Osnabrück  Es rumort im Klinikum Osnabrück – Ärzte richten Protest in offenem Brief an Pötter und Rat

Meike Baars
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Von Meike Baars
| 10.10.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Am Klinikum Osnabrück wird gebaut und investiert. Doch Ärzte befürchten, dass der „zukunftsfähig aufgestellte Standort“ zugunsten der Niels-Stensen-Kliniken „systematisch geschwächt“ werden könnte. Foto: Sebastian Dannenberg
Am Klinikum Osnabrück wird gebaut und investiert. Doch Ärzte befürchten, dass der „zukunftsfähig aufgestellte Standort“ zugunsten der Niels-Stensen-Kliniken „systematisch geschwächt“ werden könnte. Foto: Sebastian Dannenberg
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Die Kooperationspläne zwischen Niels-Stensen-Kliniken und Klinikum Osnabrück sind ausgereifter als öffentlich verlautbart. Mitarbeitende des Klinikums protestieren mit einem offenen Brief. Sie fürchten um nicht weniger als die Zukunft ihres Hauses.

Gegen die Krankenhaus-Kooperation im Raum Osnabrück regt sich Widerstand in einem Teil der Mitarbeiterschaft. Mit einem offenen Brief protestieren hochrangige Ärzte des Klinikums Osnabrück gegen die Pläne. Das zweiseitige Schreiben richtet sich an Oberbürgermeisterin Katharina Pötter sowie die Mitglieder des Stadtrates. Es liegt unserer Redaktion vor.

Die Autoren des Briefs befürchten, dass die geplante Aufteilung der Medizinbereiche das Klinikum Osnabrück wirtschaftlich schlechter stellen würde. Unter dem Dach einer Holding soll das Klinikum mit dem Marienhospital und dem Franziskus-Hospital Harderberg verzahnt werden. Träger der beiden katholischen Häuser sind die Niels-Stensen-Kliniken.

In dieser Woche wurde das medizinische Zielkonzept öffentlich, das den Kooperationsplänen zugrunde liegt. Es schlüsselt auf, welche Fachbereiche künftig an welchen der drei Standorte wandern könnten. Der Prozess ist abhängig von Fördermitteln. Dass Stationen umziehen, ist frühestens in einigen Jahren der Fall.  

Bei den Autoren des offenen Briefes stößt das Vorgehen derweil auf massive Kritik: „Hierbei wird unter dem Deckmantel der anstehenden Reformierung der Krankenhausstrukturen in Deutschland der gut und zukunftsfähig aufgestellte Standort am Klinikum Osnabrück zugunsten der Niels-Stensen-Gruppe systematisch geschwächt, sollen doch ein Großteil der im Gesundheitswesen wirtschaftlich attraktiven Fachrichtungen zu den Niels-Stensen-Kliniken wechseln“, heißt es in dem offenen Brief.

Gemeint ist damit zuvorderst die Orthopädie. In diesem Bereich finden viele planbare und lukrative Eingriffe statt, beispielsweise das Einsetzen künstlicher Knie- und Hüftgelenke. Das Gebiet gilt deshalb als Medizinsparte, die verlässlich Gewinn verspricht. 

Die Abteilung Orthopädie soll laut Zielkonzept vom Klinikum abgezogen und am Harderberg gebündelt werden. Damit werde am Klinikum die etablierte Einheit von Unfallchirurgie und Orthopädie zerschlagen, kritisieren die Autoren. „Das wird uns in der Patientenversorgung nicht zuletzt logistisch in das letzte Jahrhundert zurückwerfen.“

Sie befürchten zudem, dass Errungenschaften der Orthopädie am Klinikum verloren gehen könnten. „Die hohe überregionale Kompetenz in der sportorthopädischen und sporttraumatologischen, gelenkerhaltenden und präventiven Medizin am Klinikum würde wegfallen“, heißt es in dem offenen Brief.  

Viele Unterzeichner stammen aus dem Fachbereich Orthopädie und Unfallchirurgie des Klinikums. Es sind aber auch hochrangige Vertreter anderer Medizinbereiche darunter, etwa aus der Radiologie, der Anästhesie und der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie (MKG). Diese Sparte würde nach dem Zielbild ebenfalls am Klinikum geschlossen.

Die Vorwürfe gehen indes noch weiter. Die Autoren befürchten, dass der Kooperationsprozess mit den Niels-Stensen-Kliniken eine Privatisierung des kommunalen Klinikums durch die Hintertür bedeuten könnte. 

„Unsere Einschätzung ist, dass damit die durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen und spekulative Fehlinvestitionen der Vergangenheit hoch verschuldeten Niels-Stensen-Kliniken indirekt auf Kosten des Steuerzahlers saniert werden sollen und der öffentlich-rechtliche Standort am Klinikum immer weiter heruntergewirtschaftet und sozusagen zum Verkauf an private Investoren vorbereitet werden soll.“

Als „spekulative Fehlinvestition“ benennt der offene Brief den Kauf der hochdefizitären Paracelsus-Klinik durch den Niels-Stensen-Verbund 2019. Auch das Klinikum war damals an einem Kauf des Krankenhauses interessiert. Eine fast schon besiegelte Fusion kam aber nicht zustande.   

Die Autoren wägen das Klinikum nun erneut in der Gefahr, einen Deal einzugehen, der nachteilig für das kommunale Krankenhaus wäre und langfristig womöglich das Ende seiner Eigenständigkeit besiegeln könnte. Sie stellen eine Frage in den Raum: „Möchte sich die Stadt durch die vorliegenden Pläne einen geschäftstüchtigen, vermögenden Partner – das Bistum – langfristig sichern und sich des haushaltsbelastenden, lästigen Klinikums entledigen?“ 

Aus Sicht der Autoren hätten die Entscheider auf beiden Seiten bisher nicht nachgewiesen, dass ein Zusammenwachsen in der geplanten Form überhaupt notwendig sei. „Kleine finanzierbare Veränderungen bereits jetzt existierender gut ausgebauter Strukturen erscheinen sinnvoller, als alles auseinanderzureißen und neu aufzubauen. Wer soll das bezahlen?“, fragt der Brief.

Ein weiteres Thema bereitet den Unterzeichnern Bauchschmerzen. Sie nennen das Beispiel der nordrhein-westfälischen Kommune Lippstadt. Nach der Fusion dreier Krankenhäuser zu einem christlichen Klinikum sind dort Schwangerschaftsabbrüche per Dienstanweisung verboten. Medizinische Entscheidungen würden durch kirchliche Vorstellungen beeinflusst, hält der offene Brief fest. Zwischen den Zeilen schwingt eine Befürchtung mit: Könnte dies langfristig auch in Osnabrück passieren?

Im medizinischen Zielbild zumindest ist dies nicht absehbar. Sowohl das Klinikum als auch das Marienhospital behalten danach ihre Gynäkologie und ihre Geburtshilfe. Ohnehin steht eine Fusion der drei hiesigen Krankenhäuser aktuell nicht zur Debatte. Den Autoren und Unterzeichnern des offenen Briefs scheint daran gelegen, dass dies so bleibt.

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