Osnabrück 25 Jahre UWG Osnabrück: Wie die Rebellen aus Voxtrup die Stadt verändert haben
Aus einer Protestbewegung entwickelte sich vor 25 Jahren die Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) Osnabrück. Seit 2006 sitzt sie im Stadtrat – und habe Einiges zum Guten bewirkt, sagt zumindest Wulf-Siegmar Mierke. Der Haudegen der ersten Stunde blickt zurück.
Im Geschäftszimmer der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) Osnabrück sitzen die führenden Köpfe zusammen und sinnieren darüber, was die UWG in 25 Jahren so alles erreicht hat. Und dabei fallen ihnen nur Dinge ein, „wo die UWG im Nachhinein recht hatte“, wie es einer aus der Runde sagt: Kartbahn, Bundesgartenschau, Brecheranlage Limberg. Alles Dinge, die später als wenig „zielführend“ eingestuft wurden – um ein Lieblingswort von UWG-Urgestein Wulf-Siegmar Mierke zu zitieren.
Es waren Bürgerinnen und Bürger aus Voxtrup, Schinkel, Düstrup, Lüstringen, Gretesch, die sich vor einem Vierteljahrhundert im Kampf um das Freibad an der Wellmannsbrücke zusammenfanden. Das Schwimmbad, wo auch die Kinder von Wulf-Siegmar Mierke schwimmen lernten, sollte einem Auto-Parkhaus der Firma Egerland weichen. Die Rebellen gingen auf die Straße, organisierten Menschenketten und Bürgerversammlungen. Doch der damalige Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip (SPD) und der Stadtrat ließen sich nicht erweichen.
Die Köpfe der Bürgerinitiative kamen zu der Erkenntnis, dass Protest nicht reicht. Wer etwas bewirken wolle, müsse selbst Politik machen, sagten sie sich, und riefen die Unabhängige Wählergemeinschaft ins Leben. Mit durchschlagendem Erfolg: Beim ersten Auftritt, den Ortsratswahlen in Voxtrup 2001, holten die Unabhängigen 18,48 Prozent. Wulf-Siegmar Mierke zog in den Stadtrat ein – und sollte seinen Sitz seither nicht mehr abgeben.
Voxtrup ist die Hochburg der UWG. Dort lag die Keimzelle, dort leben der Ehrenvorsitzende Wolfgang Düsing und Langzeit-Ratsherr Wulf-Siegmar Mierke. In keinem anderen Stadtteil findet die UWG ähnlich großes Rückhalt.
Doch die UWG versteht sich nicht als Interessenvertretung Voxtrups oder der östlichen Stadtteile. Es geht ihr erklärtermaßen ums Ganze: „Wir orientieren uns nicht an Parteipolitik, sondern immer an der Sache“, beteuert Vorstandsmitglied Agnes Kunze-Beermann. Und alle anderen Vorstandsmitglieder nicken.
Sie sitzen am großen Tisch in der Geschäftsstelle an der Bierstraße, die sich die UWG mit der FDP-Fraktion teilt. UWG und FDP bilden im Rat eine Gruppe – wobei die Unabhängigen auf ihre Unabhängigkeit pochen: „Ich habe von Anfang an klargemacht, dass ich mich keinem Zwang beuge, sondern immer nach meinem Gewissen und nach der Faktenlage abstimme“, sagt Mierke.
Diese Unabhängigkeit öffnet Spielräume. Mierke und seine UWG wandelten in den 19 Jahren Ratsangehörigkeit oft zwischen den politischen Welten. Anfangs verbündete sich der UWG-Einzelkämpfer mit dem Vertreter der Piratenpartei. Es waren wohl weniger inhaltliche Übereinstimmungen, die die beiden zusammenführte, als die Einsicht, dass sich mit dem Gruppenstatus mehr erreichen lässt. Eine Gruppe hat Anspruch auf Büro, eine hauptamtliche Teilzeitstelle und Mitsprache in den Ausschüssen.
Zwischenzeitlich erreichte die UWG sogar Fraktionsstatus mit fünf Mandaten. Mitte 2021 sagten sich zwei Frauen von der SPD-Fraktion los und bildeten die Gruppe „Bürgernah und sozial“ (Bus). Zeitgleich rebellierten zwei Mandatsträger vom Bund Osnabrücker Bürger (BOB) und firmierten als „Unabhängige Fraktion Osnabrück“ (UFO). Und so raufte sich eine bunte Truppe zur UWG/UFO/Bus-Frakion zusammen. Bei der Kommunalwahl ein halbes Jahr später fielen UFO und Bus durch und verschwanden von der Bildfläche. Gehalten hat sich nur die UWG.
Ausdauer, Beständigkeit, Verlässlichkeit: Das sind denn auch Eigenschaften, mit denen sich die UWG selbst gern schmückt und nicht zuletzt der Person Mierke zuschreibt. Aber Mierke sagt auch: Manchmal sei die politische Arbeit „zermürbend“. Wie beim Thema Neumarkt. Dieses jahrelange Ringen, diese vielen Rückschläge, die laute und manchmal unfaire Kritik – das alles habe auch dazu beigetragen, dass es ihn gesundheitlich aus der Bahn geworfen hat.
Inzwischen ist er wieder fit und fleißig wie eh und je. Aber am Ende dieser Legislaturperiode will sich der 71-Jährige zurückziehen. Spitzenkandidat bei der Kommunalwahl im September 2026 soll der 31-jährige Hannes Janott werden. An Programm und Personaltableau werde in den kommenden Monaten intensiv gearbeitet, sagt er.
Klar ist: Die Unabhängigen wollen weiter „die Gallier Osnabrücks“ (Mierke) sein. So habe es die UWG gehalten, als sich die Mehrheit im Stadtrat von den Heilsversprechungen über die Kartbahn habe blenden lassen, die sich in der Tat später als Verlustbringer entpuppte. So habe die UWG bei den riskanten Finanzgeschäften der Stadt, beim Schuldenmachen oder beim Anknabbern der grünen Finger stets mahnend den Finger gehoben.
Und so werde die UWG auch beim geplanten Neubau des Stadtions an der „Bremer Brücke“ sehr genau hinschauen. Die UWG werde sich nicht, wie Mierke versichert, von Strömungen oder Emotionen leiten lassen. Sondern: „Es zählen nur Fakten und die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger.“