Hamburg Wehrpflicht-Debatte: Schüler aus Niedersachsen will lieber „von Putin beherrscht werden“
Deutschland will die Bundeswehr wieder stärken – doch auf welchem Weg soll das passieren? Das war Thema in der ARD-Show „Die 100 – was Deutschland bewegt“. Hier hatte ein Schüler aus Niedersachsen allerdings eine Haltung, die bei vielen anderen Showgästen auf Gegenwind stieß.
In der Debatte um die mögliche Einführung einer Wehrpflicht hat ein Schüler aus Niedersachsen in der ARD-Sendung „Die 100 – was Deutschland bewegt“ mit einer Aussage über Kremlchef Wladimir Putin für Aufsehen gesorgt.
Von Moderator Ingo Zamperoni am Montag gefragt, was der 18-Jährige von einer Wehrpflicht halte, sagte er: „Ich habe keine Lust auf Wehrpflicht. Ich möchte nicht mein Leben opfern für Landesgrenzen und für Herrschaftsgebiete.“
Als Zamperoni nachhakte, was wäre, wenn das Land angegriffen würde, entgegnete der Schüler aus Hannover: „Dann würde ich es nicht verteidigen wollen. [...] Im Krieg leben ist deutlich schlimmer, als in der Herrschaft von Putin zu leben. Deswegen würde ich auch lieber in Deutschland von Putin beherrscht werden, als im Krieg zu sein.“ Auf den letzten Satz folgte großes Raunen von den Wehrpflicht-Befürwortern, aber auch vereinzelter Applaus von Wehrpflicht-Gegnern.
Zwei Studenten wollten diese Aussage nicht so stehen lassen. Ein 20-jähriger aus Ostholstein erinnerte an das Massaker in der ukrainischen Stadt Butscha, bei dem Hunderte Zivilisten starben und das zum Sinnbild russischer Kriegsverbrechen im Ukraine-Krieg geworden ist. Ein Leben unter der Putin-Herrschaft kommt für ihn deshalb nicht infrage. „Ich bin ehrlich und ich glaube, das teilen hier viele mit mir: Da war ich über die Aussage einfach nur sprachlos.“
Als der Schüler nochmal zu Wort kam und angesichts der ukrainischen Ländergrenzen meinte, dass neben der ukrainischen auch die russische Haltung angehört werden müsse, warf ihm ein anderer Student Opfer-Täter-Umkehr vor. „Putin macht einen Angriffskrieg – und das ist völkerrechtswidrig“, stellte der 23-Jährige aus Leverkusen klar. Auch könne man die Wehrpflicht nicht damit gleichsetzen, was Putin im Ukraine-Krieg macht. Bei der Wehrpflicht gehe es darum, Freiheit und Menschenrechte zu verteidigen. „Das ist echt hanebüchen“, ordnet der Student die Ausführungen des Schülers für sich ein.
Um Deutschland für den Ernstfall wieder verteidigungsfähig zu machen, arbeitet die Bundesregierung derzeit an der Einführung eines neuen Wehrdienstes. Der Gesetzentwurf von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sieht zunächst eine Freiwilligkeit vor. Sofern die „verteidigungspolitische Lage dies erfordert“, solle mit Zustimmung des Bundestags aber auch eine verpflichtende Heranziehung möglich sein. Vor allem vonseiten der Union gibt es aber Skepsis, ob die Bundeswehr auf diesem Weg ausreichend und schnell wachsen kann.
Die für diese Woche geplanten Beratungen über den Gesetzentwurf wurden nach Angaben von SPD und Union deshalb um eine Woche verschoben. Von der Tagesordnung des Bundestages verschwand der Punkt zunächst wieder.
Die Wehrdienst-Pläne verfolgen das Ziel, die Bundeswehr um rund 80.000 aktive Soldaten zu stärken. Verpflichtende Musterungen für 18-jährige Männer sollen dem Entwurf nach Anfang 2027 eingeführt werden.