Bersenbrück Wie Russlanddeutsche wirklich denken – Buchautorin Ira Peter über AfD und Integration
Autorin Ira Peter liest in Bersenbrück aus ihrem Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“. Sie erklärt, warum die AfD in Siedlungen, in denen viele Russlanddeutsche leben, besonders stark ist. Zugleich macht sie deutlich, dass die große Mehrheit der Russlanddeutschen diese Partei nicht wählt.
Sie wuchs in Kasachstan auf, kam 1992 nach Deutschland und lernte früh, was es heißt, zwischen zwei Welten zu leben. Heute gehört Ira Peter zu den bekanntesten Stimmen der russlanddeutschen Community. In ihrem Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ erzählt sie von Identität, Klischees – und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit.
Am 10. Oktober (19 Uhr) liest Ira Peter im Medienforum Bersenbrück, am 21. November (19 Uhr) in der Theaterwerkstatt Quakenbrück. Die Veranstaltungen thematisieren ein Milieu, das oft pauschal beurteilt wird: die Russlanddeutschen – rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland, über deren politische Haltung und kulturelle Prägung viele Missverständnisse kursieren.
Ira Peter will aufklären, ohne zu beschönigen. Sie beschreibt, warum ein Teil der Russlanddeutschen für rechtspopulistische Botschaften empfänglich ist, die große Mehrheit jedoch längst integriert lebt und demokratisch denkt. Im Interview spricht sie über persönliche Erfahrungen, den Einfluss russischer Medien und darüber, was Vertrauen in eine offene Gesellschaft für sie bedeutet.
Frage: Frau Peter, Ihr Buch heißt „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“. Was war der Auslöser, es zu schreiben?
Antwort: Der Impuls kam von außen: Eine Berliner Literaturagentur wurde auf meine Texte bei „Zeit Online“ aufmerksam und ermutigte mich, daraus ein Buch zu machen. Ich hätte mich das selbst wohl nicht getraut – aber das Interesse war groß, inzwischen ist bereits die dritte Auflage erschienen. Auslöser war ein Text von 2022 über das Gefühl, nie „deutsch genug“ zu sein. Die Resonanz war enorm, viele Leserinnen und Leser erkannten sich darin wieder. Da wusste ich: Es ist höchste Zeit, dass wir in Deutschland endlich über Russlanddeutsche sprechen – nicht über sie hinweg, sondern mit ihnen.
Frage: Sie sind als Kind aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Welche Erfahrungen haben Sie besonders geprägt?
Antwort: Sehr prägend war der Wechsel aufs Gymnasium. Obwohl ich akzentfrei Deutsch sprach und gute Noten hatte, wurde ich immer wieder gefragt: „Wo kommst du eigentlich her?“ Einmal, auf dem Kindergeburtstag eines Mitschülers, nannte mich ein Junge aus Provokation „Russin“. Ich bin in Buchen im Norden von Baden-Württemberg aufgewachsen und fühlte mich dort oft nicht ganz zugehörig – nicht ausgeschlossen, aber eben auch nie ganz angekommen.
Frage: Welche Vorurteile begegnen Russlanddeutschen bis heute am häufigsten?
Antwort: Am hartnäckigsten hält sich die Annahme, Russlanddeutsche wählten mehrheitlich die AfD oder stünden auf der Seite Russlands. Die Forschung zeigt jedoch, dass rund 20 bis 30 Prozent AfD wählen oder prorussische beziehungsweise neutrale Haltungen zeigen – die große Mehrheit tut das nicht.
Antwort: Und dann gibt es noch alte Stereotype aus den neunziger Jahren, etwa den sogenannten „deutschen Schäferhund“. Politiker sprachen damals spöttisch davon, Russlanddeutsche hätten „höchstens einen deutschen Schäferhund, aber seien keine echten Deutschen“. Solche Zuschreibungen haben sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt und wirken bis heute nach.
Frage: In der Samtgemeinde Bersenbrück leben viele Russlanddeutsche. Was bedeutet Ihnen die Lesung hier?
Antwort: Mir ist es wichtig, auch Russlanddeutsche selbst zu erreichen. Viele kennen ihre Familiengeschichte kaum – die Deportationen, Enteignungen und Repressionen, die ihre Vorfahren in der Sowjetunion erlebt haben. Wer das versteht, blickt auch anders auf das heutige Russland, das diese Verbrechen leugnet und Stalin wieder als Helden feiert. Ich hoffe, dass meine Lesung Menschen anregt, sich mit ihrer Geschichte bewusster zu beschäftigen – als Teil der deutschen Erinnerungskultur und nicht als Randthema.
Frage: Was halten Sie von Projekten wie der Bersenbrücker Ausstellung „Brücken der Erinnerung“, die die Geschichte der Russlanddeutschen in unserer Region beleuchtete?
Antwort: Solche Projekte sind wichtig, weil sie Wissen und Anerkennung schaffen. In den neunziger Jahren wurde kaum erklärt, wer Spätaussiedler sind und warum sie mit deutschem Pass aufgenommen wurden. Ausstellungen wie diese holen die Geschichte in die Gegenwart und zeigen: Russlanddeutsche sind keine homogene Gruppe, sondern Teil der vielfältigen deutschen Gesellschaft.
Frage: In Schule und Arbeitsmarkt gelingt die Integration laut dem Bersenbrücker Samtgemeindebürgermeister Michael Wernke gut. Laut Wernke ist die Teilhabe in Feuerwehr oder Schützenverein schwieriger. Warum ist das aus Ihrer Sicht so?
Antwort: In meiner Generation ist vieles längst selbstverständlich durchmischt, doch in der ersten Generation war gesellschaftliche Teilhabe schwer. Viele kamen mit Kindern, wenig Geld und ohne Sprachkenntnisse. Sie arbeiteten hart, hatten mehrere Jobs, zogen Kinder groß – und hatten kaum Zeit oder Kraft, zusätzlich in Vereinen aktiv zu werden. Zugleich fühlten sich viele anfangs nicht willkommen. Heute braucht es gezielte Begegnungsmöglichkeiten – Dorftreffs, gemeinsame Feste oder Erzählcafés. Aus solchen Begegnungen entsteht Vertrauen, und aus Vertrauen wächst Engagement.
Frage: In Orten wie Gehrde und Bersenbrück erzielte die AfD auffällig hohe Ergebnisse, insbesondere in Bereichen mit einem hohen Anteil russlanddeutscher Familien. Wie deuten Sie das?
Antwort: Dieses Muster zeigt sich bundesweit: In Siedlungen, in denen viele Russlanddeutsche leben, erzielt die AfD überdurchschnittliche Ergebnisse. Das liegt einerseits an ihrer gezielten Ansprache. Sie hat früh russischsprachige Wahlprogramme veröffentlicht und aktiv um Russlanddeutsche geworben – nicht nur als Wähler, sondern auch als Kandidaten.
Antwort: Andererseits spielen emotionale Faktoren eine Rolle: der Wunsch nach Stabilität, das Bedürfnis nach Anerkennung, manchmal auch die Angst, das Erreichte zu verlieren. Die AfD nutzt solche Stimmungen geschickt für sich. Trotzdem gilt: Die große Mehrheit der Russlanddeutschen steht fest auf dem Boden der Demokratie, engagiert sich gesellschaftlich und politisch – und wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu Unrecht auf eine Minderheit reduziert.
Frage: Gut integrierte Russlanddeutsche aus Gehrde berichteten unserer Redaktion, dass in Teilen der Community noch immer viele russische Medien wie „Russia Today“ (RT) genutzt werden. Wie erklären Sie diese Bindung?
Antwort: Es gibt einen kleinen Teil der russlanddeutschen Community, der weiterhin russische Medien konsumiert, darunter auch staatlich gelenkte Angebote aus Russland. Das liegt zum Beispiel an der sprachlichen und kulturellen Prägung jener Generation, die in der Sowjetunion mit der Imperialsprache Russisch aufgewachsen ist und sich nach der Ankunft in Deutschland zunächst und heute wieder in russischsprachigen Informationsräumen bewegt. Diese vermitteln Nähe und leider auch ein verzerrtes Weltbild.
Antwort: Russische Staatsmedien arbeiten gezielt mit Emotionen: Sie schüren Angst vor einer angeblichen „Islamisierung Europas“, hetzen gegen queere Menschen und verklären „traditionelle Werte“, Begriffe, die an Erinnerungen von Stabilität, Ordnung und Familie anknüpfen sollen. Wer sich in Deutschland fremd fühlt, vertraut vielleicht eher solchen Darstellungen. Aber: Viele aus meiner Generation können kaum Russisch. Sie informieren sich ganz selbstverständlich über deutsche oder internationale Medien, engagieren sich politisch und sind fest in der Gesellschaft verankert.
Frage: Was müsste passieren, damit Russlanddeutsche stärker Vertrauen in Institutionen entwickeln – und sich zugleich in die Gesellschaft einbringen, ohne ihre Traditionen zu verlieren?
Antwort: Vertrauen wächst, wenn Menschen das Gefühl haben, gehört und ernst genommen zu werden – nicht, wenn allein über sie gesprochen wird, sondern auch mit ihnen. Viele Russlanddeutsche wünschen sich Wertschätzung für ihre Lebensleistung: Sie kamen in ein fremdes Land, haben gearbeitet, Familien gegründet, Steuern gezahlt und doch werden sie oft noch als „die Anderen“ gesehen.
Antwort: Institutionen sollten stärker zeigen, dass Russlanddeutsche Teil dieser Gesellschaft sind – durch Beteiligung in Beiräten oder sichtbare Vorbilder in Politik oder Verwaltung. Integration bedeutet nicht, die eigene Herkunft aufzugeben, sondern sie als Bereicherung zu leben. Wenn Zugehörigkeit selbstverständlich wird, entsteht Vertrauen – und daraus gesellschaftliche Teilhabe.