Manchester  Tragische Details zum Synagogen-Attentat: Opfer irrtümlich von Polizist erschossen

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 02.10.2025 19:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Kein ungewöhnliches Bild an diesem Donnerstag in Manchester: Polizeiwagen allerorts Foto: dpa/AP | Kirsty Wigglesworth
Kein ungewöhnliches Bild an diesem Donnerstag in Manchester: Polizeiwagen allerorts Foto: dpa/AP | Kirsty Wigglesworth
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In der britischen Großstadt Manchester lenkt ein Mann ein Fahrzeug in eine Menschengruppe vor einer Synagoge, anschließend sticht er noch mit einem Messer zu. Die Polizei kann ihn mit Schüssen stoppen – aber es gibt Tote.

Ein wackeliges Handyvideo, das vor der Synagoge gefilmt wurde, zeigt Momente des Anschlags: Ein schwarz gekleideter Mann sticht mit einem Messer auf die Fensterscheiben des Gotteshauses im Norden Manchesters ein, offensichtlich in dem Versuch, in das Gebäude einzudringen.

Ein Mann, der die Szene beobachtet, warnt: „Er hat eine Bombe!“ Wenige Sekunden später treffen bewaffnete Polizisten ein und geben einige Warnungen ab. „Er hörte nicht auf, also eröffneten sie das Feuer“, berichtet Gareth, ein Augenzeuge, der zur Tatzeit mit seinem Lieferwagen unterwegs war.

Der Anschlag am Donnerstag, am Feiertag Jom Kippur, dem heiligsten Tag im jüdischen Kalender, ereignete sich gegen 9 Uhr morgens. Ein Mann steuerte vor der Synagoge „Heaton Park Hebrew Congregation“ ein Auto in eine Gruppe ankommender Gläubiger, und gegen ein Tor, um auf das Gelände zu gelangen.

Anschließend stieg es aus dem Wagen aus, stach auf Anwesende ein und versuchte, in das Gebäude einzudringen. Bewaffnete Beamte erschossen den Angreifer. Zwei weitere Menschen kamen ums Leben, mehrere wurden verletzt. Nach Angaben der Polizei von Greater Manchester wurde eines der Opfer offenbar irrtümlich von einem Beamten erschossen.

Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag bestätigte Laurence Taylor von der Metropolitan Police, dass der Vorfall „als Terrorakt eingestuft“ würde; Spezialteams führten nun die Ermittlungen durch, hieß es. Am Donnerstagabend gab die Polizei schließlich auch den Namen des Mannes bekannt, der verdächtigt wird, den Anschlag verübt zu haben: Es handelt sich um einen 35-Jährigen britischen Staatsbürger syrischer Herkunft.

Zuvor hatte es Stunden gedauert, bis der Tod des Angreifers bestätigt wurde. Hintergrund war der von dem Mann getragene Sprengstoffgürtel, der sich später jedoch als nicht funktionsfähig erwies. Die Behörden teilten mit, er sei der Polizei und den Sicherheitsdiensten bislang nicht bekannt gewesen. Drei weitere Personen – zwei Männer und eine Frau – wurden unter Terrorverdacht festgenommen. Sie befanden sich am Freitag in Polizeigewahrsam.

Viele Mitglieder der Gemeinde waren am Donnerstag auf dem Weg zum Gottesdienst, als der Anschlag geschah. Vor Ort lebende Gläubige reagierten bestürzt auf die Tat. „Ich bin Jüdin und zutiefst verängstigt“, sagte Vicky, die in der Nähe der Synagoge lebt, ihren Nachnamen gegenüber Journalisten jedoch nicht nennen wollte. „Ich fürchte um meine eigene Sicherheit und die meiner Mutter.“

Zugleich betonten Anwohner, dass es sich eigentlich um ein sonst tolerantes Viertel handle, in dem Juden und Muslime seit Jahren friedlich zusammenleben – umso größer die Fassungslosigkeit über die Tat.

Premierminister Keir Starmer brach seinen Besuch in Kopenhagen am Donnerstag anlässlich des Treffens der Europäischen Politischen Gemeinschaft ab, um einen britischen Krisenstab zu leiten, in dem die Regierung, Polizei und Sicherheitsdienste Sofortmaßnahmen koordinieren. Am Freitag besuchte er den Tatort in Manchester – gemeinsam mit seiner Frau Victoria Starmer, selbst Jüdin.

Der Premier verurteilte den Anschlag bereits am Donnerstag als „absolut schockierend“ und kündigte an, zusätzliche Polizeikräfte an Synagogen im ganzen Land einzusetzen. Die Regierung bat, die am Wochenende geplante pro-palästinensische Demonstration in London abzusagen oder zu verschieben, damit die jüdische Gemeinschaft das Erlebte verarbeiten und die Polizei ihre Präsenz auf den Schutz gefährdeter Gemeinden konzentrieren kann.

Auch Andy Burnham, Bürgermeister der Metropolregion Manchester, verurteilte den Angriff „am heiligsten Tag“ der jüdischen Gemeinschaft am Donnerstag als „abscheulich“. Zwar ließen sich Juden in Großbritannien von Rassisten und Antisemiten nicht einschüchtern, sagte Raphi Bloom, ein Vertreter der jüdischen Sozialorganisation The Fed aus Greater Manchester, der der Gemeinde angehört, nach der Tat.

Gleichzeitig forderte er die politische Führung jedoch zu raschem Handeln auf. Seit dem 7. Oktober 2023 erlebe man einen „Tsunami des Antisemitismus“, sagte er. Viele fühlten sich durch anhaltende Angriffe – sei es bei der Arbeit oder in den sozialen Medien – verunsichert.

Hans-Jakob Schindler, Experte beim Counter Extremism Project (CEP), einer internationalen Organisation gegen Extremismus, warnte in diesem Zusammenhang vor einer sich verstärkenden Dynamik: Die Zahl antisemitischer Vorfälle nehme deutlich zu; die Entwicklung gehe „von hasserfüllter Rede“ hin zu „tatsächlicher Gewalt“.

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