Hannover Der ländliche Raum stirbt aus? Wo in Niedersachsen die Bevölkerung wirklich schrumpft
Trotz demografischem Wandel wächst die Bevölkerung in Niedersachsen – dank Migration aus dem Ausland. Doch wo zieht es die neuen Niedersachsen hin? Und welche Regionen werden trotzdem schrumpfen?
Ziemlich genau acht Millionen Menschen leben derzeit in Niedersachsen, und es werden immer mehr. Seit 1990 ist die Bevölkerung im viertgrößten deutschen Bundesland um etwa elf Prozent gewachsen, seit der Wiedervereinigung kamen rund 770.000 Einwohner dazu.
Fast drei von vier niedersächsischen Gemeinden haben zwischen 2018 und 2023 Einwohner hinzugewonnen; vor allem im ländlichen Raum. Im Landkreis Cloppenburg wuchs die Bevölkerung in den letzten 20 Jahren beispielsweise um fast 20 Prozent. Die Geburtenrate ist hier mit die höchste Deutschlands, nirgendwo in Niedersachsen gibt es mehr Minderjährige und so wenig Senioren. Auch im Emsland wuchs die Bevölkerung in den letzten Jahren deutlich an.
Eigentlich ist der Trend ein anderer: Seit rund 50 Jahren sterben in Niedersachsen mehr Menschen, als geboren werden. Hinzu kommt: Seit der Wiedervereinigung sind mehr Menschen aus Niedersachsen in andere Bundesländer gezogen, als umgekehrt.
Dass Niedersachsen trotzdem wächst, liegt an der Migration aus dem Ausland. Diese wird bei der Bevölkerung mitgezählt, da hierfür der Wohnsitz und nicht die Staatsbürgerschaft relevant ist. Seit 1990 stieg der Anteil von Ausländern stetig an, heute sind es in Niedersachsen rund eine Million.
Etwa jeder vierte Ausländer hatte 2022 einen Flüchtlingsstatus. Diese kamen in den 1990er Jahren zunächst aus dem ehemaligen Jugoslawien, ab den 2010er Jahren aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak, zuletzt auch vermehrt aus Kolumbien. Seit 2022 spielen auch Flüchtlinge aus der Ukraine eine bedeutende Rolle, von denen laut Flüchtlingsrat aktuell rund 110.000 in Niedersachsen leben.
Insgesamt hat sich die Zahl von Flüchtlingen mit Aufenthaltsgenehmigung seit 2015 mehr als verdreifacht. Trotzdem machen Flüchtlinge nur rund drei Prozent der niedersächsischen Bevölkerung aus. Der Großteil der hier lebenden Ausländer sind Arbeitsmigranten, die in den 1990er Jahren vor allem aus der Türkei, später auch aus Kasachstan oder Russland und nach der EU-Erweiterung 2004 aus Polen, Rumänien und Bulgarien nach Niedersachsen kamen. Jeder vierte Niedersachse hat heute einen Migrationshintergrund.
Wo die Geburtenrate vergleichsweise hoch, die Bevölkerung eher jung und die Region für Migranten aus dem In- und Ausland attraktiv ist, wird die Bevölkerung zukünftig leicht wachsen, prognostiziert das Landesamt für Statistik. Im Emsland beispielsweise sind im letzten Jahr zwar fast 700 Personen verstorben. Doch weil die Geburtenrate hoch ist und sogar noch mehr Menschen dorthin zogen, als in die Stadt Osnabrück, gibt es in diesem Jahr 1.086 Emsländer mehr.
Ähnliches gilt auch für die Grafschaft Bentheim, das Ammerland und die Landkreise Cloppenburg und Vechta. Und auch andernorts wird die Bevölkerung der Prognose zufolge wachsen. Die Landkreise Harburg, Lüneburg und Stade beispielsweise profitieren dabei auch von der Nähe zu Hamburg, der Landkreis Hannover von der guten Anbindung an die Landeshauptstadt.
Doch nicht alle Regionen Niedersachsens können den demografischen Wandel durch Migration ausgleichen. Ein Beispiel: In der Stadt Osnabrück sind im letzten Jahr insgesamt 337 Menschen mehr verstorben, als neue geboren wurden, aber 737 mehr Menschen hinzu- als weggezogen. Unterm Strich hat sich die Zahl von knapp 165.500 Einwohnern also kaum verändert.
Im Osnabrücker Umland wurden im Verhältnis zur Stadtbevölkerung nicht mehr Kinder geboren, aufgrund der älteren Bevölkerung sind aber mehr Einwohner verstorben. Und während die Stadt durch die Migration im letzten Jahr 737 neue Einwohner gewann, hat der Landkreis 105 verloren. Folglich sank im letzten Jahr die Bevölkerung niedersachsenweit nur in Braunschweig stärker als im Landkreis Osnabrück.
Im südöstlichen Niedersachsen sinkt die Bevölkerungszahl schon länger. Bis 2042 werden viele Regionen weiter schrumpfen, prognostiziert das Landesamt für Statistik. Neben dem Göttinger Umland werden der Landkreis Lüchow-Dannenberg, der Heidekreis und die Stadt Bramsche am stärksten vom Bevölkerungsrückgang betroffen sein. Und auch in den Großstädten Braunschweig und Osnabrück wird die Einwohnerzahl demnach wohl zurückgehen, etwas weniger drastisch auch in Emden und Wilhelmshaven.
Auf ganz Niedersachsen bezogen wird die Migration den demografischen Wandel laut Prognose nicht nur ausgleichen, sondern sogar überkompensieren. Für das Jahr 2042 rechnet das Landesamt für Statistik deshalb mit rund 8,3 Millionen Niedersachsen.