Verfolgungsfahrt in Pewsum  Drogenhändler soll Polizeibeamten schwer verletzt haben

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 15.10.2025 15:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich geht es um den Handel mit Kokain und Heroin. Symbolfoto: Pixabay
Vor dem Landgericht Aurich geht es um den Handel mit Kokain und Heroin. Symbolfoto: Pixabay
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Ein Drogenhändler soll bei einer Verfolgungsfahrt in Pewsum einen Polizeiwagen gerammt haben. Das gesamte Ausmaß des Vorfalls kam beim Prozessauftakt gegen eine Drogenbande in Aurich zur Sprache.

Aurich/Pewsum - Vier Männer und eine Frau im Alter zwischen 28 und 56 Jahren sollen als Bande im großen Stil unter anderem in Norden mit Kokain und Heroin gehandelt haben. Zwischen August 2022 und April 2025 erlangten sie nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Osnabrück 638.000 Euro.

Der Prozess vor dem Landgericht Aurich begann am Montag, 13. Oktober 2025, unter verschärften Sicherheitsbedingungen. Vor dem Gebäude hatten zwei Polizeifahrzeuge mit Hunden Stellung bezogen. Beamte in Zivil sicherten den Zuschauerbereich des Verhandlungssaales.

Schlüssel auf dem Autoreifen deponiert

Zwei Brüder aus Aurich im Alter von 28 und 37 Jahren waren laut Anklageschrift der Kopf der Bande. Eine 56-jährige Frau aus der Krummhörn soll 21-mal Drogen aus den niederländischen Städten Amsterdam, Groningen und Winschoten nach Ostfriesland gebracht und dafür insgesamt 25.000 Euro bekommen haben. An den Zielorten soll sie jeweils den Autoschlüssel auf einem Reifen deponiert und sich entfernt haben. Eine unbekannte Person nahm laut Anklageschrift aus dem Handschuhfach Geld und ließ ein halbes Kilogramm Kokain zurück.

Nach dem Parken vor ihrem Haus in der Krummhörn habe die Fahrerin erneut den Schlüssel auf einem Reifen liegen lassen. Die Brüder sollen sich die Drogen geholt und nach Norden gebracht haben. Ein 40-Jähriger Norder habe sie an unterschiedliche Abnehmer verkauft. Einem weiteren Norder im Alter von 43 Jahren wirft die Anklage Beihilfe vor.

Auf Tempo 225 beschleunigt

Am 16. April 2025 kam es zu einer filmreifen Verfolgungfahrt, bei der ein Polizeibeamter schwer verletzt wurde. Die beiden Hauptangeklagten gerieten in eine Polizeikontrolle, nachdem sie Drogen in Pewsum in ihren Audi A8 geladen hatten. Der 28-Jährige gab laut Anklageschrift Gas und rammte einen Streifenwagen, wodurch ein Schaden von 30.000 Euro entstand. Er habe eine Straßensperre durchbrochen und die Flucht auf der Manningastraße Richtung Norden fortgesetzt, wobei er bis auf 225 Kilometer pro Stunde beschleunigt habe. In einer Kurve der Pewsumer Landstraße verlor er demnach die Kontrolle über seinen Wagen, der mit einem Polizeifahrzeug kollidierte, sich überschlug und ausbrannte.

Ein Beamter erlitt unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma, Bauch- und Thoraxprellungen sowie Verbrennungen ersten Grades. Die Drogen wurden auf dem Seitenstreifen aufgefunden. Dem 28-Jährigen wird deshalb zusätzlich gefährliche Körperverletzung, vorsätzlicher gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, unerlaubtes Kfz-Rennen, Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vorgeworfen.

„Ich wusste nicht, was ich transportiere“

Polizei und Staatsanwaltschaft hatten seinerzeit mitgeteilt, dass ein Schlag gegen die Clankriminalität gelungen sei und dass drei Tatverdächtige in der Nacht zu Donnerstag, 17. April 2025, in einer konzertierten Aktion im Landkreis Aurich festgenommen worden seien. Dabei wurde auch mitgeteilt, dass die Verdächtigen ein Fahrzeug der Polizei gerammt hätten. Wo das passiert war, blieb jedoch unerwähnt. Auch von Verletzungen war nicht die Rede.

Die 56-jährige Angeklagte ließ sich ausführlich zu den Vorwürfen ein. „Ich habe die Fahrten unternommen, wusste allerdings nicht, was ich transportiere“, erklärte sie. Sie habe zuerst an Datensticks und später an Marihuana gedacht – „ich habe nie, nie nachgeschaut, worum es sich gehandelt hat“, unterstrich sie. Pro Fahrt habe sie zunächst 500 Euro, später 1500 Euro und einmal 2000 Euro bekommen.

Zweimal „leider“ den Enkel mitgenommen

„Die haben mich zu Hause irgendwann im Sommer aufgesucht, weil′s mir finanziell nicht gut ging, was ich einem Bekannten erzählt habe“, berichtete sie über den Beginn der Fahrten. Die Aufträge habe sie kurzfristig über eine App bekommen: „Sie schrieben mir: Dann und dann hast du da und dort zu sein.“ Sie sei immer über die Autobahn gefahren. Zweimal habe sie „leider“ ihr inzwischen zehnjähriges Enkelkind mitgenommen. Die verwendeten Autos – ein BMW 3er und einen Opel Corsa – hätten ihr die Brüder organisiert. Sie habe sie auf ihren Namen angemeldet. Zuletzt habe sie ihren eigenen Opel Antara verwendet.

Sie erkannte die Brüder, die sie damals zu Hause aufgesucht hatten, im Gerichtssaal. Auch habe sie den 28-Jährigen bei telefonischen Anweisungen an der Stimme erkannt. Seine Idee sei es gewesen, zur Tarnung eine Überraschungstüte von Lidl im Auto zu platzieren, die sie als Grund für ihre Fahrt in die Niederlande hätte vorbringen sollen. Die weiteren Angeklagten sehe sie heute zum ersten Mal, sagte die 56-Jährige.

„Für mich war wichtig, dass ich über die Runden komme“

Sie habe irgendwann nicht mehr über die Fahrten nachgedacht – „für mich war wichtig, dass ich über die Runden komme“. „Ich dachte schon, dass es illegal war, sonst hätte ich kein Geld bekommen“, räumte sie ein. Einmal habe sie ihrer besten Freundin von den Fahrten erzählt.

Die übrigen Angeklagten äußerten sich nicht zu den Anklagevorwürfen. Weitere 27 Festplatten mit Observationsergebnissen wurden kurzfristig zu den Akten gereicht. Sie müssen von allen Prozessbeteiligten in Augenschein genommen werden. Deshalb forderten die Anwälte eine Aussetzung des Verfahrens bis zum 3. November. Dem gab die 4. Große Strafkammer unter Vorsitz von Dr. Markus Gralla nicht statt.

Der Prozess wird am Montag, 27. Oktober 2025, um 11 Uhr in Saal 003 mit Zeugenvernehmungen fortgesetzt. Zwei weitere Termine sind für den 29. Oktober um 9 Uhr und für den 3. November um 11 Uhr im selben Saal angesetzt.

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