Berlin „Amrum“-Regisseur Fatih Akin hat zwei Menschen vor dem Ertrinken gerettet
Fatih Akin hat als Kind aus Versehen Haie gefangen. Und bei der Motivsuche in North Dakota hat der Regisseur zwei Ertrinkende aus einem überfluteten Auto befreit. Ein Abenteuer-Interview zum Filmstart seiner NS-Geschichte „Amrum“.
Eigentlich, sagt Fatih Akin, ist die Geschichte von „Amrum“ ganz weit von ihm weg. In seinem neuen Film muss ein Weltkriegskind eine Mutter trösten, die um Adolf Hitler trauert. Akins eigene Familie lebte damals noch in der Türkei. In unserem Interview soll es also darum gehen, wie er als Hamburger Junge mit türkischen Eltern überhaupt vom Holocaust erfahren hat. Bevor wir dazu kommen, löffelt der 52-Jährige aber erstmal ein Vanilleeis und erzählt Abenteuergeschichten aus seinem Leben – von Haifischen am Schwarzen Meer bis hin zu halb ertrunkenen Autofahrern in Dakota.
Frage: Herr Akin, der jugendliche Held in Ihrem Film fängt Schollen und zieht eigenhändig Kaninchen ab. Können Sie das auch?
Antwort: Mein Vater war Fischer, und mit ihm habe ich viel im Schwarzen Meer gefischt, allerdings keine Schollen. Wir haben Hamsi gefangen, das sind kleinere Fische – eher so wie Sprotten. Tiere habe ich als Kind vor allem in den Sommerferien erlebt. In Deutschland war ich als Hamburger Großstadtkind von der Natur weit weg. Da wurden Tiere erst ein Thema, als ich erwachsen war und mein Sohn einen Hund wollte.
Hier sehen Sie den Trailer zu Fatih Akins neuem Kinofilm „Amrum“:
Frage: Sie aber nicht?
Antwort: Ich bin mal gebissen worden und hatte immer wahnsinnige Angst vor Hunden. Also richtige Angst, im Sinne einer Phobie. Bei Hunden habe ich die Straßenseite gewechselt. Meine Frau fand aber auch, dass unsere Kinder mit Tieren aufwachsen sollen – also haben wir einen Pudel angeschafft. Der heißt Percy. Inzwischen ist er neun. Und der hat mich therapiert. Bis dahin war es richtig schlimm. Ich habe mal zwei Leute aus einem überfluteten Auto gerettet. Und nachdem wir gerade die Frau rausgezogen hatten, habe ich gesehen, dass die auch einen Hund im Auto hatten. Den musste ich auf den Arm nehmen und ich hatte panische Angst, dass er mich beißt, während ich ihm das Leben rette. Und das war wirklich nur ein winziger Schoßhund.
Frage: Sie haben Leute gerettet?
Antwort: Bevor ich „The Cut“ gedreht habe, waren wir auf Recherchereise in Dakota. Das ist plattes Land, keine Bäume, nichts. Und wenn es dann sehr viel regnet, ist sofort alles überflutet. Die Flüsse steigen über die Ufer. Auf einer Landstraße war eine kleine Senke komplett überspült, mitten im Nirgendwo. Wir waren nur da, weil wir für die Motivsuche querfeldein gefahren sind. Und in dieser Senke steckte ein umgekippter Wagen fest. Nur die die Beifahrerseite guckte noch aus dem Wasser. Und ständig drehten sich die Reifen. Da waren also Leute drin. Die brauchten Hilfe. Das war im März, es lag noch Schnee und wir hatten natürlich nicht die richtigen Klamotten an. Also haben wir alles hochgekrempelt und sind barfuß ins eiskalte Wasser. Im Auto haben wir ein altes Ehepaar entdeckt. Er war schon halb unter Wasser und völlig unterkühlt, sie auch. Und dann haben wir die beiden da rausgezogen.
Frage: Haben Sie die Leute in eine Klinik gebracht?
Antwort: Wir wollten einen Krankenwagen rufen. Aber erstmal war da kein Netz. Meine Assistentin musste einen Hügel hoch, bis sie die Feuerwehr erreicht hat. Als sie das Ehepaar dann versorgt hatten, kamen die Feuerwehrleute zu uns: „Ey, sagt mal, hier auf der Landstraße ist sonst niemand. Was habt ihr hier bloß gemacht? Ohne euch wären die beiden jetzt tot.“ Na, wir waren eben Filmemacher aus Europa, die zum einzig richtigen Zeitpunkt im Nirgendwo recherchieren wollten.
Frage: Besteht zwischen Ihnen heute noch Kontakt?
Antwort: Eine Weile haben die beiden uns zu Weihnachten Karten geschrieben, auf denen stand, dass Jesus uns liebt. Das waren sehr religiöse Leute. Aber eben auch damals schon alt. Seit einer Weile kommt nichts mehr.
Frage: Ich weiß gar nicht, wie ich nach der Geschichte noch weitermachen soll. Eigentlich wollte ich jetzt was zu wilden Tieren fragen.
Antwort: Die haben wir am Schwarzen Meer natürlich auch erlebt. Als Kinder haben wir mal aus Versehen Haie gefangen. Die hatten sich im Netz verfangen und bissen wild um sich. Die Fischer haben uns gesagt, dass man die nicht essen kann. Zurückwerfen haben wir uns auch nicht getraut. Wir hatten schon „Der weiße Hai“ gesehen und wollten die nicht anfassen. Unsere waren natürlich kleiner, eher so armlange Micky-Maus-Haie. Scharfe Zähne hatten sie aber trotzdem. Wir hatten Angst und wussten nicht, was wir tun sollen. Und die Haie zappelten im Netz. Dann hat einer meiner Cousins die Ruderpinne genommen und immer wieder auf die Haie eingedroschen. Als sie tot waren, hatten wir ein schlechtes Gewissen. Damit sie wenigstens irgendwer isst, haben wir die Haie den Katzen gegeben, die da überall rumlaufen. Und das war noch mal wie ein Schock. Weil – auf einmal war da eine riesige Schar und hat die Haie in Sekunden weggefressen. Als wir wieder was sehen konnten, waren nur noch Köpfe und Knorpel da.
Frage: Bei unserem letzten Gespräch haben Sie gesagt, dass es drei Dinge gibt, bei denen man als Regisseur nur verlieren kann: Kinder, Tiere und Wasser. „Amrum“ versammelt das jetzt alles auf einmal. Was war am schlimmsten?
Antwort: Eine Kombination aus Kind und Wasser. Wir haben eine Szene gedreht, wo ein Junge im Priel zu ertrinken droht. Man denkt als Regisseur ja immer, man ist der zweite Werner Herzog – ein Filmkünstler, der sich mit den Elementen anlegt. Herausforderung angenommen! Das Wasser wird mir schon gehorchen! Dachte ich. Und dann stehst du da und richtest die Kamera ein. Und weil es kalt ist, packst du den Jungen dann auch noch in Neopren. Damit geht er aber nicht mehr unter, wenn du ihm nicht schnell noch Gewichte umhängst. Der Tide ist das alles egal. Die macht weiter, bis kein Wasser mehr im Priel ist, in dem dieser 1,80 Meter große Kerl noch untergehen kann. In der Nordsee legst du dich mit dem Mond an. Alter, das hat mich demütig gemacht.
Frage: Den Stoff von „Amrum“ hat die Kriegskindheit des Regisseurs Hark Bohm geliefert. Sie selbst nennen das Ergebnis: „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“. Wie kam es dazu und was genau bedeutet das?
Antwort: Hark hat mich überredet, dass ich seinen Film mache. Und ich habe ihn überredet, dass es ein anderer wird als der, den er sich vorgestellt hat. Er wollte so ein riesiges Nazi-Gedöns machen, monumental angelegt, mit nachgebauten KZs und mindestens drei Stunden lang. Und ich soll das Ganze produzieren.
Frage: Und damit auch das finanzielle Risiko tragen.
Antwort: Für einen Film, der mindestens so 20 Millionen gekostet hätte. Ich habe ihm gesagt: Das kriege ich nicht finanziert. Und so war es dann auch. Versucht hatte ich’s nämlich trotzdem. Dann war es erstmal aus – und ich sehe diesen alten Mann wirklich am Boden zerstört. Mit Tränen in den Augen. Um ihn zu trösten, hab ich gefragt: „Warum ist dir das denn so wichtig?“ „Wegen meiner Mutter“, sagt er. „Meine Mutter war Nazi. Mein Vater war in Gefangenschaft. Und ich war ein Kind und habe die Familie ernährt …“ Und dann hat er erzählt und erzählt und dabei habe ich zum ersten Mal gefühlt, was für ein Film das sein könnte. „Hark“, sag ich, „das ist doch viel geiler als der Scheiß aus deinem endlosen Drehbuch. Mach doch einfach das, was du mir da gerade erzählst. Das ist ein Mikrokosmos, alles spielt auf begrenzten Raum, du kennst das alles. Für fünf oder sechs Millionen kannst du das drehen.“
Frage: Wie wurden Sie dann vom Produzenten zum Regisseur?
Antwort: Erst wollte er selbst drehen – aber wegen seines hohen Alters war das Risiko eines Ausfalls groß. Dann wollten wir gemeinsam Regie führen, ich als sein zweiter Mann, so wie Wenders das beim letzten Film von Antonioni gemacht hat. Das fand ich romantisch. Aber Hark wurde krank und konnte die Wohnung nicht mehr verlassen. Dann kam so ein dramatischer „Rocky“-Moment: Ich war bei ihm zuhause. Er hat meine Hand genommen und gesagt: „Ich möchte dir meinen Film anbieten.“ Ich war unsicher, ob Harks Film wirklich ein Teil meines Oeuvres sein sollte. Kurz danach war ich in Cannes und habe zwei französischen Regisseuren bei viel Rosé mein Problem geschildert: Finde ich einen Bezug zu dem Stoff von Hark? Deren Antwort war: „Den findest du unterwegs.“ Und so war’s dann auch.
Frage: Wo war Ihnen die Amrumer Nachkriegsgeschichte denn fremd? Und wie wurde sie doch zu Ihrem Stoff?
Antwort: Es geht um eine deutsche Familie, um Nazis, um die letzten Kriegstage. Sowas muss man präzise erzählen und nicht in Klischees. Ich wusste nicht, ob ich das kann – weil ich das alles aus meiner Familie gar nicht kenne. Da hat Hark gesagt: ‚Fatih, gerade weil deine Eltern aus der Türkei gekommen sind, bist du der Richtige. Du weißt, was es heißt, ein Außenseiter zu sein.‘ Darauf war ich noch gar nicht gekommen. Aber es stimmt: Der Junge im Film zieht vom Festland nach Amrum und wird ausgegrenzt. Damit kenne ich mich aus. Dann habe ich noch etwas Zweites entdeckt: Er wird ja auch mit Eltern groß, die überzeugte Nazis sind. Da gibt es einen harten politischen Bruch in der Familie. Und auch wenn mein Vater natürlich kein Nazi war, kenne ich das auch: Wir konnten nicht zehn Sekunden über Politik reden, ohne dass wir uns gegenseitig wirklich verletzt haben, uns und alle anderen im Raum. Das ging einfach nicht. Also haben wir irgendwann beschlossen, dass wir Politik für immer ausklammern.
Frage: Worum ging es in diesen Konflikten?
Antwort: Kurden, Minderheiten, der Völkermord an den Armeniern.
Frage: Über den Jungen im Film heißt es einmal, dass er keine Schuld am Holocaust hat – aber dass er trotzdem damit zu tun hat, eben über seine Eltern. Sie sind der besondere Fall eines deutschen Regisseurs, für den das nicht gilt. Wie wurde in Ihrer Familie über den Holocaust gesprochen?
Antwort: Das war überhaupt kein Thema: Drittes Reich, Nazis, Hitler – das kam bei uns zu Hause nicht vor. Dabei haben wir nicht in einer Parallelgesellschaft gelebt. Meine Mutter war Lehrerin, als Grundschullehrerin für türkische Klassen, aber mit deutschen Kollegen. Und mein Vater, der als Fischer eigentlich bei der Werft Blohm und Voss arbeiten wollte, war bei einer Reinigungsfirma gelandet. Und jetzt kommt’s: Sein Chef war Mitglied in der DVU. Und später war der dann auch mein Boss, als ich bei denen als Gabelstapelfahrer gejobbt habe. Aus irgendeinem Grund habe ich damals eine Glatze getragen. Und weil gerade „Schindlers Liste“ im Kino lief, hat mein DVU-Boss mich angepöbelt: Ob ich mich mit der Frisur jetzt auch mit den Hollywood-Juden solidarisieren wolle. Das solle ich mal schön lassen, weil das alles nur Propaganda von Steven Spielberg sei und es den Holocaust nie gegeben hätte. Das Nächste, was ich gemacht hab, war natürlich ins Kino zu gehen. Das war das Erlebnis, bei dem mir klar wurde, was der Holocaust war.
Frage: In der Schule kam das Thema doch hoffentlich auch vor.
Antwort: Klar. Aber der Film war für mich wichtiger als die Schule, aber beides war meine Bildung. Es gibt so ein Goethe-Zitat: „Wo wir uns bilden, da ist unser Vaterland.“ Und meine Bildung – Lesen, Schreiben, Rechnen und vor allem meine komplette Filmbildung – die habe ich in Deutschland bekommen. Also ist das mein Vaterland. Auch wenn mein Vater gar nicht hierherkommt. Es ist ja auch so: Die Türken und die Deutschen haben beide einen Völkermord im Gepäck. Und für mich gibt es etwas, das mich mit beiden verbindet: Das haben Menschen anderen Menschen angetan.
Frage: Die DVU war in den 1990ern eher eine Randerscheinung. Heute wählen viel mehr Leute eine Partei, in der der Holocaust verharmlost und Stimmung gegen Migranten gemacht wird. Was machen Sie, wenn Sie da Sympathisanten treffen?
Antwort: Ich glaube, dass man einen Teil davon erreichen kann. Und mit dem muss man reden. Canceln ist unser Untergang. Das ist wie bei mir im Beruf: Wenn man Filme dreht, hat man oft juristische Streitereien mit irgendwelchen Leuten. Und da gibt’s für mich eine Regel: Bevor wir die Anwälte einschalten, kann ich die Person noch einmal anrufen. Ganz oft klappt es dann. Der liebe Gott oder die Evolution oder was auch immer hat uns den Mund ja nicht nur gegeben, damit wir Schollen oder Kaninchen essen. Wir können auch miteinander reden.