Osnabrück „Die Kinder haben Angst, dass auffällt, wie sie leben“: Osnabrücker Rat schiebt Hilfen an
Dass Kinderarmut in Osnabrück nicht irgendein abstraktes Problem ist, hat Martin Büker (Grüne) in der jüngsten Ratssitzung sehr deutlich gemacht. Als Berufsschullehrer kennt er genug junge Menschen, die betroffen sind. Wie er die Not wahrnimmt – und was die Stadt nun tun will.
Martin Büker ist nicht nur Ratsmitglied der Grünen im Osnabrücker Stadtrat, sondern auch Berufsschullehrer an der BBS Haste. Wenn es um Kinderarmut geht, dann kennt er aus seinem Berufsalltag die Folgen. „Kinder, die in Armut aufwachsen, leben in der Angst, dass auffällt, wie sie leben”, betonte er in der jüngsten Ratssitzung. Das führe dazu, dass es ihnen schwerfalle, sich im Unterricht zu konzentrieren. Und zu Hause müssten sie oft in beengten Verhältnissen ohne eigenen Schreibtisch lernen.
Grüne, SPD und Volt hatten im Rat ein Maßnahmenpaket gegen Kinderarmut zur Abstimmung gestellt, nachdem die Stadt im Frühjahr ihr aktuelles Sozialmonitoring veröffentlicht hatte. Ein Ergebnis: Der Anteil von Kindern, deren Familien von Bürgergeld leben, beträgt stadtweit 19,2 Prozent, in Zahlen waren 4128 Kinder zum Zeitpunkt der Erhebung 2024 betroffen. In einzelnen Quartieren waren es sogar 30 bis 40 Prozent aller Kinder und mehr.
Wer mit denen spricht, die in Hilfseinrichtungen wie Arche, Quartierstreffs oder Kindertafel versuchen, diese Kinder zu unterstützen, erfährt noch mehr: Sie tragen zu klein gewordene Schuhe, weil ihre Familie kein Geld für neue hat, sie können sich mit Freunden nicht bei sich zu Hause verabreden, weil sie kein eigenes Zimmer haben, sie kommen ohne Frühstück hungrig zur Schule.
All das macht es den jungen Menschen schwer, sich aus der Finanznot herauszuarbeiten. „Kinderarmut verhindert, dass Kinder ihre Potenziale entwickeln können“, sagte SPD-Ratsmitglied Kerstin Lampert-Hodgson.
Es gibt zwar staatliche Unterstützung über das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes, aber an diese Mittel müssen die Familien erstmal herankommen. „Zu viele Familien nehmen diese Mittel nicht in Anspruch“, gab Martin Büker zu bedenken. „Gründe sind Unwissenheit, Sprachbarrieren, Probleme beim Ausfüllen der Anträge und auch Scham.“
Für die CDU betonte Eva-Maria Westermann, dass die Stadt schon einiges tue, um dem Problem zu begegnen. So habe Osnabrück das Angebot der Familienbegleiterinnen, die Familien mit ausländischen Wurzeln unterstützen, stark ausgebaut und es gebe Patenprojekte wie „Balou und Du“ – ehrenamtlich und sogar ohne Zuschuss durch die Stadt. „Die Quartierstreffs sind aktiv und erreichbar, im Schinkel, in der Dodesheide und am Rosenplatz“, so Westermann weiter. Allerdings: „Vielen Familien sind diese Möglichkeiten nicht bekannt.“
Daran soll die Stadtverwaltung nun arbeiten und außerdem untersuchen, welchen Unterstützungsbedarf bestehende Einrichtungen haben und was die Stadt sonst noch gegen Kinderarmut tun kann. Die Vorschläge der CDU-Fraktion beschloss der Rat zusammen mit den Ideen von der grün-rot-violetten Ratsmehrheit nach einigem Hin und Her einstimmig.
Nun soll die Stadtverwaltung auch prüfen, weitere Patenprojekte zu etablieren. Die Finanzierung von zusätzlichem Personal in Hilfseinrichtungen oder die Übernahme von Mietkosten sollen mit in die Haushaltsverhandlungen – und die Stadt soll ein Konzept zur Bekämpfung der Kinder- und Jugendarmut erarbeiten.
Die Haushaltsverhandlungen werden angesichts eines gewaltigen Schuldenbergs schwierig. Die „eine oder andere freiwillige Leistung“ werde wegfallen müssen, hatte Kämmerer Thomas Fillep zu Beginn derselben Ratssitzung angemahnt.
Wenn es um die Bekämpfung der Kinderarmut gehe, dürfe jedoch „kein Euro gespart“ werden, betonte Wulf-Siegmar Mierke (UWG) für die UWG/FDP-Gruppe. „Es ist an der Zeit, eigentlich schon viel zu spät, tätig zu werden“, so Mierke. „Dieser Antrag ist kein Durchbruch, sondern ein kleiner Schritt, der das Problem nicht löst“, mahnte Nicole Emektas (Die Linke). „Wir können und müssen ein deutliches Signal senden.“