Millionengrab  RTC-Verkauf – enttäuschende Zahlen für Großefehn

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 07.10.2025 10:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Bieterverfahren für das Reitsport-Touristik-Centrum Ostfriesland läuft noch bis zum 17. November 2025. Bis Mitte Dezember soll der Verkauf unter Dach und Fach sein. Foto: Archiv/Romuald Banik
Das Bieterverfahren für das Reitsport-Touristik-Centrum Ostfriesland läuft noch bis zum 17. November 2025. Bis Mitte Dezember soll der Verkauf unter Dach und Fach sein. Foto: Archiv/Romuald Banik
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Der Verkauf des Reitsport-Touristik-Centrums in Timmel soll dringend benötigtes Geld in die Kasse der Gemeinde Großefehn spülen. Doch was ist bei einem Mindestgebot von 950.000 Euro überhaupt möglich?

Großefehn - Das Bieterverfahren für das Reitsport-Touristik-Centrum (RTC) Großefehn in Timmel läuft seit dem 26. September 2025. Ein großer Schritt für die Gemeindeverwaltung Großefehns und die Politik, denen das Millionengrab seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet. Bis zum 17. November 2025 können Interessenten Angebote abgeben. Die Hoffnung ist groß, mit dem Verkauf des teuren ehemaligen Prestigeprojekts einen Schlussstrich unter die jahrelangen Defizite zu ziehen und dringend benötigtes Geld in die klamme Kasse zu spülen.

Doch worauf kann die Gemeinde überhaupt hoffen? Das Mindestgebot für die beiden Reithallen samt Stallanlage und Veranstaltungsflächen auf einem Gelände von insgesamt etwa vier Hektar liegt bei 950.000 Euro – gerade einmal ein Drittel des ursprünglich ermittelten Verkehrswerts von 2,9 Millionen Euro. Das zeigt, wie sehr sich die Erwartungen an das RTC in den vergangenen Jahren relativiert haben. Wie viel am Ende wirklich für die Gemeinde übrig bleibt, ist deshalb alles andere als sicher.

Bieterverfahren für das RTC: Hoffnung auf einen Neuanfang?

Trotz aller Unsicherheiten bleibt die Hoffnung, dass der Verkauf die Gemeindekasse deutlich entlasten könnte. Darauf deutet ein Antrag der Gruppe CDU, FDP und Frieden in der Ratssitzung am Mittwoch, 1. Oktober 2025, hin. Sie fordern, den Verkaufserlös des RTC vollständig zur Tilgung der Gemeindeschulden zu nutzen – und nicht für neue Projekte oder zusätzliche Ausgaben.

Angesichts des rasant wachsenden Schuldenbergs – mittlerweile kratzt Großefehn an der 30-Millionen-Euro-Marke – dürfe kein Cent aus dem Verkaufserlös für neue Projekte oder Wünsche ausgegeben werden. Stattdessen soll das Geld helfen, die Zinslast und die Belastung für künftige Haushalte und die Bürger zu senken. Der Gemeinderat hat diesen Antrag einstimmig an die Gesellschafterversammlung der Großefehn Tourismus GmbH weitergeleitet.

Wie viel bleibt? Unsicherheit trotz Verkaufschancen

Dort soll das weitere Vorgehen nun vorbereitet und beraten werden. Eine endgültige Entscheidung, ob und wie der Verkaufserlös tatsächlich zur Schuldentilgung eingesetzt wird, kann dann voraussichtlich im Finanzausschuss am Dienstag, 16. Dezember 2025, diskutiert und im Rat am Donnerstag, 18. Dezember 2025, beschlossen werden, stellte Bürgermeister Erwin Adams (parteilos) in Aussicht.

Bis dahin sollte die Gesellschafterversammlung die letzten offenen Fragen mit den Interessenten geklärt haben und der Verkauf unter Dach und Fach sein, so Adams. Gleichzeitig dämpfte er die Hoffnungen auf einen reichen Geldsegen, denn die Großefehn Tourismus GmbH, der das RTC gehört, habe selbst noch Kredite und Verbindlichkeiten. Was nach deren Tilgung tatsächlich für die Gemeinde übrig bleibt, ist offen.

Millionengrab RTC: Laufende Kosten belasten die Gemeinde

Bürgermeister Adams rechnet nach „vielversprechenden Vorgesprächen mit aussichtsreichen Interessenten“ zwar fest mit einem Verkauf, dämpft aber die Erwartungen: „Es ist zwar realistisch, dass wir ein siebenstelliges Gebot bekommen, aber das RTC ist eben nicht so viel wert, wie es einmal geschätzt wurde“, sagte er im Gemeinderat. Im schlechtesten Fall wird das RTC tatsächlich für nur ein Drittel des ursprünglich ermittelten Verkehrswerts verkauft – und selbst davon könnte nach Abzug der Verbindlichkeiten der Großefehn Tourismus GmbH nur ein Bruchteil in der Gemeindekasse landen.

Für Großefehn bedeutet das: Ein Befreiungsschlag im Hinblick auf den Schuldenstand ist der Verkauf wohl kaum, eher ein Schritt, um das Millionengrab endlich loszuwerden und weitere Verluste zu stoppen. Denn Jahr für Jahr musste die Gemeinde Hunderttausende Euro zuschießen, um die Defizite des RTC auszugleichen. Zuletzt waren es mehr als 400.000 Euro jährlich – Tendenz steigend. Mit der Schließung ist ein Großteil dieser Kosten bereits entfallen. Der Verkauf soll für eine weitere Entlastung sorgen.

RTC Timmel: Von der Reitsportanlage zum Sorgenkind

Der Reitsportbetrieb im RTC wurde seitens der Gemeinde bereits zum 31. Dezember 2023 eingestellt. Im Anschluss wurde das Gebäude verpachtet, doch dieser Pachtvertrag endete bereits im Juni 2024. Seitdem steht das RTC größtenteils leer. Aktuell ist dort lediglich die Tourist-Info der Gemeinde untergebracht, der Fahr- und Reitverein Timmel nutzt die kleine Reithalle für den Reitunterricht und der Dorfverein „Uns Timmel“ die große Halle für sein historisches Theaterstück „Timmel unner Strom“. Ansonsten herrscht in dem einstigen Prestigeobjekt gähnende Leere – ein weiterer Grund, warum die Gemeinde auf einen baldigen Verkauf drängt. Der Verkauf des RTC ist also ein Baustein im Kampf gegen die roten Zahlen. Gemeindeverwaltung und Politik suchen längst nach weiteren Wegen, um die leeren Kassen zu füllen – oder zumindest zu verhindern, dass der Schuldenberg noch weiter wächst. Denn klar ist: Mit dem Verkauf allein wird Großefehn nicht aus der finanziellen Schieflage kommen.

Zukunft der Gemeindefinanzen: Viele Baustellen, ein Ziel

Deshalb hat der Rat in seiner jüngsten Sitzung gleich mehrere Arbeitskreise ins Leben gerufen: Einer soll Sparpotenziale im Haushalt aufspüren. Ein anderer prüft, wie neue Bau- und Gewerbegebiete erschlossen und gefördert werden können. Ziel ist es, langfristig mehr Einnahmen zu generieren – etwa durch die Ansiedlung neuer Betriebe, die zusätzliche Gewerbesteuern in die Gemeindekasse spülen sollen.

Eine gute Nachricht kam deshalb genau zur richtigen Zeit: Am selben Tag, 1. Oktober 2025, überbrachte Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) persönlich den Förderbescheid für die Erweiterung des Gewerbegebiets „Großefehn Mitte“. Das Land unterstützt das Projekt mit mehr als zwei Millionen Euro. Bis 2027 sollen auf 5,2 Hektar bis zu zwölf neue Gewerbegrundstücke entstehen. Das ist ein weiterer wichtiger Schritt der Gemeinde auf dem Weg zu einem sinkenden Schuldenstand.

Denn der Verkauf des RTC ist für Großefehn zwar ein wichtiger Schritt, um die finanzielle Dauerbaustelle endlich zu schließen, aber eben nur einer von vielen. Die Gemeinde muss weiter an allen Stellschrauben drehen, um die Kassen zu füllen und den Schuldenberg abzubauen. Mit neuen Arbeitskreisen, gezielten Investitionen und klaren Prioritäten will Großefehn die Trendwende schaffen – ob das gelingt, wird sich zeigen.

Das RTC Timmel auf einen Blick

Was wird verkauft? Gebäudeensemble: zwei Reithallen, 44 Fünf-Sterne-Pferdeboxen, Solarien, Waschplätze, Veranstaltungsflächen Grundstücksgröße: rund 4 Hektar im Ortsteil Timmel, Am Reitsportcentrum 1, 26629 Großefehn Baujahr: 2009 Eigentümer: Großefehn Tourismus GmbH (GTG), eine Eigengesellschaft der Gemeinde Großefehn

Bieterverfahren Beginn: 26. September 2025 Ende: 17. November 2025, 24 Uhr Mindestgebot: 950.000 Euro (ursprünglicher Verkehrswert: 2,9 Millionen Euro) Abwicklung: Über die Kanzlei Dombert Rechtsanwälte, Potsdam Weitere Infos und Exposé: nach Verschwiegenheitserklärung über die Gemeinde oder die Kanzlei erhältlich.

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