Amok-Alarm an Schulen Sicherheitsmängel an der Grundschule „Im Spiet“ in Norden
Im Neubau der Grundschule gibt es Schwachstellen beim Schutz der Kinder. Die Stadt Norden sucht nach kreativen Lösungen, um die Sicherheit im Ernstfall zu erhöhen – hat aber bisher noch keine Ideen.
Norden - Spätestens nach dem Amoklauf von Erfurt am Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002 ist das Thema Sicherheit an Schulen auch in Deutschland angekommen. Mittlerweile hat jede Schule ein eigenes Sicherheitskonzept, einen Ablaufplan für potenzielle Gefahrenlagen. Was aber, wenn die äußeren Gegebenheiten nicht an diese Pläne angepasst wurden? Dann, so teilte es die Norder Verwaltung auf Anfrage mit, braucht es „kreative Lösungen für den Einzelfall“. Doch die gibt es für die Grundschule Im Spiet bisher nicht.
Das Problem: Die Klassentüren im sogenannten Neubau sind zum einen komplett aus Glas – also von außen einsehbar. Zum anderen sind die Türen von außen auch zu öffnen, selbst wenn sie abgeschlossen sind. Ein entsprechender Hebel an der doppelflügeligen Tür macht das möglich. Eine Tatsache, die bisher in der Schule „nur“ zu zahlreichen Diebstählen in den Klassenräumen geführt hat. Denkt man das Problem aber weiter, wird schnell klar, wie groß das Problem tatsächlich ist.
Neubau aus dem Jahr 1994
Der sogenannte Neubau der Schule, in dem die Klassenräume mit diesen gläsernen doppelflügeligen Türen ausgestattet sind, stammt aus dem Jahr 1994. Zwar wurden damals Gefahrenlagen wie „Feuer“ bei den Planungen berücksichtigt. Amokläufe spielten damals noch keine Rolle. „Mit dem Wissen von heute würde man eine Schule sicherlich nicht mehr so planen, weder den Grundriss noch außenliegende Toiletten“, heißt es von der Verwaltung. Denn auch das ist Teil des Problems: Im gesamten Gebäude gibt es keine eigenen Toiletten. Haben Schüler ein Bedürfnis, müssen sie das Gebäude verlassen, über den Schulhof zu den dortigen Toilettenanlagen laufen und wieder zurück durch das Treppenhaus im Neubau in die Klassen. Da es sich um eine Grundschule mit entsprechend jungen Schülern handelt, kommt es nicht selten vor, dass die Kinder auch während des Unterrichts zur Toilette gehen müssen.
Warum das ein Problem ist? Aus Sicht der Verwaltung wird die Sicherheit der Klassenräume über die Flurtüren gewährleistet. Diese Türen – ebenfalls aus Glas – führen vom Treppenhaus in einen großen quadratischen Flur, von dem die Klassenzimmer zu erreichen sind. Diese Türen sind tatsächlich abschließbar. „Die Türen zum Treppenhaus sind derart ausgestaltet, dass eine Entfluchtung durch einen sogenannten Panikbeschlag jederzeit möglich ist“, heißt es von der Verwaltung. Dieser Panikbeschlag macht es grundsätzlich möglich, das Treppenhaus zwar von innen zu öffnen und somit im Brandfall eine Fluchtmöglichkeit zu gewährleisten, von außen aber den Zutritt nur mit einem Schlüssel oder durch Öffnung von innen zu ermöglichen.
Suche nach einer Lösung
Das funktioniert aber nur, wenn die Tür vom Treppenhaus entsprechend eingestellt ist. Das ist sie aber nicht, wie Schüler und Lehrer der Schule bestätigen. Auch weil die Kinder während des Unterrichts zur Toilette gehen und dann wieder zurück in ihre Klassenräume gelangen müssen, ohne dass die Lehrkraft oder ein anderer Schüler an der Tür warten muss, um die Schüler wieder in den Flurtrakt zu lassen. Aus heutiger Sicht würden bei der Planung eines Schulgebäudes andere Parameter und Erfahrungswerte berücksichtigt werden, heißt es von der Verwaltung. Neben neuen pädagogischen Konzepten müssen Schulen heute auch strengere Sicherheitsvorgaben erfüllen. Dazu zählen etwa der Schutz vor Unfällen, der Brandschutz und der Schutz vor unbefugtem Zutritt. Die Stadt passt bestehende Schulgebäude nach und nach an diese Anforderungen an, heißt es. Auch die Türen in der Grundschule Im Spiet sollen künftig verbessert werden.
Die zentrale Gebäudewirtschaft der Stadt Norden sucht laut Verwaltung weiter nach einer technischen Lösung, um die Hebel der zweiflügeligen Türen festzustellen. Dann wäre aus Sicht der Verwaltung „maximale Sicherheit“ gegeben. Neben der Technik würden aber auch klare Abläufe und ein sensibler Umgang mit der Thematik durch die Nutzer eine wichtige Rolle spielen. Ein weiterer Baustein sei die Alarmierungsanlage: Seit 2019 sorgt eine elektroakustische Anlage mit Pausenzeichen und Gefahrensignalen in der Grundschule Im Spiet dafür, dass im Notfall schnell gewarnt werden kann – sogar über die gesetzlichen Vorgaben hinaus.
Grundsätzlich müssten beim Schutz vor Amoklagen und bei der Gebäudesicherheit in älteren Schulgebäuden oft „individuelle und kreative Lösungen für den Einzelfall“ entwickelt werden, weil die baulichen Voraussetzungen unterschiedlich sind, heißt es von der Verwaltung, die zum Schutz der Kinder in diesen Punkten nicht näher ins Detail gehen kann.