Demonstration für Toleranz Herbstpride setzt in Norden ein Statement für Vielfalt
Mit bunten Outfits und klaren Worten demonstrierten Hunderte für Gleichberechtigung und Solidarität. Auch prominente Unterstützer und viele Gruppen aus der Region waren beim Umzug dabei.
Norden - Bunt und laut wollte der Norder Herbstpride sein und dieses Ziel haben die Organisatoren erreicht: Am Sonnabend zogen nach offiziellen Angaben rund 220 Teilnehmer vom Arp-Schnittger-Platz quer durch die Innenstadt und die belebte Norder Einkaufsstraße bis zum Garten der Kreisvolkshochschule zur Abschlusskundgebung. Viele Demonstranten waren bunt und schrill gekleidet, überall wehten die Regenbogenflaggen als Zeichen für Vielfalt. Mit im Zug dabei waren auch der Norder Bürgermeister Florian Eiben und Staatssekretär des Bundes Johann Saathoff. Beide halten den Pride für wichtiger denn je, um zu zeigen, dass Vielfalt eine Chance, eine Bereicherung und kein Angriff oder eine Gefahr ist, wie sie in ihren Abschlussreden sagten.
Dabei war die Sorge der Veranstalter um 13 Uhr noch groß, dass kaum einer zum Pride kommen würde. Am Treffpunkt unter dem Norder Glockenturm standen um diese Zeit nur nur wenige Menschen. Enttäuschung machte sich breit, denn gehofft hatten sie auf rund 500 Teilnehmer. Ganz so viele waren es am Ende nicht. Trotzdem starteten um 14 Uhr mehr als 200 Menschen mit ihrem Zug durch Norden, um unter dem Motto „Wir bleiben laut. Alle. Immer. Jetzt!“ für Vielfalt und Gleichbehandlung zu demonstrieren. Mit dabei waren aber nicht nur Vertreter der queeren Gruppen Ostfrieslands. Unterstützt wurden sie zum Beispiel von Vertretern der IG Metall und von den Omas gegen Rechts.
Einige Aktivisten reisten extra nach Norden an
Mit dabei waren auch Unterstützer aus anderen queeren Communitys in Deutschland. Optisch besonders auffällig waren Eli aus Moormerland in einem langen roten Spitzenkleid mit Tüll und Jonas aus Bremen, der als weißer Engel mit überdimensionalen Flügeln für Liebe und gegen Hass eintrat, wie sein selbstgestaltetes Plakat zeigte. Mit dabei war auch der unter dem Namen Alptraum-Panda bekannte Hamburger CSD-Aktivist, der beim Emder CSD verletzt worden war. Anders als von ihm angekündigt, sprach er allerdings nicht bei der Abschlusskundgebung, sondern hielt sich im Hintergrund. Olaf Wunderbar war am Morgen ganz aus Wismar angereist. Mit einem regenbogenfarbenen Anzug zog er die Blicke auf sich. Er ist deutschlandweit für die Community unterwegs, wie er sagte, und hat auch die fünf Stunden nach Norden auf sich genommen. Am Sonntag sei er schon wieder bei einer Veranstaltung in Greifswald, erzählte er. In Norden sei er nur einmal, vor zwölf Jahren, gewesen. Trotzdem kenne er zahlreiche Menschen durch die verschiedenen Veranstaltungen, die er besucht. „Im Bereich der Küste kennt man sich“, sagte er. Zu seiner farblich auffälligen Erscheinung sagte er mit einem Strahlen im Gesicht: „Das ist kein Kostüm, sondern eine Lebenseinstellung.“
Und genau um diese Lebenseinstellung ging es beim Norder Herbstpride. Auch Johann Saathoff betonte, dass der Pride keine Parade ist. „Das ist eine Demonstration. Eine Demonstration für Akzeptanz, für Toleranz, für Solidarität und Vielfalt in der Gesellschaft. Eine Demonstration, von der ich mir wünschen würde, dass wir sie gar nicht bräuchten“, sagte Saathoff. Sie werde aber notwendiger denn je. „Ich habe den Eindruck, dass wir uns mehr als im letzten Jahr oder vor zehn Jahren für Vielfalt einsetzen müssen“, sagte er. Er mache sich aber nicht nur Sorgen um die Vielfalt, sondern auch um die Demokratie. Diese Sorge um könne nur die jüngere Generation nehmen. „Wenn ihr eure Demokratie nicht in die Hand nehmt und wir Älteren nicht auch loslassen können, dann ist die Demokratie in Deutschland nicht mehr gesichert“, sagte Saathoff. Als Bundestagsabgeordneter habe er nicht gedacht, dass er mal so etwas sagen würde.
Bürgermeister: Pride ist ein Statement für Freiheit
Der Norder Bürgermeister Florian Eiben war nicht nur Redner, sondern auch Schirmherr der Veranstaltung. Er erinnerte die Teilnehmer daran, dass der Pride nicht nur ein Fest sei. „Der Pride ist eine Erinnerung daran, dass unsere Menschenrechte und unsere Freiheiten nicht einfach da sind. Sie wurden erkämpft. Mit Mut und Überzeugung und dem festen Glauben daran, dass alle Menschen gleich sind an Würde und an ihren Rechten“, sagte Eiben. „Wir feiern beim Pride, die Freiheit, wir selbst sein zu dürfen, ohne Angst, ohne Vorurteile und ohne Ausgrenzung mitten in unserer Stadt zu leben“, so der Bürgermeister. Eine Stadt sei dann lebenswert, wenn sie sie jedem Menschen Raum gibt, unabhängig davon, wen er liebt, wie er aussieht, woran er glaubt oder wie der liebt. „Vielfalt ist keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Sie macht unsere Gesellschaft lebendiger, stärker und vor allem menschlicher“, sagte Eiben. Er als Bürgermeister wünschte sich eine Stadt, in der die Menschen füreinander einstehen, in der Unterschiede nicht als etwas Trennendes gesehen werden, sondern als das, was uns menschlich macht. „Und jeder Pride ist ein Statement für Freiheit, Vielfalt und für die Menschlichkeit“, sagte Eiben.
Das betonte auch Timo vom Norder GleichartCafé – einer queeren Gruppe, die es bereits seit 2008 in Norden gibt. „Es ist überwältigend, diese Menge an Menschen und diese Unterstützung in Norden zu sehen“, sagte er. Er sei gerne in Norden zu Hause und damals „nicht in eine Großstadt geflüchtet“. In über 15 Jahren Pride-Bewegung habe er viele schöne Jahre erlebt. Er betonte aber auch: In den letzten Jahren wird es anders. Es gebe viel mehr Übergriffe bei CSDs, viel mehr Gewalt. Wie berichtet, war es auch beim CSD Emden und nach dem CSD Aurich zu solchen Vorfällen gekommen. „Wenn ich für die Community unterwegs bin, bekomme ich zum Teil Reisewarnungen für gewisse deutsche Städte“, sagte Timo. Niemand solle sich aber in einer deutschen Stadt oder auch auf dem Dorf unwohl fühlen müssen oder mit Polizeischutz von der Party zum Hotel begleitet werden müssen, nur weil sie händchenhaltend unterwegs sind. „Das ist eine furchtbare Entwicklung und da müssen wir gegenhalten“, sagte er.
Norder Pride blieb friedlich
Polizeischutz gab es auch in Norden. Zahlreiche Beamte sicherten den Zug ab und begleiteten ihn auf der gesamten Strecke. Vorfälle hat es aber nach Angaben der Polizei weder beim Zug noch im Nachgang gegeben.
Nicht alle Norder schienen begeistert zu sein von dem Zug. Während in der vollen Einkaufsstraße die einen neugierig und begeistert den Demonstranten zusahen, gab es von zahlreichen, vor allem älteren Menschen, aber auch abfällige Bemerkungen über das, was sie dort sahen. Was aber alle gemein hatten: das Interesse an dem Zug. Kaum einer, der nicht sein Handy zückte, um Bilder oder Videos zu machen. Damit dürfte die Community ein Ziel zumindest erreicht haben: Aufmerksamkeit für ihre Sache.