Essen Vor 20 Jahren: Der VfL-Skandal in Essen - das sagt Schiedsrichter Metzen heute dazu
Wird dieser Rekord jemals gebrochen? Vor 20 Jahren, am 1. Oktober 2005, wurden vier Fußballer des VfL Osnabrück in einem Ligaspiel vom Platz gestellt. Genauer: in einer Halbzeit. Ganz genau: Innerhalb von 33 Minuten. Wie konnte es dazu kommen? Wir haben noch mal nachgefragt bei einigen, die dabei waren. Und natürlich beim Schiedsrichter.
Es war ein Verfolgerduell zweier Aufstiegsanwärter der Regionalliga Nord, vor 10.000 Zuschauern an der Hafenstraße in Essen. Der VfL Osnabrück führte zur Pause durch ein frühes Tor von Björn Joppe, die Partie war weder überhart noch hektisch. Doch zwischen der 52. und 88. Minute flogen vier VfLer vom Platz, erst gegen ein Team mit drei Spielern in Unterzahl gelangen RW Essen die Tore zum 2:1. Was geschah an diesem 1. Oktober 2005?
„Ich war zur zweiten Halbzeit eingewechselt worden“, erinnert sich Wolfgang Schütte, „in der ersten Aktion gab´s Gelb – für Nichts, kurz danach für ein Allerweltsfoul Gelb-Rot – nach sieben Minuten war das Spiel für mich zu Ende.“ Es folgte Kapitän Markus Feldhoff, der nach einem unabsichtlichen Foul direkt Rot sah – nach knapp einer Stunde waren nur noch neun VfLer auf dem Rasen, die wie die Löwen kämpften und die Führung behaupten – auch nach der Gelb-Roten Karte gegen den überragenden Joppe, der auf seinen abbremsenden Gegner auflief.
Noch drei Minuten hielt das Bollwerk vor dem starken Tino Berbig, dann erzielte Alexander Löbe Ausgleich (80.) und Siegtor (86.). Zwei Minuten später war Joe Enochs fällig: Sein zweites Foul war im Gegensatz zum ersten gelbwürdig, und Schiedsrichter Thomas Metzen kannte keine Gnade. „Nun lass mal gut sein“, sagte ein Essener Spieler zu ihm.
„Ich habe gar nicht abgewartet, bis er die Karten zeigte, sondern habe mich umgedreht und bin in die Kabine gegangen“, erzählt Enochs. Dort traf er Schütte, Feldhoff, Joppe und Trainer Wollitz, der fragte: „Ist schon Schluss?“ Enochs Antwort: „Nein, für mich.“ Wollitz hatte den Weg in die Kabine aus Selbstschutz nach dem 1:2 angetreten: „Wenn ich geblieben wäre, hätte ich etwas getan, für das ich lebenslänglich gesperrt worden wäre.“
Fassungslosigkeit, Wut und Ärger des VfL steigerten sich, als Joppe einen Satz zitierte, den er von Schiedsrichter Metzen gehört haben wollte: „Ihr gewinnt hier sowieso nicht“. Was der Unparteiische bestritt und Joppe später widerrief.
Manager Lothar Gans wollte ein paar Wogen glätten und klopfte an die Tür der Schiedsrichterkabine: „Als ich meinen Kopf reinsteckte, sah ich den Essener Torschützen Alexander Löbe im Gespräch mit dem Schiedsrichter…“ Er habe, so teilte der RWE-Stürmer später den staunenden Journalisten mit, dem Unparteiischen für die Spielleitung gedankt und ihm gesagt, dass alle Entscheidung korrekt gewesen seien.
Prompt grassierten in Osnabrück Verschwörungstheorien – die ebenso wenig haltbar waren wie der VfL-Protest beim DFB. Vertreten wurde der VfL übrigens durch Rechtsanwalt Horst Kletke, der derzeit die entlassenen VfL-Trainer Marco Antwerpen und Frank Döpper juristisch betreut. „Wir sind nicht Don Quijote und ziehen den Einspruch nach dem DFB-Ermittlungsverfahren zurück“, sagte Kletke am 26. Oktober 2005.
Thomas Metzen stellt sich offen und freundlich den Fragen der NOZ zu einem Spiel, „das meine Karriere geprägt und mich noch lange beschäftigt hat.“ Die Entscheidungen, die er einen Tag später nach Ansicht der TV-Bilder als regelkonform bewertete, nennt er auch heute noch „allesamt vertretbar“. Doch der 44-Jährige weiß auch: „Die Häufung der Platzverweise gegen eine Mannschaft und in einem relativ kurzen Zeitraum hat diese heftigen Reaktionen ausgelöst. Oft genug habe ich mich gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, beim letzten Platzverweis Gnade vor Recht wirken zu lassen. Der hat das Fass nämlich zum Überlaufen gebracht. Aber das Foul war so eindeutig, dass ich die Augen davor nicht verschließen konnte.“ Und er erinnert daran, dass es ein Spiel war, in dem es für den VfL um den Anschluss an die Spitzengruppe ging: „Alle waren hochmotiviert, es war emotionsgeladen – da ist mancher im Zweikampf bis an die Grenze gegangen.“
Mit seinen damals erst 24 Jahren war Metzen, groß gewachsen, selbstbewusst und sicher im Auftritt, eines der Talente, die der DFB besonders förderte. Die Partie in Essen war erst sein 15. Spiel in der dritthöchsten Spielklasse: „Die Saison war gut für mich gelaufen, man traute mir ein solches Spiel zu. Ich habe das als Ansporn und Herausforderung gesehen.“
Metzen schaffte 2008 den Sprung auf die DFB-Liste und leitete bis 2012 im DFB-Pokal, in der 2. Bundesliga und der 3. Liga 60 Spiele. Bundesweites Aufsehen erregte er am 3. November 2008, als er dem Mainzer Miroslav Karhan und dem St. Paulianer Florian Bruns gleichzeitig die Gelbe Karte zeigte, aus jeder Brusttasche eine ziehend; Augenzeuge war der heutige VfL-Trainer Timo Schultz, damals für Pauli am Ball. Sogar die seriöse FAZ fühlte sich an einen „Revolverhelden aus einem Western“ erinnert, die Boulevard-Presse rückte den „Eifel-Django“ genüsslich in die Schlagzeilen. Metzen stammt aus Mechernich in der Eifel.
„Ein Unparteiischer ist nicht für den Showteil eines Spiels zuständig. Er hat sich und allen Schiedsrichtern geschadet“, tadelte Ex-FIFA-Referee Hellmut Krug in seiner Funktion als Schiedsrichter-Experte der DFL Metzen öffentlich. „Die Karten waren berechtigt, regeltechnisch war das nicht verboten und ich bin auch nicht bestraft worden“, sagt Metzen heute, „aber es war ein Fehler, den ich mir besser erspart hätte.“
2012 beendete er seine Laufbahn, um sich auf den Beruf zu konzentrieren. In seiner Heimatstadt Mechernich in der Eifel arbeitet er als Geschäftsführer, engagiert sich als CDU-Stadtrat ehrenamtlich in der Kommunalpolitik und ist als Familienvater mit drei Kindern auch gelegentlich auf dem Fußballplatz: Ein Sohn kickt in der F-Jugend. Ansonsten spielen der Fußball und die Schiedsrichterei keine Rolle mehr in seinem Leben.