Auricher Stadtentwicklung  Ein Glaspalast mit vielen Leben – bewegte Geschichte der Markthalle

Udo Hippen
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Von Udo Hippen
| 27.09.2025 12:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Erfolgsgeschichte: Rund 20 Jahre lang war die Markthalle Frischetempel und großer Mittagstisch in der Auricher Innenstadt. Die Corona-Pandemie bremste diese Ära endgültig aus. Foto: Udo Hippen
Erfolgsgeschichte: Rund 20 Jahre lang war die Markthalle Frischetempel und großer Mittagstisch in der Auricher Innenstadt. Die Corona-Pandemie bremste diese Ära endgültig aus. Foto: Udo Hippen
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Die Markthalle ist Schauplatz großer Visionen und tiefer Enttäuschungen. Nach dem jüngsten Brand hoffen viele Auricher auf einen baldigen Neuanfang. Ein Streifzug durch die wechselhafte Geschichte.

Aurich - Mitten auf dem Auricher Marktplatz thront ein Bauwerk, das wie kaum ein anderes für die wechselvolle Geschichte der Innenstadt steht: die Markthalle. Was heute als Café Extrablatt bekannt ist, begann vor fast 35 Jahren als ambitioniertes Brauhaus-Projekt. Die Geschichte dieses „Glaspalasts“ ist eine Reise durch Höhen und Tiefen, durch Glanzzeiten, Leerstand und immer wieder neue Anläufe.

Filigraner Baukörper: Im April 1991 eröffnete das Brauhaus in der Markthalle. Was folgte, war eine Zeit des Erfolgs. Brauhäuser lagen in den 1990er-Jahren bundesweit im Trend. Foto: Archiv ON
Filigraner Baukörper: Im April 1991 eröffnete das Brauhaus in der Markthalle. Was folgte, war eine Zeit des Erfolgs. Brauhäuser lagen in den 1990er-Jahren bundesweit im Trend. Foto: Archiv ON

Ein Brauhaus als Symbol des Auricher Aufbruchs

Als 1990 die Bauarbeiten für das neue Brauhaus auf dem Marktplatz begannen, war die Aufbruchsstimmung in Aurich mit Händen zu greifen. Die Stadtplaner und der Architekt Gerd Seele hatten eine Vision: Mit einer filigranen, lichtdurchfluteten Konstruktion aus Glas und Stahl sollte ein Bindeglied zwischen Fußgängerzone und Norderstraße geschaffen werden. Die Autos verschwanden in der neuen Tiefgarage, oben feierte Aurich mit großem Tamtam Richtfest.

Hochbetrieb in der Anfangszeit: Das Brauhaus war Anfang der 1990er-Jahre Szenetreff und Publikumsmagnet. Gut zu erkennen sind die Braukessel. Foto: Archiv ON
Hochbetrieb in der Anfangszeit: Das Brauhaus war Anfang der 1990er-Jahre Szenetreff und Publikumsmagnet. Gut zu erkennen sind die Braukessel. Foto: Archiv ON

Im April 1991 war es dann so weit: Das Brauhaus öffnete seine Türen – und wurde sofort zum Magneten. Die Auricher Prominenz gab sich zur Eröffnung die Klinke in die Hand, und an sehr guten Tagen flossen acht Hektoliter Bier durch die Zapfhähne. Die Politik- und Stadtspitze traf sich unter dem Glasdach – das Publikum war bunt gemischt. Doch der Erfolg hatte seine Tücken: Die Ausschanktanks waren zu klein, und als das Bier nicht mehr aus Bayern, sondern aus eigener Produktion kam, machte sich Skepsis breit. Der von den Ostfriesischen Nachrichten geprägte Begriff „Auricher Maracujabrause“ steht bis heute für die geschmacklichen Experimente jener Zeit.

Schandfleck mitten auf dem Marktplatz: Nach dem Ende des Brauhauses fristete die Markthalle ein unansehnliches Dasein. Erst die Neueröffnung als Frischetempel prägte eine neue Ära. Foto: Archiv ON
Schandfleck mitten auf dem Marktplatz: Nach dem Ende des Brauhauses fristete die Markthalle ein unansehnliches Dasein. Erst die Neueröffnung als Frischetempel prägte eine neue Ära. Foto: Archiv ON

Aurichs große Vision drohte zu scheitern

Trotz aller Euphorie war das Brauhaus wirtschaftlich nicht auf Dauer tragfähig. Platzmangel in der Küche, technische Probleme in der Brauerei und ein nachlassender Trend führten dazu, dass das Kapitel Brauhaus schon 1994 endete. Ein letzter Betreiber versuchte noch, das Ruder herumzureißen – vergeblich. Der Glaspalast wurde zum Schandfleck, Bauzäune und fliegende Händler prägten das Bild. Die große Vision drohte zu scheitern.

Schandfleck mitten auf dem Marktplatz: Nach dem Ende des Brauhauses fristete die Markthalle ein unansehnliches Dasein. Erst die Neueröffnung als Frischetempel prägte eine neue Ära. Foto: Archiv ON
Schandfleck mitten auf dem Marktplatz: Nach dem Ende des Brauhauses fristete die Markthalle ein unansehnliches Dasein. Erst die Neueröffnung als Frischetempel prägte eine neue Ära. Foto: Archiv ON

Doch Aurich gab nicht auf. Ende der 1990er-Jahre gründete sich eine Markthallenbetreibergesellschaft, die mit Unterstützung der Stadt rund 1,3 Millionen Euro investierte. Die offene Konstruktion wurde zur geschlossenen Markthalle umgebaut, die einstigen Seitenschiffe – ursprünglich für Wochenmarktbeschicker gedacht – wurden dicht gemacht. Das neue Konzept schlug ein: Mehr als 20 Jahre lang war die Markthalle ein beliebter Treffpunkt mit vielfältigem Angebot und reichem Mittagstisch.

Bundesweites Alleinstellungsmerkmal: Ab 2010 hat sich die Markthalle zehn Jahre lang in der Weihnachtszeit in Deutschlands größtes Knusperhaus verwandelt. Foto: Udo Hippen
Bundesweites Alleinstellungsmerkmal: Ab 2010 hat sich die Markthalle zehn Jahre lang in der Weihnachtszeit in Deutschlands größtes Knusperhaus verwandelt. Foto: Udo Hippen

Ein besonderes Kapitel schrieb die Markthalle in der Weihnachtszeit: Zehn Jahre lang wurde sie zum bundesweit beachteten „Knusperhaus“, dem größten seiner Art in Deutschland. Der Duft von Lebkuchen und Glühwein, festliche Dekorationen und ein buntes Programm lockten Besucher aus nah und fern. Die Markthalle war ein Ort der Begegnung.

Wieder am Scheideweg: Leerstand und Hoffnung

Doch auch diese Ära ging zu Ende. 2022 zogen die letzten Mieter aus, der Betrieb der Markthalle wurde nicht verlängert. Wieder drohte Leerstand, wieder stand das Gebäude am Scheideweg. Die Stadt Aurich investierte zwei Millionen Euro in eine Kernsanierung, um dem Glaspalast neues Leben einzuhauchen. Die Caféhauskette Extrablatt aus Emsdetten wurde als neuer Betreiber gewonnen und steckte weitere 1,6 Millionen Euro in die Inneneinrichtung.

Eingebettet in das Auricher Erntefest: Damals noch als Brauhaus ist der luftige Baukörper der Markthalle zu erkennen. Für den gastronomischen Betrieb konnte nur das Mittelschiff genutzt werden. Foto: Archiv ON
Eingebettet in das Auricher Erntefest: Damals noch als Brauhaus ist der luftige Baukörper der Markthalle zu erkennen. Für den gastronomischen Betrieb konnte nur das Mittelschiff genutzt werden. Foto: Archiv ON

Doch das Café Extrablatt steht in Aurich bislang unter keinem guten Stern. Erst verzögerte ein massiver Wasserschaden die für den 14. Februar geplante Eröffnung um mehrere Monate. Kaum war das Lokal im Juni endlich eröffnet, folgte am 10. September der nächste Rückschlag: Ein Brand in der Küche verursachte einen Millionenschaden, dichter Rauch füllte die einstige Markthalle, die Feuerwehr war mit 75 Kräften im Einsatz. Verletzt wurde zum Glück niemand, doch das Café ist bis auf Weiteres geschlossen. Die Ermittlungen zur Brandursache haben einen Kabelbrand ergeben, die Schäden durch Rauch, Ruß und Löschwasser sind erheblich.

Hoffen auf den baldigen Wiederaufbau

Für Betriebsleiter David Zirnsack und sein Team ist es ein Schock: Schon zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres stehen sie vor einem zerstörten Lokal. Die Stadt Aurich und Bürgermeister Horst Feddermann zeigen sich betroffen, hoffen aber auf einen baldigen Wiederaufbau. Denn das neue Angebot wurde von den Aurichern gut angenommen. Das Café Extrablatt war auf dem besten Weg, die Markthalle wieder zum lebendigen Mittelpunkt der Innenstadt zu machen.

Ein Bauwerk in Aurich mit vielen Gesichtern

Die Geschichte der Auricher Markthalle ist eine Geschichte von Visionen, Rückschlägen und immer neuen Anläufen. Vom Brauhaus über den Frischetempel und das Knusperhaus bis zum Café Extrablatt hat der Glaspalast viele Gesichter gezeigt. Er war Symbol des Aufbruchs, Schandfleck, Weihnachtswunder und Hoffnungsträger zugleich. Wie es weitergeht, steht im Detail noch nicht fest – doch eines ist sicher: Die Markthalle bleibt ein Stück gelebte Stadtgeschichte, das Aurich immer wieder neu herausfordert.

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