Osnabrück  Boris Pistorius: „Wir dürfen Russland nicht auf den Leim gehen“

Ralf Döring
|
Von Ralf Döring
| 07.10.2025 06:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Souveräner Politiker, glaubwürdiger Mensch: Boris Pistorius, deutscher Verteidigungsminister und überzeugter Osnabrücker, stellt im Theater den Foto- und Interviewband „Aufbruch“ der Fotografin Herlinde Koelbl vor. Foto: Steve Weber
Souveräner Politiker, glaubwürdiger Mensch: Boris Pistorius, deutscher Verteidigungsminister und überzeugter Osnabrücker, stellt im Theater den Foto- und Interviewband „Aufbruch“ der Fotografin Herlinde Koelbl vor. Foto: Steve Weber
Artikel teilen:

Ihr neuestes Buch mit Bildern und Interviews hat die Fotografin Herlinde Koelbl Boris Pistorius gewidmet. Und weil der Verteidigungsminister überzeugter Osnabrücker ist, haben die beiden das Buch, zusammen mit dem Journalisten Michael Bröcker, im Theater Osnabrück vorgestellt.

Der hintere Bereich des Theaters am Domhof ist Sperrgebiet. Zum Bühneneingang oder in die Kantine kommt niemand hinein, der sich nicht mit Name und Geburtsdatum akkreditiert hat, kein Schauspieler, kein Intendant, kein Techniker. Vor dem Theater, auf dem Platz der Deutschen Einheit, demonstrieren gleichzeitig sehr friedlich um die dreißig Männer und Frauen; „Frieden schaffen ohne Waffen“ steht auf Transparenten; ein kleines Flugblatt titelt, „Boris: Wir verweigern Dir unsere Kinder und Enkel.“

Gemeint ist Boris Pistorius, der deutsche Verteidigungsminister. In einer gemeinsamen Veranstaltung des Literaturbüros Westniedersachsen und des Theaters Osnabrück stellt er im ausverkauften Haus am Domhof das Buch „Aufbruch“ von Herlinde Koelbl vor. Und beim Verteidigungsminister herrschen höchste Sicherheitsvorkehrungen im Theater, Taschenkontrolle und Sicherheitsleute an den Türen zum Zuschauerraum inklusive.

Die Fotografin hat Pistorius begleitet, hat ihn in seinem Büro aufgesucht, ihn auf Reisen zu den Bundeswehrsoldaten in Litauen und im Irak begleitet, ihn fotografiert und interviewt. So ausführlich, dass Moderator Michael Bröcker sinngemäß sagt, Koelbl habe keine Frage ausgelassen, die er nicht auch stellen würde, und Fragen, für die er dankbar wäre, wenn sie ihm einfielen.

Anders gesagt: Das Buch zeigt den Verteidigungsminister aus dem Schinkel nicht nur umfassend im Bild; er kommt auch so ausführlich zu Wort, dass eigentlich alles gesagt ist. Umso mehr spricht es für alle Beteiligten auf der Bühne – Koelbl, Bröcker und Pistorius –, dass aus der Buchpräsentation ein im besten Sinne unterhaltsamer Abend wurde. Obwohl es auch um wenig vergnügliche Themen ging.

Denn natürlich muss man mit einem Verteidigungsminister über Aufrüstung, Truppe, Drohnen und Krieg sprechen. Oder über Wehrpflicht beziehungsweise über ein Pflichtjahr für junge Menschen. Pistorius hat da eine sehr dezidierte Meinung: „Diese Diskussion muss man mit den jungen Leuten führen“, sagt er. Dahinter steht allerdings, auch das wird deutlich, ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs über die Bedrohung, der unser Leben und unsere Demokratie ausgesetzt ist – von innen durch die AfD, von außen durch Putins Russland oder Trumps impulsive bis widersprüchliche Politik.

Diese Gefahren und die erforderlichen Gegenmaßnahmen benennt Pistorius klar. „Wir leben nicht im Krieg, aber auch nicht mehr so richtig im Frieden“, sagt er, belässt es aber nicht bei der wenig erfreulichen Tatsache. Er erklärt, warum es notwendig ist, in Rüstung zu investieren, auch wenn es im lieber wäre, „wenn wir in einer Welt lebten, in der wir nicht Milliarden für Waffen ausgeben müssten“. Vor allem aber plädiert er für Selbstbewusstsein im Umgang mit den Bedrohungen und um eine gewisse Gelassenheit mit den Provokationen Putins durch Drohnen und durch Verletzungen des Luftraums. „Wir dürfen dem nicht auf den Leim gehen“, sagt der Verteidigungsminister.

Was soll nun, angesichts solcher Themen, Pistorius‘ Privatleben? Die Fotos mit den Brüdern, mit der Ehefrau? Nun, der Schlüssel zum Politiker Pistorius liegt eben im Privatleben, und für die Osnabrücker ist der Verteidigungsminister immer auch „der Boris“ aus dem Schinkel. Als linker Verteidiger für den Verein Schinkel 04 trug er den Kampfnamen „Kamikaze“, und der Grund dafür sagt auch das etwas über Pistorius‘ Persönlichkeit aus: „Wer an mir vorbei wollte, brauchte Mut“, sagt er. Sich selbst schonte er dabei genauso wenig wie den Gegner; daher der Spitzname. Aber er blieb immer fair – und so scheint der Politiker Pistorius ja auch auf dem politischen Parkett zu agieren.

Die Richtung des Gesprächs gibt Herlinde Koelbl mit einer Auswahl ihrer Fotos vor, den Ton prägt Bröcker, der vorführt, dass Politik nicht immer bierernst sein muss. So hat es schon hohen Unterhaltungswert, wenn er versucht, Pistorius aufs Glatteis zu führen. Doch der Verteidigungsminister ist nicht nur schnell und wendig im Denken, sondern auch ein Mann mit Humor, der zudem die Kunst des aktiven Weghörens beherrscht. „Netter Versuch“, entgegnet er auf die Nachfrage, ob er politische Gegner eher in der eigenen Partei oder beim Koalitionspartner habe.

Geprägt hat den Verteidigungsminister nicht nur der Fußball, sondern die Erfahrungen, die er als Osnabrücker Oberbürgermeister und als niedersächsischer Innenminister gesammelt hat. Sein Wertegerüst aber hat ihm das Elternhaus vermittelt: „Fairness, Gerechtigkeit und Respekt“, nennt er da. „Das kann ich jedem Kind nur wünschen“, sagt er.

Vielleicht liegt in dieser Prägung der Grund für den Aufstieg zum beliebtesten Politiker Deutschlands. Und keine Frage, den Titel lässt sich Boris Pistorius auch gefallen. Gleichzeitig weiß er um die Vergänglichkeit solcher Beurteilungen. Und weitergehende Ambitionen leitet er daraus schon mal gar nicht ab. „Warum muss ich Kanzler werden?“, entgegnet er auf Bröckers entsprechende Frage, die sicher viele im Saal insgeheim stellen. Aber seien wir ehrlich: Herlinde Koelbl hat ihm ein Foto- und Interviewbuch gewidmet, und da hat man als deutscher Politiker schon ziemlich viel erreicht.

Ähnliche Artikel