Oldenburg  Aufrüsten für mehr Soldaten: Dieser Bundeswehr-Stützpunkt ist bereit – auch für die Wehrpflicht?

Luise Charlotte Bauer
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Von Luise Charlotte Bauer
| 29.09.2025 08:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Etwa 15 Prozent mehr junge Menschen haben sich im Vergleich zum Vorjahr für den freiwilligen Wehrdienst entschieden. Die Zahl soll weiter steigen. Foto: dpa/Henning Kaiser
Etwa 15 Prozent mehr junge Menschen haben sich im Vergleich zum Vorjahr für den freiwilligen Wehrdienst entschieden. Die Zahl soll weiter steigen. Foto: dpa/Henning Kaiser
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Die Zahl der Bundeswehr-Rekruten in Deutschland steigt, ein Trend, der durch den neuen Wehrdienst manifestiert werden soll. Weitere Ausbildungskapazitäten sind dringend nötig. Der Marinestützpunkt Wilhelmshaven zeigt, wie sich ein Standort dafür rüsten kann.

Etwa 15 Prozent mehr junge Menschen haben sich im Vergleich zum Vorjahr für den freiwilligen Wehrdienst entschieden. Das sagt Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr. Unterdessen plant Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) einen „neuen Wehrdienst“ mit der Option auf eine Reaktivierung der Wehrpflicht, um die Zahl der Rekruten weiter zu erhöhen. Das schwarz-rote Kabinett hat den Entwurf bereits abgenickt, nun muss vor allem die Unions-Fraktion noch überzeugt werden und der Bundestag dem Gesetzentwurf zustimmen. Jedoch stellt sich bei diesen Entwicklungen auch die Frage, ob die Bundeswehr genügend Kapazitäten hat, eine möglicherweise wachsende Zahl der Rekruten auszubilden.

An mehr als 50 Standorten in Deutschland findet die Grund- beziehungsweise beim Heer die Basisausbildung statt. Bald kommt ein weiterer Standort hinzu: Am Marinestützpunkt „Heppenser Groden“ in Wilhelmshaven wird zurzeit die Grundausbildung wieder eingeführt. Im Oktober sollen hier 96 Rekruten in ihre Grundausbildung starten, hinzukommen 96 Menschen, die für den Heimatschutz ausgebildet werden. Für diese knapp 200 Personen mussten in den letzten Monaten Kapazitäten geschaffen werden.

„Wir betreten hier am Standort Wilhelmshaven für die aktuelle Zeit Neuland.“ Das sagt Fregattenkapitän Rolf Hoppe im Gespräch mit unserer Redaktion. Er ist der Kommandeur des Marinestützpunktkommandos Wilhelmshaven und Standortältester. Das schließe beispielsweise den zusätzlichen Bedarf an Verpflegung, die Abdeckung der Einstellungsuntersuchungen und die Initiierung der Sicherheitsüberprüfungen ein. Ungefähr ein dreiviertel Jahr habe die Vorbereitung in Anspruch genommen.

Laut Verteidigungsminister Pistorius muss die Bundeswehr um knapp 80.000 auf insgesamt 260.000 Soldaten in den kommenden acht bis neun Jahren wachsen. Eine Recherche der Plattform „CORRECTIV“ im Juli dieses Jahres ergab jedoch, dass der geplante Ausbau von Unterkünften nur etwa die Hälfte abdecken würde. Ein Problem, das man in Wilhelmshaven nicht hat. „Wir haben nicht nur die Unterbringungskapazitäten für die angesprochenen 200 Soldaten, sondern wir bringen sie auch in den modernsten Unterkunftsgebäuden unter, die wir überhaupt haben“, sagt zumindest Hoppe. Auch abseits der Grundausbildung erlebt die Wilhelmshavener Bundeswehr-Infrastruktur einen Bauboom: Insgesamt 1,6 Milliarden Euro investiert der Bund in deren Sanierung und Ausbau.

Die Rekruten müssen jedoch nicht nur untergebracht, sondern auch ausgerüstet und verpflegt werden. In Wilhelmshaven gibt es laut Fregattenkapitän Hoppe genügend Material und Ausrüstung für die Ausbildung. Und bei der Verpflegung sei es bisher so gewesen, dass der kleinere der beiden Speisesäle nur zu besonderen Anlässen genutzt wurde. „Dieser wird jetzt vollständig genutzt werden durch die Grundausbildung und die Soldaten um Heimatschutz. Das hat natürlich auch zur Folge, dass wir im Bereich der Küche noch mehr Menschen einstellen müssen“, so der Kommandeur. 

Personal braucht es auch im Bereich Ausbildung. In Wilhelmshaven wurden dafür 35 neue Dienstposten geschaffen. Für die Auswahl und Besetzung der Dienststellen ist das Bundesamt für Personalmanagement in Köln zuständig. Dieses muss nicht nur in Wilhelmshaven, sondern bundesweit den Bedarf an Ausbildern decken. Geht der Plan von Verteidigungsminister Pistorius auf, wird der Bedarf mit dem geplanten neuen Wehrdienstgesetz noch steigen.

Auf die Frage, woran es zurzeit beim Personalaufwuchs in der Bundeswehr noch hapert, blickt der Präsident des Bundesamtes, Generalleutnant Robert Sieger, im Gespräch mit unserer Redaktion auch auf das Ausbildungspersonal. So gebe es Hemmnisse, zu denen der in Teilen noch fehlende rechtliche Rahmen, zu viel Bürokratie und zu eng geregelte Verfahren, aber auch regionale Kapazitätsengpässe bei Unterbringung und bei Ausbildungsplätzen. „Nicht zu vergessen: Ausbildungspersonal. Bei 5.000 Wehrdienstleistenden mehr brauche ich in der Regel 500 Ausbilder mehr. Bei 40.000 brauche ich schon 4.000 Ausbilder, die produziert man aber nicht über Nacht. Die Strukturen in der Bundeswehr müssen sich dann verändern. Und klar: Die Ausbilder fehlen dann wieder bei der Einsatzbereitschaft.“

Aus dem Verteidigungsministerium heißt es: „Das Grundprinzip der Streitkräfte besagt, dass jeder militärische Vorgesetzte zugleich Führer, Ausbilder und Erzieher ist.“ Demnach steht ausreichend hoch qualifiziertes Personal in den Ausbildungseinrichtungen der Streitkräfte, die prioritär zu besetzen sind, wie auch Personal für die Ausbildung in der Truppe, zur Verfügung. Einer Sprecherin zufolge besteht lediglich punktuell ein Mangel an Ausbildungspersonal, der weitestgehend durch interne Maßnahmen kompensiert werden könne. 

Der Präsident des Reservistenverbandes, Patrick Sensburg, sieht im „neuen Wehrdienst“ keinen großen Wurf: „Der neue Wehrdienst schadet nicht. Aber er nützt auch nicht viel. Ich halte ihn für sehr begrenzt ambitioniert. Warum sollte man nicht mehr als ein paar tausend pro Jahr ausbilden können?“ In den Neunziger Jahren seien auf rund 300.000 Berufs- und Zeitsoldaten fast 200.000 Wehrdienstleistende gekommen und das sei auch „irgendwie gegangen“. Sensburg: „Ich habe das Gefühl, bei der Wehrpflicht wollen sich die Verantwortlichen seit Jahren mit Scheinargumenten drücken.“ 

Die Sprecherin des Verteidigungsministeriums verweist darauf, dass das Gewinnen neuer Ausbilder eine der Prioritäten der Personalgewinnung der Bundeswehr sei. Die Bedarfe ließen sich jedoch nicht kurzfristig mittels Neueinstellungen realisieren, sondern durch Verwendungswechsel von erfahrenem und entsprechend qualifizierten Bestandspersonal: „Der Ausbildungsabschluss eines zukünftigen Feldwebels/Bootsmanns benötigt im Schnitt 36 Monate.“ Es braucht laut der Sprecherin also eine langfristige Personalsteuerung und -begleitung.

Die 35 neuen Dienstposten in Wilhelmshaven wurden ab dem 1. Juli besetzt. Die Zeit bis zum Start der Grundausbildung Anfang Oktober wird und wurde für die Vorbereitung der Ausbilder auf die Grundausbildung sowie für Weiterqualifikationen genutzt. Das Personal für die neuen Dienstposten in Wilhelmshaven kommt laut Kommandeur Hoppe fast nur von außerhalb des Standortes, da die Marine dort keine Infanteristen hat. Dass es bei der aktuellen Personaldecke und der Schaffung neuer Dienstposten mitunter zu Personallücken an anderer Stelle kommen kann, sagt auch er. Hoppe sieht jedoch auch die steigenden Bewerberzahlen bei der Bundeswehr, durch die diese Lücken wieder geschlossen werden könnten.

Hätte der Stützpunkt Wilhelmshaven denn noch Kapazitäten weitere Rekruten über die aktuelle Planung hinaus auszubilden? „Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir aufgestellt, um genau diese sechsundneunzig Soldaten in der Grundausbildung aufzunehmen. Das ist ausreichend für den jetzigen Auftrag. Weitere Aufwüchse gilt es zeitgerecht hier am Standort auszugestalten.“ Auf die Frage, ob eine Wehrpflicht am Marinestützpunkt in Wilhelmshaven umsetzbar sei, antwortet Hoppe nicht, sondern verweist auf die Politik. 

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