Osnabrück Liebes Amerika, bitte werde keine Theokratie!
Charlie Kirk konnte klüger debattieren als viele seiner Kontrahenten. Donald Trumps MAGA-Bewegung ist jetzt aber dabei, einen Teil des Erbes des ermordeten Aktivisten zu verraten. Warum das alle alarmieren muss.
Charlie Kirk, Verteidiger der Meinungsfreiheit; Charlie Kirk, Märtyrer Gottes – die Würdigung und Verklärung des ermordeten Aktivisten in Donald Trumps Bewegung folgt diesen Erzählungen.
Kirk wusste, dass Kontroverse Aufmerksamkeit bringt. Deshalb ging er dorthin, wo er Empörung über sein christlich-konservatives Gesellschaftsbild erwartete: Unis, Debattier-Clubs, Podcasts. Er, der aus Widerspruch Energie zog, argumentierte scharfsinniger als viele seiner Kontrahenten. Kaum jemand konnte die Ansichten des Trumpismus so clever intellektualisieren wie Kirk.
Doch spätestens mit der Trauerfeier wurde die religiöse Überhöhung lauter. Kirk wurde dort etwa durch seine Witwe Erika zu einem christlichen Märtyrer stilisiert. Über seine Organisation “Turning Point USA” sagte Erika Kirk: “Die Welt braucht eine Gruppe, die junge Menschen abhält vom Weg des Kummers und der Sünde”.
Viele der anderen Redner überhöhten den Trumpismus in religiösen Floskeln. So erinnerte ein Aktivist an den Apostel Paulus, der im Neuen Testament schreibt, alle staatliche Gewalt komme von Gott. Johnson weiter: “Lasst uns beten, dass unsere von Gott eingesetzten Regierenden zur Erinnerung an Charlie das Schwert schwingen mögen, um bösen Menschen in unserer Nation Angst einzuflößen.”
Man muss diesen Griff in die dunkelste Ecke des Repertoires christlicher Herrschaftslegitimation einmal sacken lassen. Die Regierung Trump also ist nicht aus Wahlen hervorgegangen, sondern von Gott eingesetzt worden. Und sie soll Angst verbreiten unter jenen, die das MAGA-Lager als “bösartig” identifiziert.
Man mag viele der Anliegen der konservativen Bewegung in den USA für berechtigt halten oder auch für unsinnig. Beunruhigen darf aber jeden, wie aus einer politischen Bewegung eine religiöse wird. Zumindest dem Duktus nach. Denn wenn aus politischen Gegnern Feinde werden, wenn Ansichten und Lebensführung anderer als das “Böse” betrachtet werden, wenn die Regierung als von Gott eingesetzt tituliert wird: Welchen Raum gibt es dann noch für Meinungsverschiedenheiten? Welche Hoffnung auf friedliche Regierungswechsel?
Wenn die MAGA-Bewegung weiter den Kirk-Mord religiös überhöht und sich selbst verabsolutiert, dann führt sie Amerika noch stärker in die Krise – und verrät, ganz nebenbei, Werte, für die Charlie Kirk dem eigenen Bekunden nach selbst stritt: den friedlichen Widerspruch, den respektvollen Diskurs.