Osnabrück Osnabrücker Notfallseelsorger erklärt: „Man muss aushalten, dass es nicht wieder gut wird“
Wenn ein Mensch plötzlich stirbt, bleibt sein Umfeld oft sprachlos. Michael Randelhoff begleitet seit mehr als zwanzig Jahren Angehörige, zum Beispiel bei tragischen Unfällen. Im Interview erklärt er, was Betroffenen wirklich hilft.
Wenn der Alltag von einem Moment auf den anderen zerbricht, wird Michael Randelhoff gerufen. Der Pastoralreferent und Diözesanbeauftragte für Notfallseelsorge im Bistum Osnabrück begleitet Angehörige in den ersten Stunden nach tragischen Ereignissen. Im Interview erzählt er, wie seine Arbeit aussieht.
Frage: Herr Randelhoff, Sie kümmern sich seit mehr als 20 Jahren als Notfallseelsorger um Menschen, bei denen von einem auf den anderen Moment alles anders ist. Wie gehen Sie vor?
Antwort: Ich telefoniere vorab mit der Leitstelle, sammle erste Infos. Auf dem Weg spreche ich für mich ein Gebet. Vor Ort spreche ich mit den Einsatzkräften und stelle ich mich den Betroffenen vor. Wichtig ist zu signalisieren: Ich bin für Sie da. In der ersten Schockphase können viele noch gar nicht richtig wahrnehmen, wer da an ihrer Seite ist. Erst später erschließt sich ihnen, warum ich da bin.
Frage: Was hilft in diesen ersten Minuten?
Antwort: Präsenz und Aushalten. Viele sagen später: „Der Notfallseelsorger hat gar nicht viel gesagt, aber es tat gut, dass er da war.“ Von Sprachlosigkeit über Weinen bis zum Zusammenbruch ist alles möglich. Und fast immer beginnt irgendwann das Erzählen, meist mit dem Moment davor, als die Welt noch in Ordnung war. Zum Beispiel: „Ich bin morgens aufgestanden, habe meinem Mann Kaffee gemacht.“ Erst danach tasten sie sich an das Geschehen heran. Mit jedem Erzählen sortiert sich etwas.
Frage: Wie lange begleiten Sie in so einer Akutsituation?
Antwort: Meist ein bis zwei Stunden. Ziel ist, dass Menschen wieder handlungsfähig sind. Trauer bleibt – das ist normal –, aber die erste Blockade soll weichen. Idealerweise übergeben wir dann an Angehörige oder Freunde. Immer häufiger treffen wir allerdings auf Menschen, die niemanden haben, den sie anrufen können.
Frage: Was heißt „wieder handlungsfähig“ konkret?
Antwort: In der Akutphase können Betroffene banale Dinge nicht abrufen: Telefonnummern von Angehörigen, den Handycode oder wie man Kaffee kocht. Das Wissen ist da, aber das Gehirn blockiert. Dann bitte ich zum Beispiel: „Mögen Sie uns einen Kaffee kochen?“ Nicht, weil ich Kaffee will, sondern weil ich sehe: Sie können wieder etwas tun.
Frage: Können Sie erklären, was in den ersten Stunden psychisch passiert und wie Trauma entsteht?
Antwort: Unsere Krisenreaktionen sind uralt - Kampf, Flucht, Erstarrung. Sie werden automatisch ausgelöst. Dieses „Über-mich-hinweg-Entschiedenwerden“ erzeugt Ohnmacht und die ertragen wir Menschen schlecht. In seltenen Fällen zieht das Gehirn den falschen Schluss: Wenn ich einmal so hilflos war, bin ich es immer. Dann bleibt der Alarm an und die Menschen brauchen professionelle Hilfe. Grundsätzlich aber gilt: Erholung ist die Regel, Belastungsstörungen sind die Ausnahme.
Frage: Wie kann frühe Begleitung helfen?
Antwort: Indem wir Ohnmacht in kleine, machbare Schritte übersetzen. Ich helfe Betroffenen, wieder ins Handeln zu kommen: erzählen, sortieren, jemanden anrufen, eine Entscheidung treffen – so klein sie auch sein mag. Wer merkt: Ich kann etwas tun, erlebt, dass er der Situation nicht völlig ausgeliefert ist. Das ist der erste Schritt zur Verarbeitung.
Frage: Was raten Sie, wenn Angehörige weitere Familienmitglieder informieren müssen?
Antwort: Oft halten mir Betroffene in ihrer Überforderung das Telefon hin und sagen: „Rufen Sie bitte meinen Sohn an.“ Das mache ich aber nicht. Ich bereite sie vor. Erst anrufen und um Rückruf bitten, ohne die Nachricht im ersten Satz. So können sich die Angerufenen einen geschützten Ort suchen. Beim Rückruf sagen die Betroffenen, was passiert ist; danach klinke ich mich ins Gespräch ein und plane mit: Wie kommen Sie sicher her? Wir bleiben oft, bis Angehörige eintreffen.
Antwort: Was raten Sie Menschen im Umfeld? Viele haben Angst, etwas Falsches zu sagen und ziehen sich zurück.
Antwort: Ignorieren empfinden Trauernde als sehr schmerzhaft. Viele erzählen, dass Bekannte plötzlich die Straßenseite wechseln. Das verletzt. Ich mache immer Mut, auf Betroffene zuzugehen, auch wenn man unsicher ist. Man muss nichts Kluges sagen. Was sollte man auch sagen, wenn jemand etwa sein Kind verloren hat? Wichtig ist, da zu sein und auszuhalten, dass es weh tut und nicht wieder gut wird. Auch ein Satz wie: „Ich habe gehört, was passiert ist. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, aber ich denke an dich“ kann schon sehr viel bedeuten.
Frage: Gab es Einsätze, die Sie persönlich besonders getroffen haben?
Antwort: Ein Jugendlicher kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben; als die Leitstelle den Ort nannte, wusste ich, wer es ist. Es war ein Schulfreund unseres Sohnes. Wir waren mit mehreren Kollegen im Einsatz, ich habe die Zeugen betreut. Bei den Eltern hätte ich das in der Situation nicht gekonnt. Da waren wir in den Tagen danach. Solche Einsätze gehen näher, besonders, wenn es um Kinder geht.
Frage: Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrer Arbeit?
Antwort: Manchmal wünschen sich Angehörige, dass wir gemeinsam beten oder den Verstorbenen segnen. Wenn das so ist, tue ich das gern. Aber ich dränge es nie auf. Entscheidend ist, was die Betroffenen brauchen und nicht, was ich für richtig halte. Ich selbst bete immer für die Menschen, bei denen ich war.