Osnabrück Geheimer Plan von Niels-Stensen und Klinikum Osnabrück: So wollen sie die Medizin aufteilen
Für das Zusammenwachsen der drei Krankenhäuser im Raum Osnabrück liegt ein ausgereifter Entwurf schon in der Schublade. Wie könnten medizinische Abteilungen zwischen den Kliniken aufgeteilt werden? Ein Blick auf das Zielkonzept “Variante 3b”.
Der Name des Entwurfs kommt schlicht und schnörkellos daher: „Zielkonzept Variante 3b“. Dahinter verbirgt sich ein Schaubild, das nicht weniger skizziert als die mögliche Zukunft der drei Krankenhäuser im Raum Osnabrück.
Es handelt sich um einen Plan von enormer Tragweite. Wird er in einigen Jahren umgesetzt, prägt diese Entscheidung, mit welchen Krankheiten Menschen in der Stadt Osnabrück und im Umkreis künftig in welchem Krankenhaus behandelt werden – und in welchem nicht mehr. Zudem betrifft er insgesamt rund 10.000 Mitarbeitende in den drei Häusern.
Nach Informationen unserer Redaktion gilt dieser Plan inzwischen als richtungsweisend für die laufenden Kooperationsgespräche zwischen dem städtischen Klinikum und den katholischen Niels-Stensen-Kliniken (NSK). Er ist deutlich ausgereifter, als die Geschäftsführungen bisher verlautbart haben. Bei dem Entwurf handelt es sich um ein internes Dokument, das unserer Redaktion vorliegt.
Mitte September machten Niels-Stensen-Kliniken und Klinikum Osnabrück gemeinsam öffentlich, dass das Klinikum und zwei NSK-Häuser, das Marienhospital Osnabrück sowie das Franziskus-Hospital Harderberg, künftig eng kooperieren sollen. Es gehe darum, das „medizinische und pflegerische Angebot in der Region auf Niveau der Maximalversorgung langfristig” zu sichern und zukunftsfähig aufzustellen, hieß es.
Die medizinische Arbeit sollen die drei Häuser so unter sich aufteilen, dass jedes Haus klare Schwerpunkte bildet. Teure Doppelstrukturen sollen wegfallen. Das Krankenhaus nicht mehr als Gemischtwarenladen, sondern als Fachhandel. So lautet – sehr vereinfacht ausgedrückt – das Ziel.
Grundzüge des „medizinischen Zielbildes“ wurden in der entsprechenden Pressemitteilung angerissen. So viel erfuhr die Öffentlichkeit: Das Klinikum soll die übergreifende Notfallversorgung für die Region übernehmen, am Marienhospital werden Krebstherapien gebündelt, das Franziskus soll einen orthopädischen Schwerpunkt bekommen.
Dass in der Schublade der Entscheider aber bereits eine ziemlich detaillierte Blaupause dafür liegt, welches Haus künftig welche medizinischen Abteilungen beherbergen könnte, verschwieg die Mitteilung. Mit dem Zielkonzept „Variante 3b“ wird dies aufgeschlüsselt.
So würde das Klinikum nach dem Entwurf das Gros der medizinischen Notfälle behandeln, darunter alle in der höchsten Versorgungsstufe: schwerstverletzte Unfallopfer etwa. Es bekommt zudem den Zuschlag für den Bereich Neuromedizin. Darunter fallen die Fachgebiete Neurologie, die Stroke Unit für Schlaganfallpatienten und die Neurochirurgie, wo Menschen am Gehirn oder am Nervensystem operiert werden.
Mit der Verortung am Klinikum würde die seit vielen Jahren andauernde Konkurrenz zwischen Niels-Stensen-Verbund und Klinikum um Patienten, Fachpersonal und Versorgungsaufträge in der Neuromedizin beigelegt. Mit dem Kauf der Paracelsus-Klinik 2019 hatten sich die Niels-Stensen-Kliniken deren Neuromedizin einverleibt, damit allerdings ein insgesamt höchst defizitäres Haus erworben. Zu Beginn des Jahres war die Neuromedizin des Marienhospitals vom alten Standort am Natruper Holz an den MHO-Hauptsitz in der Innenstadt gezogen.
Zur Neurochirurgie zählt klassischerweise auch die Wirbelsäulenchirurgie. Dieser Teilbereich wiederum wird von Klinikum und Marienhospital jeweils abgezogen und würde laut Zielbild an den orthopädisch geprägten Standort des Franziskus-Hospitals (FHH) gehen.
Das Klinikum behält im Bereich Innere Medizin die Abteilungen für Herzerkrankungen (Kardiologie), die Lungenheilkunde (Pneumologie) und die Gastroenterologie für Patienten mit Erkrankungen des Bauchraums. Auch eine Station für Gynäkologie und Geburtshilfe bleibt laut Plan am Klinikum.
Die Geriatrie als Station für hochbetagte Patienten ist ebenfalls weiter dort angesiedelt. Zudem bleiben die Abteilungen für Unfallchirurgie und Gefäßchirurgie. Dafür wandern die Allgemein-, die spezielle Bauchraum- und die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie ans MHO ab. Zudem würde das Klinikum die Bereiche Krebsbehandlung, Palliativmedizin (beide MHO) und Orthopädie (künftig FHH) ziehen lassen.
Als „onkologischer Standort“ würde das Marienhospital laut Zielbild den Großteil der Krebsbehandlungen übernehmen. Das betrifft etwa Brust- oder Blutkrebsbehandlungen. Ob auch die Lungenkrebstherapie dorthin geht, ist laut Konzept denkbar, vorerst ist sie am Standort Harderberg angesiedelt. Auch eine Station für Palliativmedizin ist am MHO vorgesehen. Die vormalige Palliativstation wurde erst diesen Sommer geschlossen.
Am Marienhospital würde es dem Plan nach weiterhin einen Kreißsaal und eine gynäkologische Station geben. In Kooperation mit dem benachbarten Christlichen Kinderhospital Osnabrück beherbergt das MHO zudem weiterhin das sogenannte Perinatalzentrum Level 1, in dem Risikogeburten und extreme Frühchen versorgt werden können. Auch eine erweiterte Notfallversorgung in der Notaufnahme würde das MHO demnach weiterhin als Leistung erbringen.
Im Bereich Innere Medizin bleiben eine kardiologische und eine gastroenterologische Station. Auch die Augenheilkunde und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte bieten ihre Leistungen weiter am MHO an. Die spezielle Bauchchirurgie wird außerdem am Marienhospital verortet. Laut Zielbild könnte das MHO der „Robotik-Standort“ im Verbund der drei Häuser werden, wo mithilfe eines OP-Computers hochpräzise Eingriffe erfolgen.
Das Franziskus-Hospital auf Georgsmarienhütter Stadtgebiet und damit offiziell im Landkreis gelegen, würde künftig Orthopädie-Schwerpunkt für den Raum Osnabrück. Die beiden großen Osnabrücker Kliniken hätten dieses oftmals finanziell einträgliche Teilgebiet laut „Variante 3b“ nicht mehr im Angebot.
Die bisher am Harderberg beheimateten onkologischen Abteilungen würden ans MHO ziehen. Ausnahme womöglich: die Lungenkrebsbehandlung. Die gynäkologische Station im Franziskus würde schließen. Eine Geburtshilfe gibt es dort schon seit Herbst 2024 nicht mehr. Es gäbe weiterhin eine Notfallbehandlung auf Basisniveau.
In der vergangenen Woche wurde der Entwurf „Variante 3b“ nach übereinstimmenden Informationen aus Arztkreisen als jenes Zielkonzept genannt, das für die geplante Kooperation zwischen Klinikum und den Niels-Stensen-Häusern von nun an handlungsleitend sei. In Stein gemeißelt, so wurde kolportiert, sei aber keine der Entscheidungen. Ob der Weg beschritten werden kann, ist auch von Investitionen durch Bund und Land abhängig. Andere „medizinstrategische Varianten“ verwarfen die Entscheider demnach vorerst.
Das favorisierte Zielbild wiederum ist im sogenannten „Letter of Intent“ festgehalten, den der Osnabrücker Stadtrat in seiner letzten Sitzung abgesegnet hat. In der Absichtserklärung bekräftigen beide Klinikträger und ihre Aufsichtsgremien, sich im Raum Osnabrück zusammentun zu wollen.
Vorbereitet und angetrieben hat dieses Vorhaben ein Gremium, das sich Lenkungsausschuss nennt und seit vielen Monaten regelmäßig trifft. Darin kommen Spitzenvertreter beider Aufsichtsräte zusammen, darunter Oberbürgermeisterin Katharina Pötter für das Klinikum und Weihbischof Johannes Wübbe für das Bistum. Beraten wird das Gremium von den Geschäftsführungen beider Träger.
Klären müssen die Verantwortlichen nun, welchen rechtlichen Rahmen die künftige Klinik-Kooperation bekommt. Anvisiert sein soll bisher, eine Holding zu gründen, die strategisch das Zusammenwachsen vorantreibt. Unter ihrem Dach sollen die drei Häuser – Stand jetzt – rechtlich eigenständig bleiben. Welche Mehrheitsverhältnisse in der Dachgesellschaft herrschen sollen und wer sie führen darf, wird Gegenstand von Verhandlungen in den kommenden Monaten sein.
In diesen Verhandlungen legen die Geschäftsführungen beider Träger erstmals ihre Bilanzen voreinander offen. Dieser Blick in die Betriebsgeheimnisse der vormaligen Konkurrenz werde erst durch den „Letter of Intent“ möglich, hört unsere Redaktion aus informierten Kreisen. Begleitet wird der Prozess von der Agentur „Borchers und Partner“ aus Münster, einer auf den Gesundheitssektor spezialisierten Beratungsfirma.