheliegt, dass Kassen ihre Mitglieder absichtlich nicht über neue Leistungsansprüche informieren - schließlich müssen sie am Ende für die neuen Leistungen aufkommen. Geschichten wie die von Tanja Brinkmann hört sie dementsprechend regelmäßig.
Dass auch in den Beratungsstellen oftmals Unwissenheit herrscht, verwundert Löhberg ebenso wenig. Erstmal müssten die Mitarbeiter die komplizierten, neuen Leistungsansprüche verstehen und verinnerlichen. Dafür braucht es Praxis, und das dauert.
Für Brinkmann ging am Ende noch alles gut, jedenfalls halbwegs. Viele Monate nach der Antragstellung konnte sie zur Kur nach Norderney, während ihre Mutter daheim in einer ihr bekannten Einrichtung versorgt wurde. Die Kosten von mehr als 5600 Euro musste die Tochter erst selbst übernehmen. Die ersten zwei Wochen, die eigentlich der Erholung dienen sollten, verbrachte die 49-Jährige daher wieder mit vielen Telefonaten. Erst zwei Monate nach der Kur kam endlich die Bestätigung der vollständigen Kostenübernahme durch die BKK Firmus.
Trotz des Anruf-Marathons möchte Brinkmann die schöne Erfahrung der Kur nicht missen. Die beiden Ordner in grün und rot sind nun geschlossen - und können hoffentlich lange unbeachtet im Schrank lagern.