Osnabrück Vom Flüchtling zum Restaurant-Inhaber: Mohammad Kamals neues Leben in Osnabrück
Vom Bürgerkrieg in Syrien zur Selbstständigkeit in Osnabrück: Mohammad Kamal hat die Weinstube Joducus übernommen – und spricht offen über seinen steinigen Weg.
Seit Jahrzehnten ist die Weinstube Joducus eine feste Größe in der Osnabrücker Gastronomie-Landschaft. Das Restaurant in der Kommenderiestraße am Rosenplatz hat seit dem 1. Mai 2025 einen neuen Besitzer: Mohammad „Kamelo“ Kamal. Im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet der 28-Jährige, wie er am Anfang des syrischen Bürgerkriegs geflohen ist und in Deutschland eine neue Heimat gefunden hat.
Als der Bürgerkrieg in Syrien im Jahr 2011 begann, war Kamal 14 Jahre alt. Gelebt hat er in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Rund zwei, drei Monate nach Beginn des Konflikts ist er von dort geflohen.
„Wir mussten wegen der Bombardierungen für mehrere Tage in einen Bunker. Am Ende hatten wir fast kein Essen und kein Trinken mehr.“ Über Details spricht er nicht. Die Situation belastet ihn bis heute psychisch. Er habe sich in Lebensgefahr befunden. Nur durch einen plötzlich aufgetretenen dichten Nebel gelang ihm die Flucht aus dem Bunker. Ohne diesen Wetterumschwung, so glaubt er, hätte er nicht überlebt.
Aus Angst vor der ständigen Bombengefahr entschieden Kamals Eltern, dass er Syrien verlassen soll. Sein Heimatland hinter sich zu lassen, fiel dem jungen Mann damals sehr schwer. Er erinnert sich: An dem Tag, an dem er Syrien verlassen habe, sei das Wetter sehr düster und regnerisch gewesen. „Als ob das Land gesagt hätte, verlass mich nicht.“
Mit seinem Onkel ist er nach Jordanien geflohen, seine Familie blieb derweil noch in Damaskus. In Jordanien wurde er von seiner Tante aufgenommen. Etwa sechs Monate habe er in dem Land im Nahen Osten verbracht. Anfang 2012 floh seine Familie in die Türkei und kam in einem Flüchtlingslager in Gaziantep unter. Um wieder bei seinen Eltern und Geschwistern zu sein, reiste auch er dorthin nach.
Das Leben im Lager empfand Kamal nicht als besonders belastend. Entscheidend sei für ihn gewesen, dass seine Verwandten, Freunde und Bekannten wieder um ihn waren. „Es war wie ein kleines Dörfchen, aber in einer Art Container“, sagt er. „Wie ein Familientreffen. Das hat mir nicht das Gefühl gegeben, dass etwas fehlt.“
Insgesamt hat Kamal rund anderthalb Jahre in dem Flüchtlingslager verbracht. In der Zeit hat er eine Kunstwerkstatt in dem Flüchtlingslager gegründet. „Ich wollte nicht die ganze Zeit auf der Straße verbringen, um Quatsch zu machen. Lieber wollte ich etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anfangen.“
Im Flüchtlingslager begann er wieder mit der Malerei – ein Hobby, das ihn bereits als Kind in Syrien begeistert hatte. Das Management des Lagers wurde darauf aufmerksam und wollte aus seiner Leidenschaft etwas Größeres machen. So leitete Kamal schließlich einen eigenen Kurs. Zwischen 2013 und 2014 fand im Lager sogar eine Ausstellung der entstandenen Bilder und Zeichnungen statt.
In dieser Zeit entstand bei Kamal aber auch der Wunsch, ein eigenes Leben zu führen und gemeinsam mit seiner Familie das Lager zu verlassen. Zunächst arbeitete er in Restaurants und Hotels rund um das Lager. Die Aufgaben seien einfach gewesen, sagt er: „Aufräumen, putzen und so weiter.“ Ein bekannter Augenarzt erkannte jedoch Kamals wahres Potenzial.
Da der junge Syrer mehrere Sprachen sprechen konnte – darunter Arabisch, Türkisch und Englisch – stellte der Arzt ihn als Dolmetscher ein. Außerdem ermöglichte er der Familie eine eigene Wohnung, in der sie bis heute lebt.
Ein großer Wunsch blieb für Kamal jedoch offen: Er wollte studieren. „Ich habe gesehen, wie alle meine Freunde nach Deutschland, Österreich, Großbritannien gegangen sind“, sagt er. „Alle haben angefangen zu studieren – und das wollte ich auch.“ 2016 kam er deshalb nach Deutschland. Seine Unterkunft war in Hagen, heute wohnt er in Osnabrück.
Die Anfangszeit in Deutschland war für Kamal schwer, weil er allein war. Besonders die Familie habe ihm gefehlt. „Ich bin ein totaler Familienmensch“, sagt er. Dazu konnte er seinen Traum, Medizintechnik zu studieren, nicht verwirklichen. Sein Abitur aus der Türkei wurde nicht anerkannt.
Stattdessen machte Kamal eine Ausbildung zum Elektroniker. Parallel zur Ausbildung engagierte er sich ehrenamtlich, unter anderem beim Verein AFAQ e. V. in Münster, der sich für kulturelle und gesellschaftliche Zusammenarbeit einsetzt. 2021 wurde er in den Integrationsrat in Münster gewählt, dem er bis heute angehört. Dort setzt er sich besonders für die Rechte von LGBTQ-Personen ein.
Der Kontakt zur Weinstube Joducus in Osnabrück entstand durch die Schwester des bisherigen Inhabers. Kamal kannte sie von Kulturveranstaltungen aus Münster, bei denen sie sich vor sechs, sieben Jahren begegnet waren – auch die Vorbesitzer kamen aus Syrien. Als der Betreiber aus gesundheitlichen Gründen aufhören wollte, bat er Kamal, eine vertrauenswürdige Nachfolge zu finden. Doch Kamal entschloss sich, die Weinstube selbst zu übernehmen.
Zuvor hatte der 28-Jährige im Restaurant des Schwagers der Familie in Münster gearbeitet. Dort übernahm er organisatorische und administrative Aufgaben. Jetzt der Schritt in die Selbstständigkeit.
Heute sagt er lachend, dass er an Syrien besonders die Sonne vermisse. „In Syrien bin ich geboren, das ist meine Heimat. Aber in Deutschland fühle ich mich zu Hause.“ Die Offenheit der Menschen in Deutschland bedeute ihm viel. „Hier habe ich mein Leben gegründet: meine Arbeit, mein Privatleben. Alles von mir ist hier.“