Kiel Günther, Touré, Habeck über fünf Jahre hinweg interviewt: Exklusive Buchauszüge
Wie verändern politische Macht oder sportliche Höhenflüge einen Menschen? shz-Redakteur Kay Müller und Fotograf Sven Zimmermann haben für ein Buchprojekt mehrere bekannte Norddeutsche über Jahre hinweg interviewt. Hier sind exklusive Auszüge aus dem neuen Buch „Küstenkonturen“.
Kay Müller, landespolitischer Korrespondent bei NOZ/mh:n Medien, und Fotograf Sven Zimmermann haben seit 2021 in jedem Jahr 15 berühmte Menschen aus Schleswig-Holstein interviewt und fotografiert. Die Persönlichkeiten berichten über Höhepunkte und Niederlagen in ihrem Leben und ziehen unterschiedliche Bilanzen. Im Buch „Küstenkonturen“ sind ihre Geschichten nun nachzulesen.
Zu den Protagonisten des Buchprojekts gehört beispielsweise Ex-Vizekanzler Robert Habeck (Grüne), der darin losgelöst vom Alltagsgeschäft einen Blick wirft auf sich selbst, die Mechanismen der Macht und den Unterschied zwischen Berlin und Kiel. Seit 2021 steht er für Gespräch und Foto zur Verfügung, um die Veränderungen deutlich zu machen.
Schon gleich im ersten Interview im Jahr 2021, als Habeck noch Grünen-Chef und kein Kanzlerkandidat ist, sagt er: „Politik ist ganz klar auch ein Geschäft der Eitelkeiten. Ich erhoffe mir für die Dinge, die ich tue, Anerkennung. Die öffentliche Wahrnehmung ist die Münze, mit der in der Politik abgerechnet wird.“ Im Nachhinein erklärt das vielleicht, was ihn zum Ausstieg aus der Politik nach der verlorenen Bundestagswahl 2025 bewegt hat.
Und Habeck ist mit der Einschätzung nicht allein. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sagt im März 2021: „Robert ist ein Alpha-Tier, ein absoluter Überzeugungs-Politiker, der bestimmte Ideale hat, die er durchsetzen will. Mir war schon hier im Kabinett klar, dass er irgendwann nach Berlin gehen wird. Robert steht alles offen.“
Drei Jahre später ist er Bundeswirtschaftsminister, nicht mehr Grünen-Chef und nun schon einige Jahre fort aus Kiel. Er schätzt die Heimat: „In Schleswig-Holstein sind die Wege kürzer, man kann Konflikte leichter ausräumen und vielleicht sind die Menschen auch klarer als im politischen Berlin. Dort gibt es ein permanentes nervöses Flimmern, Berichterstattung auf allen Kanälen in Echtzeit, den Sog – auch für Politiker – durch Zuspitzung Aufmerksamkeit zu erregen.“
Für Daniel Günther war und ist es vermutlich immer noch möglich, nach Berlin zu gehen, doch in mehreren Interviews aus den vergangenen Jahren wiegelt der CDU-Politiker ab. „Nach Berlin zieht mich nichts. Wenn ich da zwei Tage war, habe ich immer das Gefühl, ich hätte alles gesehen.“
Überhaupt hebt Günther in den Gesprächen den für ihn hohen Stellenwert des Familienlebens hervor: „Die Einschulung meiner Tochter war durch nichts zu toppen. Natürlich ist eine Landtagswahl wichtig und ich habe mich sehr über das großartige Ergebnis der CDU gefreut. Aber der erste Schultag meiner Tochter war viel emotionaler.“
Eine Führungsrolle in der Schule seiner Tochter könne er sich dagegen nicht vorstellen: „Ich traue mir wirklich zu, die schwierigsten Verhandlungen zu leiten, aber an eine Elternvertretung würde ich mich nicht ran wagen. Das würde ich weder inhaltlich noch zeitlich schaffen. Und es ginge auch nicht, weil mich dann andere Eltern zu Recht ansprechen würden, ob ich mich nicht mal um dieses oder jenes Problem kümmern kann. Aber wenn ich das dann täte, hieße es: ‚Da passiert jetzt nur was, weil die Kinder des Ministerpräsidenten was davon haben.‘ Deswegen halte ich mich da total zurück.“
Der politische Betrieb ist für Mütter schwierig, findet die schleswig-holsteinische Sozialministerin Aminata Touré (Grüne). Sie zweifelte schon 2021 an der Vereinbarkeit von Politik und Nachwuchs: „Wenn man ein Mensch wie ich ist, der immer alles zu 100 Prozent machen will, dann weiß ich, wer wegfällt, wenn ich alles unter einen Hut bringen will – und das wäre ich selbst.“ Auch fünf Jahre später sieht sie eine mögliche Mutterrolle während des Mandats kritisch.
In die Politik ging sie auch als Reaktion auf ihre Kindheit in einer Flüchtlingsunterkunft – als manche davon Ziel von rassistischen Anschlägen wurden: „Meine Mutter hat sich 1992 als ich geboren wurde, eine Leiter gekauft, weil sie Angst hatte, dass wir angezündet werden, und dass wir zur Not über die Leiter aus dem Fenster fliehen können. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es hier Leute gibt, die so hart hassen, dass sie bereit sind, Menschen zu verbrennen. Und ich empfinde es bis heute als meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich das Feuer nicht ausbreitet.“
Küstenkonturen – 15 Persönlichkeiten aus Schleswig-Holstein über 5 Jahre porträtiert von Sven Zimmermann und Kay Müller, Charles Verlag, Hamburg, Großbuch, 344 Seiten, 49 Euro.