Osnabrück Keine Lobby, kein Einfluss, kein Geld: Wie schaffen Alleinerziehende das bloß?
Auch Millionen Alleinerziehende halten Deutschland am Laufen – ohne verlässliche Betreuung, ohne gerechte Löhne, ohne politische Stimme. Was sie leisten, sollte endlich gesehen werden.
Wenn meine Frau unter der Woche auf mehrtägiger Geschäftsreise ist oder am Wochenende ihre Studienfreundinnen trifft, übernehme ich die Kinderbetreuung komplett. Während wir uns sonst die Aufgaben teilen, bin ich dann alleine zuständig – neben einer 40-Stunden-Arbeitswoche.
Ich gönne ihr diese Auszeit von Herzen. Ich weiß aber auch: Diese Tage werden für mich anstrengend. Mir hilft es, den Alltag durchzuplanen – vom Kita-Abholen über das Abendessen bis hin zur Frage, wie ich nach dem Einschlafritual noch Energie für die Wäsche finde.
Für ein paar Tage ist das zu stemmen. Aber ich merke dann, wie sehr dieses Leben auf Kante genäht ist. Wie es sich wohl anfühlt, wenn das jeden Tag so läuft? Ohne Partnerin, die abends die Einschlafbegleitung (oder die Wäsche) übernimmt. Ohne Backup-System. Ohne Aussicht auf Entlastung?
Alleinerziehende jonglieren täglich mit einer Verantwortung, die unsere Gesellschaft komplett unterschätzt – und das bei Arbeitszeiten, Betreuungslücken und Lebenshaltungskosten, die selbst Paarfamilien an ihre Grenzen bringen.
2,8 Millionen Kinder wachsen laut Bundesfamilienministerium in Ein-Eltern-Haushalten auf. In fünf von sechs Fällen sind es Mütter, die den Alltag alleine wuppen. Tendenz steigend.
Viele Alleinerziehende balancieren permanent am Abgrund. Der Unterhalt? Kommt unregelmäßig. Oder gar nicht. Jede dritte Familie ist auf staatliche Unterhaltsvorschüsse angewiesen – das kostet Milliarden und offenbart eine bittere Schieflage: Der Staat springt ein, wo Väter (und manchmal auch Mütter) sich aus der Verantwortung stehlen. Und dieses Geld ist meist weg: Nur ca. ein Fünftel der Väter zahlen den Vorschuss zurück.
Ein Vollzeitjob? Für die meisten utopisch. Der Zehnte Familienbericht der Bundesregierung formuliert es nüchtern: Alleinerziehende seien „überdurchschnittlich häufig in prekären Lebenslagen“. Übersetzt heißt das: chronisch am Limit.
Erst kürzlich forderte CDU-Chef Friedrich Merz, die Deutschen sollten doch wieder mehr arbeiten. Millionen Alleinerziehende dürften bei dieser Aussage mit den Augen rollen – oder vor Wut kochen.
Flexible Arbeitszeiten? Fehlanzeige. Verlässliche Ganztagsbetreuung? In vielen Regionen ein schlechter Witz. Nur etwa acht Prozent der Kinder verbringen regelmäßig Zeit beim anderen Elternteil. Die Last liegt meist komplett auf einer Schulter.
Was dieser Gruppe fehlt, ist politisches Gewicht, eine Lobby. Aber wer täglich damit beschäftigt ist, morgens um halb sieben Kinder zu wecken, sich durch den Berufsverkehr zu kämpfen, Elternabende zu überstehen und abends noch Brote zu schmieren, hat schlicht keine Energie für Aktivismus. Und so bleibt eine riesige gesellschaftliche Gruppe weitgehend ungehört – während andere lautstark ihre Interessen durchsetzen.
Ich finde: Wer mehr Arbeit fordert, muss bessere Strukturen liefern: echte Ganztagsbetreuung, ausreichend Kitaplätze, flexible Arbeitszeiten und ein gerechteres Unterhaltssystem. Politik und Arbeitgeber müssen verstehen, dass Entlastung kein Bonus, sondern eine Notwendigkeit ist.
Wenn meine Frau nach Hause kommt, atme ich auf. Ich erzähle ihr von den kleinen Katastrophen der letzten Tage, wir lachen darüber. Und dann übernimmt sie wieder ihren Teil. Dieses Privileg haben Millionen Eltern in Deutschland nicht. Sie verdienen endlich mehr als unser Mitgefühl.