Osnabrück  Shakespeare-Komödie am Theater Osnabrück: „Wie es euch gefällt“ verwirrt mehr, als es gefällt

Christine Adam
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Von Christine Adam
| 12.10.2025 16:52 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Wald mischt Identitäten neu auf: Solveig Eger (von links), Annika Martens und Amaru Albancando stehen in Shakespeares „Wie es euch gefällt“ am Theater Osnabrück. Foto: Joseph Ruben Heicks
Der Wald mischt Identitäten neu auf: Solveig Eger (von links), Annika Martens und Amaru Albancando stehen in Shakespeares „Wie es euch gefällt“ am Theater Osnabrück. Foto: Joseph Ruben Heicks
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Der Wald als Sinnbild für die deutsche Willkommenskultur? So weit geht Christian Schlüters Lesart der Shakespeare-Komödie „Wie es euch gefällt“ am Osnabrücker Theater wohl nicht. Doch welchen Reim soll sich der Zuschauer auf sein Geschlechter-Wirrspiel machen?

Sieben moosig schillernde Baumstümpfe, Dampfschwaden aus dem Boden – schon sind wir im Ardenner Wald. Einem Ort der Freiheit von höfisch starrer Konvention und Herrscherwillkür. Wer hierher kommt, meist als Exilant und nicht aus freien Stücken, wird freundlich und tolerant empfangen, kann seinen mitgebrachten Panzer, „die Maske des Befehls“ bei William Shakespeare, ablegen und neue Rollen ausprobieren.

Der Wald als Sinnbild für Deutschland und seine Willkommenskultur? So weit geht Christian Schlüters Lesart des Shakespeare-Komödie „Wie es euch gefällt“ im Osnabrücker Theater am Domhof wohl nicht. Aber sie legt auch kaum andere Deutungen nahe. Zu sehr beschäftigt sie den Zuschauer mit einem Verwirrspiel der Geschlechter, in dem so gut wie jede Rolle quer zum ursprünglichen Geschlecht besetzt worden ist. Bis der ohnehin anspruchsvolle Textwald dieses Stücks vor lauter Bäumen kaum mehr zu verstehen ist.

Ständig rappelt es im Zuschauerhirn: Was soll es uns sagen, dass ein männlicher Schauspieler wie Amaru Albancando die Herzogstochter Rosalind spielt, die sich im Wald wiederum als männlicher Schäfer ausgibt? Soll Rosalinds tiefe Freundschaft zur Cousine Celia als schwule Liebe aufgefasst werden?

Kaum hat man diesen Holzweg verworfen, lauert der nächste im Dickicht: Wo bleibt eigentlich Rosalinds tiefes Liebesgefühl für Orlando, um das sich doch alles dreht in der Komödie? Wenn Amaru Albancandos Rosalind derart genüssliche und überdies wunderbar souverän gespielte Freude daran entwickelt, Orlandos Liebesloyalität immer neue Fallen zu stellen? Und das soll nun die neue männliche oder doch weibliche Freiheit sein: den Partner unter dem Vorwand der Prüfung auszutricksen, bis die Liebe flieht wie ein aufgescheuchtes Reh?

Also besser nicht so genau nach dem geistigen Nährwert fragen und ihn großmütig dem weiten Feld des Sinnbildlichen überlassen. Aber: Ideologiefrei, wie Intendant Ulrich Mokrusch in seiner Einführung vor der Premiere sagte, ist dieser „woke“ Geschlechtertausch sicher nicht auf die Bretter gelangt. Also die geistige Langeweile bei diesem zweieinhalbstündigen Abend mal beiseite und und schauen, was sich konkret auf der Bühne abspielt. Und das ist eine Menge.

Da blökt es lustig in verschiedenen Tonlagen aus den Baumstümpfen, sobald man ihre Deckel öffnet. Bühnenbildnerin Anna Bergemann hat sie vor den überwiegend schwarzen, tiefen Bühnenraum gestellt. Denn der Wald steht auch fürs Animalische und Verspielte, fürs beliebte Schäferidyll der Shakespeare-Zeit und fürs liebenswert Schafsköpfige. Stefan Haschke vertritt als Schäfermädchen Audrey, das schafslieb blickt und verlegen an seiner störrischen Bocksfrisur nestelt. Imposanter ist der Hörnerschmuck von Sascha Maria Icks als energischer Herzog Senior.

Die von Zweifeln und Intrigen ungetrübte Liebe des Orlando verkörpert William Hauf sehr wacker und glaubhaft. Er ist neu im Schauspielensemble, wie auch Verena Maria Bauer als Ringer und Annika Martens als Oliver. Doch soll das feminine orangerote Flatterfetzchen (sprechende Kostüme: Lucia Frische) an Orlandos Leib uns sagen, dass seine Unerschütterlichkeit typisch weiblich-naiv ist? Vorsicht, Denkfalle, schnell zurück auf die Bühne.

Dort meistern die altbewährten Osnabrücker Schauspieler Ronald Funke und Thomas Kienast die hohe Sprechkunst für die extrem fintenreichen und wortwitzigen Passagen ihrer beiden Narren. Doch oft versteht man solche Passagen nicht, weil es gern laut und rockig zugeht: Drei Live-Musiker lassen gekonnt Hits der 80er krachen und Schauspieler dazu singen, was wiederum nicht recht zur filigranen Strickart von „Wie es euch gefällt“ passen will.

Aber es hebt die Stimmung beim Premierenpublikum, wie auch der bombastische Ringkampf am Anfang, der mit einem Meer aus Scheinwerfern und großtuerischem Gepose und Gegröle sehr aktuell daherkommt. Schließlich weiß ein versierter Schauspielregisseur und -leiter wie Christian Schlüter, wie man seine Schäfchen einfängt: Wenn am Schluss sich alle Paare finden und die Zuschauer zur großen Party animiert werden, ist es nützlich, wenn zum fröhlichen Schlussapplaus schon viele stehen: „Määähhh!“ Wenn schon nicht unbedingt als Hirnfutter, ist der Abend in jedem Fall als Augenfutter geeignet.

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