Mannheim VfL Osnabrück und der Sieg in Mannheim: So „bieder“ ist die lila-weiße Braut ja gar nicht
Nach dem 4:1-Sieg bei Waldhof Mannheim geht der VfL Osnabrück als Tabellendritter in die Länderspielpause und freut sich auf die „Lila-Weiße Nacht“. Vor einem Jahr wurde die Feier abgesagt. Was den VfL in dieser Saison in der 3. Liga bisher ausmacht und warum die Party trotzdem nicht allzu rauschend werden dürfte.
Fangesänge sind oft ein gutes Maß, um die Stimmung rund um einen Verein einzuordnen. Vor wenigen Wochen da schallte erstmals in dieser Saison ein altes Kurvenlied durch die Ost - zumindest kurz. „O Mama, Mama, Mama, ich hab mich so verliebt. Ich hab‘, ich hab‘ den VfL geseh‘n“. Und am Samstag in Mannheim? Da wurde nach dem Spiel ebenfalls ein Klassiker von den Fans intoniert: „Der VfL, der VfL, der VfL ist wieder da.“
Ist er das? Vor allem, wenn man weiß, wo er herkommt, ist das durchaus etwas, was kurz einmal besungen werden darf. Ein Jahr ist es her, da stand das 125-jährige Vereinsjubiläum an. Die lange voraus geplante Gala fand statt, doch die traditionreiche Fanparty „Lila-Weiße Nacht“ wurde abgesagt. Zu groß war die Sorge, dass die Abstiegsgefahr und die Existenzangst auf die Stimmung drücken würden.
Ein Jahr später steht der VfL in der Woche vor dem traditionellen Event auf dem dritten Platz. 19 Punkte. So viele hatte der Verein vergangene Spielzeit erst nach dem 21. Spieltag. Erst eine Niederlage steht auf dem Konto. Die beste Defensive der Liga hat bei dem Spiel bei 1860 München drei Gegentore kassiert. In den anderen neun Partien kamen drei weitere dazu. Spannend dabei: Der VfL steht sowohl in der Heim- als auch der Auswärtstabelle weiter unten - auf Platz vier und fünf. Doch genau diese Kombination macht den aktuellen Erfolg aus. Egal ob an der Bremer Brücke oder in der Fremde, die Osnabrücker gehen jede Partie ähnlich an. Gewöhnlich ist das nicht in dieser Liga, in der der VfL seit acht Spielen ungeschlagen ist.
Vor der Länderspielpause bietet es sich an, ein wenig Bilanz zu ziehen. Zumal etwa ein Viertel der Saison vorbei ist - und die Partie in Mannheim eine neue Dimension mit sich brachte. Zur defensiven Stabilität kam sowohl beim 4:1 am Wochenende als auch beim 3:1-Sieg gegen Erzgebirge Aue starke Offensiv-Momente. Es ist sicher kein „Hurra-Fußball“, wie Trainer Timo Schultz kürzlich bekannte und einen TV-Reporter zitierte, der den VfL kürzlich als „biedere Braut“ bezeichnet hatte. Doch die Konsequenz und Wucht mit der seine Mannschaft am Samstag die Partie drehte, nachdem Mannheim mitverschuldet durch einen Patzer von Torhüter Lukas Jonsson in der ersten Halbzeit in Führung gegangen war, war durchaus beeindruckend.
Vier Tore in einer Halbzeit das gelang dem VfL erst fünfmal in seiner Historie in der 3. Liga - zuletzt beim 6:3 in Duisburg im Februar 2022. Am Samstag fielen alle Treffer nach der Pause. Überhaupt ist die zweite Halbzeit zumeist die bessere des VfL in dieser Saison. Es spricht einerseits für die Fitness, andererseits für die Möglichkeiten, die der Kader bietet Spieler adäquat zu ersetzen.
Ein Beleg hierfür war das 4:1 - eine Gemeinschaftsproduktion dreier Einwechselspieler, mit Ismail Badjie als Torschütze und Bernd Riesselmann als Vorlagengeber. Eingeleitet wurde es von Bryan Henning, der mit Fridolin Wagner regelmäßig Bank und Startelf tauscht. Dazu kam ein Treffer von Frederik Christensen, der diesmal statt Kevin Schumacher begann. Davor aber traf in Mannheim zweimal Robin Meißner, beinahe wäre es ein Hattrick geworden, hätte der Stürmer nicht einmal knapp im Abseits gestanden.
Er ist einer der Anker dieser Mannschaft neben Kapitän Jannik Müller, Mittelfeldspieler Bjarke Jacobsen, Außenbahnspieler Patrick Kammerbauer und dem in Mannheim überragenden Lars Kehl. Meißner zählte schon seit seiner Verpflichtung dazu nach der der VfL seit dem dritten Spieltag in der Liga kein Spiel mehr verlor. Das betonte Schultz und sagte: Er selbst messe den Stürmer nicht an seinen Toren. Und doch sah man es Meißner an, wie sein zweites Saisontor - das erste aus dem Spiel heraus - ihn veränderte. Vielleicht wollte man es auch so sehen. Doch ein Stürmer braucht eben Selbstvertrauen, das vor allem Tore geben. Nach seinem 1:1 wirkte es, als sei der 25-Jährige gewachsen. Als sei das Kreuz ein bisschen breiter.
Besonders für ihn ist es fast ein wenig schade, dass dies nun durch eine zweiwöchige Pause unterbrochen wird. Doch der VfL wird sie nutzen. Das Spiel in Mannheim soll keine Momentaufnahme bleiben, sondern Teil eines Prozesses, der die schwierigen vergangenen Monate noch weiter verdrängt.
In Entwicklungen gibt es immer mal wieder besondere Momente, die man sammelt und die man aus dem Gedächtnis hervorkramt, wenn man sie braucht. Das Spiel in Mannheim hat nicht nur gezeigt, dass zur defensiven Stabilität auch offensive Wucht erzeugt werden kann - sondern auch, dass die Mannschaft in der Lage ist, einen Rückstand umzuwandeln. Es war der erste Wendesieg in dieser Saison. Letztmals hatte der VfL beim 2:1 beim VfB Stuttgart II im März eine Partie gedreht. Der Sieg war im Nachhinein einer der wichtigsten Momente der Rückrunde.
Ob das 4:1 in Mannheim irgendwann mal eine ähnliche Bedeutung bekommt? Möglich. Muss es aber auch gar nicht. Wichtig ist erst einmal, der VfL hat gezeigt: Die vielleicht etwas „biedere lila-weiße Braut“ kann durchaus tanzen. In diesem Jahr sogar auf der Lila-Weißen Nacht. Aber nicht zu heftig. Sie muss schließlich noch einige Male aufs Parkett.