Osnabrück  Elektronische Patientenakte ist Pflicht – Ärzte sehen Fehlstart in der Region Osnabrück

Jean-Charles Fays
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Von Jean-Charles Fays
| 14.10.2025 17:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Arzt ruft am Computer die elektronische Patientenakte auf – die digitale Gesundheitsakte soll Informationen bündeln und Behandlungen verbessern. Foto: dpa/Daniel Karmann
Ein Arzt ruft am Computer die elektronische Patientenakte auf – die digitale Gesundheitsakte soll Informationen bündeln und Behandlungen verbessern. Foto: dpa/Daniel Karmann
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Seit Anfang Oktober ist die elektronische Patientenakte für Ärzte Pflicht – auch in Osnabrück. Doch viele Praxen kämpfen mit Technikproblemen, Patienten bleiben zögerlich. Warum der Start so holprig verläuft.

Seit dem 1. Oktober ist die elektronische Patientenakte (ePA) für Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken bundesweit verpflichtend – auch in der Region Osnabrück. Für rund 70 Millionen Versicherte haben die Krankenkassen die digitalen Akten bereits angelegt.

Doch während die Bundesregierung den Start als Meilenstein feiert, ist die Stimmung in der Ärzteschaft vor Ort verhalten. Technische Probleme, fehlende Patientenakzeptanz und ungelöste Sicherheitsfragen bremsen den erhofften Schub.

„Wir arbeiten ja bereits seit April mit der ePA, soweit es technisch möglich ist. Nur funktioniert das leider immer noch nicht so gut, wie wir Ärzte uns das wünschen“, sagt Dr. Karin Bremer, Vorsitzende der Bezirksstelle Osnabrück der Ärztekammer. Das Hochladen von Dokumenten sei zeitaufwändig und umständlich, die Software unausgereift. „Wäre die ePA eine ausgereifte Software, würden wir sie gerne nutzen. Aber uns auf ein durchwachsenes Produkt zu verpflichten, ist ein Beispiel für die Überregulierung, die unser Land lähmt.“

Auch Dr. Uwe Lankenfeld, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung im Bezirk Osnabrück, sieht den Start kritisch: „Das ist von Praxis zu Praxis ganz unterschiedlich. Es gibt zahlreiche technische Probleme, und einige Softwarehäuser haben Schwierigkeiten mit der Umsetzung. Oft dauert es sehr lange, bis die ePA geöffnet wird. Der Praxisalltag wird dadurch deutlich gestört.“

Ein weiteres Problem: die Patienten selbst. Laut Bremer gibt es „nur sehr verhaltenes Interesse und oftmals auch wenig Kenntnisse über die ePA“. Viele Menschen wüssten schlicht nicht, was die Akte leisten kann. Bremer kritisiert deutlich: „Die Krankenkassen waren gesetzlich verpflichtet, ihre Patienten umfassend über die ePA zu informieren. Diesen Job haben sie eindeutig nicht erfüllt. Manche Krankenkassen machen sogar immer noch nicht mit. Das ist ein Skandal.“

Auch Lankenfeld bestätigt: „Die Patienten nutzen die ePA fast gar nicht. Es gibt nur vereinzelte Anfragen. Die Aktivierung der ePA-App scheint für viele sehr kompliziert zu sein.“

Technisch läuft der Start ebenfalls nicht rund. „Es scheint tatsächlich so zu sein, dass noch nicht alle Verwaltungssysteme die ePA nutzen können“, sagt Bremer. Geplant sei ein direkter Datenaustausch zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern – „aber der funktioniert bisher nicht“.

Lankenfeld verweist auf Rückmeldungen aus den Praxen: Viele Ärzte hielten die ePA zwar „grundsätzlich für eine gute Idee“, doch die Umsetzung sei schwierig und von technischen Problemen geprägt.

Bereits im Frühjahr hatte ein Hackerangriff des Chaos Computer Clubs (CCC) die Sicherheitsdebatte rund um die ePA neu entfacht. Über eine Schwachstelle im System konnten sensible Patientendaten ausgelesen werden. Lankenfeld warnte damals, der überhastete Start gefährde das Vertrauen der Menschen: „In der ePA werden sensible Informationen verarbeitet – das macht eine absolut verlässliche technische Sicherheit zur Grundvoraussetzung.“

Sowohl Bremer als auch Lankenfeld fordern Verbesserungen: „Die ePA müsste so gebaut sein, dass man einfach und schnell Inhalte suchen und finden könnte – zum Beispiel Laborwerte oder das Ergebnis einer Untersuchung“, sagt Bremer. „Dann würde sie uns und den Patienten im Alltag helfen und die Versorgung verbessern. Davon sind wir aber weit entfernt.“

Lankenfeld sieht das ähnlich: „Die Idee ist gut. Aber wir brauchen moderne, onlinebasierte Technik, die stabil läuft und einfach anzuwenden ist.“ Kritiker warnen, dass das Projekt an Akzeptanz verlieren könnte, bevor es überhaupt richtig begonnen hat.

Rund 70 Millionen gesetzlich Versicherte verfügen inzwischen automatisch über eine elektronische Patientenakte. Doch genutzt wird sie bisher kaum: Laut „Ärzte Zeitung“ greifen nur rund drei Prozent der Kassenpatienten aktiv darauf zu. Bei Techniker, Barmer, DAK und den AOK-Kassen wurden für etwa 50 Millionen Menschen ePAs eingerichtet – tatsächlich haben aber nur rund 1,5 Millionen Versicherte über die jeweiligen Apps einen Zugang aktiviert.

Die ePA ist ein digitaler Ordner für medizinische Informationen wie Befunde, Arztberichte oder Impfungen. Sie gehört den Patientinnen und Patienten selbst. Über die jeweilige Krankenkasse lässt sich die ePA kostenfrei über ein Online-Portal oder eine App einrichten. Zur Freischaltung stehen mehrere Wege offen: etwa per Gesundheitskarte und PIN über NFC-fähige Smartphones, per Gesundheits-ID der Krankenkasse oder mit der eID-Funktion des Personalausweises.

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