Osnabrück DFB-Torwarttrainer und BaKoS-Gründer: Wie Stefan Wessels beide Rollen vereint
Er pendelt zwischen zwei Welten: der Osnabrücker Ballschule und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: Für Stefan Wessels sind beide Funktionen als BaKoS-Gründer und Torwarttrainer nicht nur Berufe, es ist vielmehr seine Berufung. Wie dem Ex-VfLer der Spagat gelingt, warum er Förderer und Forderer in einer Person ist und was für ihn Luxus bedeutet.
Er kann sich aus eigener Erfahrung selbst in die Lage hineinversetzen und weiß, wie es sich anfühlt: die Welt aus den Augen eines Kindes zu sehen und in den Kopf eines Profifußballers zu blicken, der im Rampenlicht steht. Beide Perspektiven sind für Stefan Wessels in seinen Jobs essenziell, um die gegenüberliegende Person zu verstehen. Als Gründer der Osnabrücker Ballschule (BaKoS) und Torwarttrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft pendelt der 46-Jährige zwischen der Rolle als Forderer und Förderer – ein Einblick in seine zwei Welten.
Nach einem Jahr beim VfL Osnabrück (2008 bis 2009) stand Wessels ein paar Monate ohne Verein da: Bevor der ehemalige Torhüter im Oktober 2009 beim FC Basel anheuerte, hatte er dazwischen nun etwas Zeit, um über sein Leben nach dem Profisport nachzudenken. Eine Zeit, die der gebürtige Rahdener sinnvoll genutzt hat, wie sich heute herausstellt: Als er seinen damals dreijährigen Sohn Felix zum Fußball begleitete, wurde er gefragt, ob er nicht Trainer der jüngsten Fußballer werden will.
„Ich wusste, wie der Fußball funktioniert, aber ich hatte keinen Plan, wie ich das mit jungen Kindern mache. Über meine Cousine bin ich auf das Heidelberger Ballschulkonzept gestoßen, seitdem bin ich Feuer und Flamme für die Ballschule“, erklärt der Familienvater. Es sollte der Startpunkt einer Reise werden, die mit der Gründung der Osnabrücker Ballschule im Herbst 2012 begonnen und seitdem eine rasante, positive Entwicklung genommen hat.
„Es macht Spaß: Ich liebe den Fußball, aber du bekommst als Fußballer alles vorgegeben. Bei BaKoS können wir viel frei planen. Zu sehen, wie sich die Kinder ohne Leistungsdruck entwickeln und sich bei uns wohlfühlen, ist ein schönes Gefühl“, betont Wessels, der seit 2012 mit seiner Familie in Osnabrück lebt. Insbesondere nach der Corona-Zeit habe die Zusammenarbeit mit Stiftungen, Kindergärten und Schulen stark zugenommen, denn viele Menschen hätten das Engagement mit Online-Ballschulstunden während dieser Zeit wertgeschätzt.
„Bei den Kindern, die während der Corona-Zeit im Kindergarten waren, fehlt verständlicherweise viel in der sozialen, emotionalen Entwicklung. Wir wollen jedes Kind auf seinem individuellen Level fördern, Werte vermitteln und auf die nächste Entwicklungsstufe bringen“, erklärt er. Das machen er und sein Team durch Ballschulstunden und kleinere Sportspiele. Denn verschiedene Studien zeigen, dass sich die Kinder viel zu wenig bewegen. Das Ziel sei, den Sport als Medium zu nehmen, damit die Kinder Spaß an der Bildung und der Bewegung haben.
Unterstützt wird er dabei unter anderem von Florian Kasselmann, der seit 2024 die erste volle Stelle ausfüllt. Stand jetzt kamen noch drei weitere Mitarbeiter hinzu. Das sei umso bemerkenswerter, denn bis zur Corona-Zeit habe BaKoS keine staatlichen Fördergelder bekommen. Dass diese nun erst Ende 2028 größtenteils auslaufen, ist „echter Luxus“, wie Wessels sagt.
Luxus ist für ihn auch die Arbeit bei der deutschen Nationalmannschaft, ob beim Nachwuchs (von 2014 bis 2023) oder nun im Torhüterteam von Trainer Julian Nagelsmann, die er parallel zu BaKoS seit Mai dieses Jahres ausfüllt. „Da bin ich eher der Forderer als der Förderer, weil es mehr um die Bewertung und aktuelle Leistung geht. Das Fußballgeschäft ist eine eigene Welt und für mich ein großes Privileg: Ich darf mit Superstars zusammenarbeiten, die aber auch nur Menschen sind“, sagt Wessels.
Auch auf höchstem, fachlichen Niveau sei die menschliche Komponente entscheidend. Gerade im Torhüterteam mit Kollege Andreas Kronenberg versucht er, unter den Einzelkämpfern ein motivierendes Miteinander zu formen. „Die Empathie und Menschlichkeit nehme ich von BaKoS mit. Das A und O ist, jeden einzelnen Menschen zu erreichen“, sagt der ehemalige Torwart des FC Bayern München. Auch in der DFB-Rolle, in der das Rampenlicht während der Länderspielperioden zum Alltag gehört, will Wessels nahbar sein und auf Augenhöhe kommunizieren: Was er von seinen engagierten BaKoS-Trainern bei den Kindern in den kleinen Hallen Osnabrücks verlangt, lebt er auch auf großer Bühne in ganz Europa vor.
Nun folgt in der zehntägigen Länderspielpause das Duell mit Luxemburg in Sinsheim (10. Oktober, 20.45 Uhr), bevor es drei Tage später nach Nordirland geht (20.45 Uhr). Dazwischen bleibt nur wenig Zeit für Training, Besprechungen und Spielvorbereitungen sind angesagt. Vor dem ersten WM-Qualifikationsspiel treffe sich das Team ein paar Tage vorher bei Adidas in Herzogenaurach im Homeground. Für Wessels findet der größte Teil der Arbeit dabei vor und nach den Spielen statt, auch wenn er während der Partien hinter der Auswechselbank alles genaustens verfolgt: Telefonate, Nachbereitungen und Scoutings gehören zu seinen Aufgaben.
„Meine Rolle ist zu schauen, wer von den Torhütern perspektivisch infrage kommt. Ich fahre auch mal zu einem Spiel, aber wir machen viele Analysen über Videoscouting, um Details besser zu sehen“, sagt er. Währenddessen ist der 46-Jährige bei BaKoS weniger verfügbar, sonst in normalen Wochen fokussiert er sich eher auf die Osnabrücker Ballschule. „Der Spagat ist für mich gut möglich. Hier bin ich derjenige, der Entscheidungen treffen darf. Bei der Nationalmannschaft bin ich ein kleines Rad des großen Ganzen“, erklärt Wessels.
Dass seine Ballschule auch bei den Fußball-Stars und Familienvätern um Joshua Kimmich oder Robert Andrich auf Interesse stößt, freue ihn. „Die Unterschiede sind schon sehr groß, wir sprechen nun mal vom höchsten Niveau. Aber auch einige Spieler und Trainer haben eigene Kinder, die im Ballschulalter sind“, betont er. Getreu seinem Motto „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein“ versucht er, Synergien zu nutzen und sein Wissen in beide Welten weiterzugeben – bei BaKoS als Förderer und beim DFB als Forderer.